Ganz so gespalten, wie viele befürchteten, ist die SPD offensichtlich doch nicht. Fast 90 Prozent für Norbert Walter-Borjans und immerhin gut 75 für die ausgewiesene GroKo-Kritikerin Saskia Esken: Die beiden neuen Vorsitzenden der Sozialdemokratie starten mit überraschend starkem Rückenwind. Der Parteitag in Berlin stattet die beiden Neuen an der Parteispitze mit einem gewaltigen Vertrauensvorschuss aus.

Wirklich verdient haben sie ihn nicht. Den Weg an die Spitze schafften sie, weil sie der Basis beim Mitgliederentscheid vorspiegelten, dass eine Stimme für sie eine Stimme für den Ausstieg aus der großen Koalition sei. Kaum sind die beiden gewählt, heißt es: April, April. Die Koalition mit der Union platzen zu lassen, bedeutet, Neuwahlen zu riskieren. Die SPD hat allen Grund, sie zu fürchten. Das leuchtete den beiden Möchtegern-Revolutionären ein, noch bevor sie offiziell auf den Schild gehoben wurden. Deshalb ruderten sie in der GroKo-Frage zurück, als es ernst wurde. Selbst Juso-Chef Kevin Kühnert, der große Strippenzieher bei der Mitgliederbefragung, dreht sich in der GroKo-Frage im Kreis. Man kann es Praxisschock nennen.

Abschiedsparty statt Wiedergeburt

Die Folgen lassen sich düster ahnen. Parteitage neigen dazu, sich selbst Mut zuzuklatschen und die Dinge schönzureden. Auch die SPD zelebriert in ihrer Verzweiflung diese Unsitte geradezu, Esken verheißt eine Verdoppelung der Wählerstimmen. Zu befürchten steht das Gegenteil: Was die Genossen in Berlin veranstalten, ist keine Wiedergeburt, sondern eher eine Abschiedsparty. So wie sich die SPD bei diesem Parteitag präsentiert, kann es nur noch weiter abwärts gehen, sobald sich die Hallentüren in Berlin schließen und die Sozialdemokraten wieder im Alltag ankommen.

Das beginnt schon beim neuen Spitzenduo. Ein Ruheständler aus dem Rheinland und eine unbekannte Bundestagsabgeordnete aus dem Nordschwarzwald sollen möglich machen, woran ausgefuchste, bestens vernetzte Parteiprofis wie Sigmar Gabriel und Olaf Scholz scheiterten. Den Weg an die Spitze schafften die Außenseiter Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken, weil unter den Mitgliedern das Misstrauen gegen die Parteiprominenz übermächtig geworden ist. Die Führung hat den Karren in den Graben gefahren, deshalb muss sie weg, egal um welchen Preis: Das ist die Stimmung, die diesen Wechsel möglich macht.

Raus aus der Regierung – aber wann?

Nichts ist so schnell vergessen wie die Erfolge von gestern, sagte ein Delegierter in Berlin zu Recht. Die Sozialdemokraten machen sich überflüssig, weil sie in den Augen vieler Wähler für die Zukunft nicht mehr viel zu bieten haben. Daran ist nicht allein die Parteiführung im Willy-Brandt-Haus verantwortlich: Überall in Europa schrumpfen sozialdemokratische Parteien auf Zwergenmaß. Doch die SPD weigert sich standhaft, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Für das neue Führungsduo ist nur klar: Wir müssen weiter nach links und wir müssen raus aus der Regierung – zumindest irgendwann. Länder, in denen Sozialdemokraten Wahlen gewinnen, lehren etwas anderes. In Dänemark schaffte Regierungschefin Mette Frederiksen den Wahlsieg, weil sie eine großherzige Sozialpolitik mit einem strengen Kurs bei der Einwanderung verknüpfte. Damit gelang es, alte Stammwähler bei der Stange zu halten und zugleich Wähler bis weit in konservative Kreise hinein zu überzeugen.

Der Preis der Selbstbeschäftigung

Bei der deutschen Sozialdemokratie ist daran nicht zu denken. Sie ist dabei, die Mitte vollends abzuschreiben – obwohl sie es besser wissen müsste. Die SPD war immer dann am erfolgreichsten, wenn sie Politiker an der Spitze hatte, die auch bürgerliche Wähler erreichen konnten, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, auf seine Weise auch Willy Brandt. Aber Norbert Walter-Borjans? Saskia Esken? Im Wahlkampf werden die Wähler, die ihr Kreuz irgendwo zwischen Rot und Grün machen, dieses Duo an Robert Habeck und Annalena Baerbock messen. Die einen stehen für das Gestern, die anderen für das Morgen. Wundert sich da die SPD, dass sie weiter schrumpft und die grüne Konkurrenz weiter wächst?

„In die neue Zeit“ – unter diesen Leitspruch haben die Sozialdemokraten diesen Parteitag gestellt. Er klingt wie ein schlechter Witz. Der Preis, den die Partei für ihren Therapieversuch zahlt, heißt Selbstbeschäftigung. Seit sie in der großen Koalition mitregiert, rotiert die deutsche Sozialdemokratie um sich selbst: Erst kommt der Stallgeruch der Partei, dann lange gar nichts mehr. Walter-Borjans und Esken sind die Gesichter dieser Gewichtsverlagerung. Parteivorsitzende wurden sie, weil der harte Kern der Mitgliederschaft es so will. Ihre Strahlkraft für kommende Wahlkämpfe spielt bei dieser Entscheidung keine Rolle. Es wird sich rächen.