Glaubt man den Wettanbietern, dann kann sich die CDU die aufwendige Organisation von acht Regionalkonferenzen in der zweiten Monatshälfte komplett sparen und sofort ihren neuen Vorsitzenden wählen. Denn im Grunde sei die Sache gelaufen. Wer auf Friedrich Merz einen Euro setzt, bekommt im Falle seiner Wahl gerade einmal 1,40 Euro zurück. Bei Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer wären es schon 3,50 Euro. Weit abgeschlagen ist Gesundheitsminister Jens Spahn mit einer Quote von 8,00 Euro.

Aber ist die Sache wirklich so klar, wie es die Wettquoten suggerieren? Nein. Denn in der Politik ist es wie beim Fußball: Die Wahrheit ist auf dem Platz. Nicht Umfragen entscheiden die Wahl, sondern 1001 Delegierte auf dem Parteitag in Hamburg Anfang Dezember. Und die wählen geheim. Auch haben die Kandidaten noch vier Wochen Zeit, sich in Stellung zu bringen. Da kann noch viel passieren.

Merz mag im Augenblick der Favorit sein, weil er als Außenstehender, der weder dem Bundestag noch der Bundesregierung angehört, völlig unbelastet ist und wie kein anderer für einen wirklichen Neuanfang steht. Aber er ist im Moment auch eine große Projektionsfläche, auf der alle Unzufriedenen das sehen, was sie sehen wollen. Und er hat noch nie eine Wahl gewonnen. Annegret Kramp-Karrenbauer hingegen hat erst im vergangenen Jahr eindrucksvoll gezeigt, wie man trotz heftigen Gegenwinds eine Regierungsmehrheit verteidigt und Wähler überzeugt. Zudem hat sie als Generalsekretärin den Kontakt zur Basis gepflegt und bei ihrer Zuhörtour viel vom Innenleben der Partei mitbekommen. Weil das aber nicht reicht, um die Herzen der Delegierten zu erobern, hat die Saarländerin sich nun auch noch in aller Deutlichkeit von Angela Merkel abgenabelt. In ihrer Bewerbungsrede hat sie einen neuen Ton und einen neuen Stil versprochen und unüberhörbare Kritik am Umgang Merkels mit der Partei geübt. Im Schatten des Merz-Hype positioniert sich AKK als selbstbewusste und eigenständige Kraft.