Herr Strobel, Sie waren Anfang der 70er-Jahre auf der Gorch Fock als einer von fünf Köchen verantwortlich für das leibliche Wohl von 260 Mann. Ist der Job auf einem Segelschiff eine Herausforderung?

Ja, gewiss! Wenn das Schiff drei Monate auf See ist, muss man genau planen. Wir konnten nur Gemüse, Obst und Eier im Ausland nachkaufen, alles andere musste auf knappem Raum eingelagert werden. Und bei großer Schräglage und bei wildem Seegang ist das Kochen eine große Kunst. Mir selbst war die Bedeutung meiner Arbeit in der Kombüse anfangs gar nicht klar. Ich wusste nicht, dass die Verpflegung deshalb so wichtig ist, nicht nur, weil die Besatzung einen anstrengenden Dienst verrichtet, sondern weil die Mahlzeiten auch eine soziale Funktion haben. Es gab ja damals an Bord praktisch nichts, um sich zu unterhalten und abzulenken . .

Hubert Strobel 1970 in Marine-Uniform mit Gorch-Fock-Band an der Mütze.
Hubert Strobel 1970 in Marine-Uniform mit Gorch-Fock-Band an der Mütze. | Bild: Strobel
Heute ist Hubert Strobel 72 und fährt immer noch zum jährlichen Treffen der Gorch-Fock-Bordkameradschaft in Kiel.
Heute ist Hubert Strobel 72 und fährt immer noch zum jährlichen Treffen der Gorch-Fock-Bordkameradschaft in Kiel. | Bild: Strobel

Scheint ein spartanisches Leben gewesen zu sein . . .

Das einzige Radio an Bord stand damals auf der Kommandobrücke. Fernsehen und Telefon gab es nicht. Nach dem Kapitän war der Koch quasi der zweitwichtigste Mann an Bord. Wenn man an Deck bei schlechtem Wetter gegen die Elemente arbeiten muss und danach müde ist, will man eben etwas Gutes auf dem Teller haben.

Ein Gorch-Fock-Matrose hat mal in sein Tagebuch geschrieben: „Irgendwie macht der Scheiß hier Spaß.“ Was an Bord ist Scheiß – und was ist Spaß?

Im Grunde kommmen die jungen Leute von der Schule weg nach einer kurzen Grundausbildung an Bord, meistens mit dem Abitur in der Tasche. Auf der Gorch Fock müssen sie plötzlich eine Arbeit verrichten, die sie überhaupt nicht kennen, und sie müssen vor allem zusammenarbeiten. So lernt man innerhalb kurzer Zeit, dass man so ein großes Segelschiff nur dann bewegen kann, wenn man gemeinsam an einer Sache arbeitet. Das war damals eine gute Schule und ist es sicher auch heute noch.

Aber die Sache ist schweißtreibend . . .

Genau, und daher finden die Kadetten ihren Job am Anfang richtig blöd. Das Brüllen der Unteroffiziere – wenn die Kommandos gegeben werden – empfinden sie als unerträglich. Aber die Befehle müssen ins Megaphon gebrüllt werden, damit sie akustisch verstanden werden. Denn der Wind ist nicht leise, sondern laut, und an Bord knattert und scheppert es überall, wenn man hart am Wind segelt. Auch die See macht richtig Krach und es spritzt, wenn sich die Wellen aufbäumen. Die Leute werden nass, und der Job ist dann wirklich nicht angenehm. Aber irgendwann, wenn man sieht, was man leistet und geleistet hat, macht die Arbeit an Bord Spaß.

Auf den Marine-Nachwuchs wartet ein spartanisches Leben: Blick auf Hängematten in einem der vier Kadetten-Schlafsäle an Bord der Gorch Fock. Für jedes Besatzungsmitglied steht ein Spind für die Kleidung zur Verfügung.
Auf den Marine-Nachwuchs wartet ein spartanisches Leben: Blick auf Hängematten in einem der vier Kadetten-Schlafsäle an Bord der Gorch Fock. Für jedes Besatzungsmitglied steht ein Spind für die Kleidung zur Verfügung. | Bild: Angelika Warmuth / dpa

Der Lebensraum an Bord ist beengt. Eine harte Umstellung für die Kadetten?

