Ich kann sie schon förmlich hören, die Kritik: Mal wieder eine Wessi, die meint, über Ossis urteilen zu müssen. Hat eigentlich mal jemand einen Brief an „die Westdeutschen“ verfasst? Oder pauschal darüber berichtet, was da eigentlich „im Westen“ los ist? Über den Osten reden wir Medien ja permanent in dieser Form. Als ob er ein fremdes Territorium wäre – unverständlich, fern, exotisch. Als ob „die Ostdeutschen“ alle eine uniforme Masse wären. Was natürlich Blödsinn ist.

Zeit für eine Entschuldigung

Dafür, liebe Ostdeutsche, will ich mich bei Euch entschuldigen. 30 Jahre nach der Wende denken wir immer noch in den Kategorien West und Ost. Das ist oft ziemlich daneben und kontraproduktiv. Denn es erzeugt eine Art Lagermentalität, die letztlich dazu führen kann, dass Gegensätze sich immer noch verstärken. Aber – natürlich gibt es auch ein Aber – manchmal kommt man eben doch nicht umhin, den Osten als Einheit zu betrachten. Leider.

Die unsichtbare Mauer

Zum Beispiel, wenn es um die jüngsten Wahlergebnisse geht. Spätestens bei der Europawahl im Mai und den beiden Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg vor einer Woche denke ich, dass auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer eine unsichtbare politische Grenze durch Deutschland verläuft: Während die Grünen im Westen deutlich zulegten, wählte der Osten zunehmend blau. Klar, AfD-Hochburgen gibt es auch im Westen, übrigens auch im Südwesten. Aber nirgends liegen sie so dicht an dicht wie im Osten.

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Wenn ich mir dann noch die Wahlergebnisse nach Altersgruppen anschaue, komme ich endgültig ins Grübeln. Gerettet wurden CDU und SPD nämlich von den 60plus-Wählern, ausgerechnet denen also, die vermutlich am meisten unter den Folgen den Wende gelitten haben und deswegen zumindest ein gewisses Anrecht darauf haben, verbittert zu sein. Bei den Wählern unter 30 kam die AfD jeweils auf stolze 22 Prozent. In Sachsen lag sie damit an erster Stelle in diesem Alterssegment, in Brandenburg an zweiter. Warum? Ist es im Osten etwa cool, rechts zu sein und Typen mit Neonazi-Verbindungen wie Andreas Kalbitz zu wählen? Dann wäre es schon verdammt weit gekommen. Echt mal jetzt, liebe Ostdeutsche, könnt Ihr mir das mal erklären?

Abgehängtsein erklärt nicht alles

Ich weiß, es gibt Erklärungsmuster für manches. Relativ einheitlich (schlecht) kommt der Osten zum Beispiel bekanntlich auch bei den Lebensverhältnissen daher: Beim „Teilhabeatlas“ von Berlin-Institut und der Wüstenrot Stiftung ist der Osten – mal abgesehen von den urbanen Zentren – einheitlich blau-grau eingefärbt. Und das steht für „abgehängte Region“: weniger Einkaufsmöglichkeiten, weitere Wege zum Arzt oder langsameres Internet.

Ich kann verstehen, dass das zu Frust führt. Aber soll das wirklich als Ausrede dafür herhalten, dass immer mehr ihr Kreuz bei Rechtspopulisten machen? Glaubt irgendjemand im Ernst, dass durch eine solche Wahlentscheidung irgendetwas besser wird? Liebe Ostdeutsche, ach was, lassen wir diese Pauschalisierungen – liebe Aus-Frust-Rechtswähler, geht mal in Euch!

Mit freundlichen Grüßen,

Angelika Wohlfrom
Redaktion Politik