Ja, die Enge gehört auch zum Scheiß, von dem der Matrose geschrieben hat. Man ist doch stark eingeschränkt in seiner Privatsphäre. Es gibt nur Gemeinschaftsduschen, und zu unserer Zeit wurde noch mit Salzwasser geduscht. Das ist ein spartanisches Leben, und das kommt einem am Anfang ziemlich beschissen vor. Man hat sich jedoch schnell daran gewöhnt, und dann findet man es eigentlich gut.

Ein Erster Offizier der Gorch Fock hat mal als pädagogisches Experiment angeordnet, das Deck für drei oder vier Tage nicht zu schrubben. Plötzlich haben die Soldaten ohne Befehl für Sauberkeit gesorgt . . .

Ganz genau das ist ja ein Effekt der Ausbildung auf der Gorch Fock. In meiner Zeit auf dem Schiff habe ich mehr als 600 Kadetten gesehen und ich habe oft die Moserei gehört, wenn es hieß: Rein Schiff! Aber als sie von Bord gingen, da waren alle traurig.

Gorch-Fock-Kommandant Nils Brandt steht an Deck, die Hand zum Gruß an der Mütze. Im Vordergrund die Schiffsglocke mit der Jahreszahl "1958". Damals lief das Schiff vom Stapel.
Gorch-Fock-Kommandant Nils Brandt steht an Deck, die Hand zum Gruß an der Mütze. Im Vordergrund die Schiffsglocke mit der Jahreszahl "1958". Damals lief das Schiff vom Stapel. | Bild: Carsten Rehder / dpa

Begründet diese Erfahrung die Weiterverwendung der Gorch Fock als Schulschiff?

Viele Leute fragen: Warum brauchen wir heute in der Zeit des Internets und mit all der modernen Waffentechnik ein Segelschiff in der Marine? Darum geht es nicht. Die militärische Ausbildung steht auf der Gorch Fock ganz am Ende. Es ist wichtig, dass ein Soldat, der in der Marine Offizier sein will, weiß, wie man ein Segelschiff führt. Man muss wissen und lernen – und nirgends kann man das besser als auf der Gorch Fock – dass ein Soldat, der etwa an einem Schaltpult sitzt und einen Knopf drückt, allein nichts ausrichten kann, sondern dass es immer die Gemeinschaft braucht. Auf dem Segelschiff lernt man die Seefahrt. Das ist es, was ein künftiger Offizier und Kapitän braucht.

Blick auf den Steuerstand der Gorch Fock. Bei schwerer See und Sturm stehen an jedem Steuerrad links und rechts zwei Mann. Links hinten der neue Schlot für die Abgase des neuen, 1600 PS starken Schiffsdiesels.
Blick auf den Steuerstand der Gorch Fock. Bei schwerer See und Sturm stehen an jedem Steuerrad links und rechts zwei Mann. Links hinten der neue Schlot für die Abgase des neuen, 1600 PS starken Schiffsdiesels. | Bild: imago stock&people

Also ein Kapitän als Seemann alter Schule?

Ja, und dafür steht die Gorch Fock. Das seemännische Handwerk, das Wissen, wie man zum Beispiel den richtigen Knoten macht, gehört eben auch dazu und nicht nur Nautik mit Hilfe von Satelliten oder das Abfeuern von Bordraketen auf einem modernen Kriegsschiff. Man kann das Handwerk sicher auch auf einem anderen Schiff lernen – aber nicht so schnell und so tiefgreifend wie auf der Gorch Fock. Hier heißt es eben nach alter Tradition: Eine Hand für mich, und eine Hand fürs Schiff oder für meinen Kameraden.

Man lernt also auf der Gorch Fock schneller fürs Leben als Seemann?

Ja. Dieses Gefühl, eine Crew zu sein, und dieses große fast 100 Meter lange und 50 Meter hohe Schiff mit 23 riesigen Segeln zu bewegen, mit manchmal bis zu 15 Knoten auf See, was glauben Sie, was das für ein Erlebnis ist!

August 1958, Hamburg: Letzte Vorbereitungen auf dem Gelände der Werft Blohm & Voss in Hamburg vor dem Stapellauf der Gorch Fock.
August 1958, Hamburg: Letzte Vorbereitungen auf dem Gelände der Werft Blohm & Voss in Hamburg vor dem Stapellauf der Gorch Fock. | Bild: Lothar Heidtmann / dpa

Das Segeln auf so einem Schiff ist nicht ganz ungefährlich, wie mehrere tödliche Unfälle gezeigt haben. Welche Vorsorge muss man treffen?

Die Verletzungsgefahr und die Gefahr, aus den Rahen zu stürzen, ist natürlich immer da. Ein Segelschiff ist kein ungefährlicher Arbeitsplatz. Daher muss man sich sichern, etwa wenn man bei rauer See an Deck oder in der Takelage arbeitet. Aber junge Leute sind leichtsinnig. Es gibt immer Kadetten, die sich überschätzen, und es gibt sicher auch weibliche Kadetten, für die genau das gilt. Ich weiß, wovon ich spreche. Meine Stieftochter ist auf dem Forschungssegler „Alexander von Humboldt“ Leichtmatrose und klettert auf die Masten.

Was macht man, damit das nicht lebensgefährlich wird?

Zum Beispiel gibt es heute für die Arbeit an den Segeln eine doppelte Sicherung. Früher gab es in den Rahen Situationen, wo man für kurze Zeit den Sicherungskarabiner lösen musste und kurz ungesichert war. Heute gibt es zwei Karabiner, und davon muss immer einer eingehängt sein. So ist es ja auch in den Hochseilgärten – eine prima Erfindung.

Was machen Neulinge auf der Gorch Fock, die in die Höhe schauen und die beim Gedanken, dass sie in die Segel müssen, Angstzustände bekommen?

Angesichts eines 45 Meter hohen Hauptmasts ist es klar, dass man da nicht ganz angstfrei ist. Aber die Angst – oder sagen wir: der Respekt – ist aber ein guter Begleiter. Wer keinen Respekt vor der Höhe hat, der wird abstürzen. Das wird Ihnen jeder Bergsteiger und Gleitschirmflieger bestätigen. Wer sich ängstlich gezeigt hat, ist, als ich auf der Gorch Fock gefahren bin, nicht in die Wanten gekommen. Das ist auch heute noch so. Daher haben diese Kadetten erst einmal am Besan-Mast angefangen, weil der niedriger ist. Ansonsten hat jeder Kadett den Ehrgeiz, in die Wanten zu klettern und an den Segeln zu arbeiten.

Was haben Sie für Ihr Leben von der Gorch Fock mitgenommen?

Für mich war die Aufgabe wichtig, die die Gorch Fock neben ihrer Funktion als Ausbildungsschiff hatte. Und das ist mit dem Begriff „Botschafter in Weiß“ umrissen. Das Schiff ist weiß, die Mannschaft ist weiß gekleidet. Seit ihrer Indienststellung 1959 ist die Gorch Fock – gerade einmal 14 Jahre nach Kriegsende – als Botschafterin in die Häfen Europas gefahren, und die Mannschaft hat im Grunde auch eine diplomatische Aufgabe erfüllt. Wir sind in freundlicher Absicht gekommen – was man von einem deutschen Marineschiff nicht gerade gewohnt war. Wir lagen mit einem Segler vor Anker, der jedem gefällt, der ihn sieht. Die Deutschen haben sich durch die Gorch Fock von ihrer besseren Seite in friedlicher Absicht gezeigt und das gilt eigentlich noch heute. Für mich habe ich vor allem gelernt, dass jeder in einer Crew gleich viel wert ist. Der letzte Matrose ist so wichtig wie der Kapitän. Diese Erkenntnis prägt fürs Leben.

Fragen: Alexander Michel