Silke Backsen steht auf dem acht Meter hohen Deich von Pellworm und schaut durch ihr Fernglas Richtung Meer. Ihre Füße stecken in wetterfesten Schuhen, die blaue Jacke hält trocken und warm. Die 49-Jährige weiß, wie man sich vor dem Wetter schützt – zumindest im Hier und Jetzt. Mit bloßem Auge ist das Wasser weit entfernt, gerade ist Ebbe. Doch der Schein trügt.

Bild: Fabian Sommer, dpa

Der Deich, er ist für die Nordsee-Insel Pellworm eine Art Lebensversicherung. Ein paar Hundert Meter dahinter steht ein rotes Backsteinhaus. Hier sind Silke Backsen, ihr Mann Jörg und ihre Kinder Sophie, Paul, Hannes und Jakob zu Hause. Als Bio-Bauern züchten sie Rinder, halten Schafe und bauen Getreide an. Der Hof liegt rund einen Meter unter dem Meeresspiegel. Steigt dieser durch den Klimawandel an, tritt das Wasser eines Tages wohl über den Deich – und alles läuft voll wie eine Badewanne.

„Wir stehen an einem Scheideweg“, sagt Silke Backsen. „Ein weiteres Geradeaus wird es nicht mehr geben.“ Klimaforscher geben ihr recht. Der Weltklimarat prognostiziert, dass der Meeresspiegel Ende des Jahrhunderts bis zu 77 Zentimeter höher liegen dürfte als Ende des vorherigen Jahrhunderts – und das ist schon eines der optimistischen Szenarien. Auch Stürme und Hitze dürften zunehmen.

Dass das Klima verrückt spielt, kostet die Backsens schon jetzt Geld. 2017 hörte es nicht auf zu regnen und alles stand unter Wasser. Dann kam der Hitzesommer 2018, der alles austrocknete. Das hieß: weniger Getreide, zu wenig Futter für die Tiere und große Einbußen.

Der Hof liegt einen Meter unter dem Meeresspiegel hinter dem Deich: Schafe stehen auf einem Feld des Familienhofes.
Der Hof liegt einen Meter unter dem Meeresspiegel hinter dem Deich: Schafe stehen auf einem Feld des Familienhofes. | Bild: Fabian Sommer, dpa

 

Das Klimaziel darf nicht verschoben werden

Damit Menschen wie die Backsens nicht ihre Existenzgrundlage verlieren, müssten drastische Klimaschutzmaßnahmen her. 40 Prozent weniger Ausstoß des klimaschädlichen Gases CO2 als 1990 – so lautete lange das Ziel, das von mehreren Bundesregierungen bekräftigt wurde. Je näher 2020 nun kommt, desto seltener wird dieses Ziel erwähnt. Stattdessen bekennt man sich zu einem neuen Ziel für 2030.

Die Backsens wollen das nicht akzeptieren. „Man wacht nicht morgens auf und entschließt sich beim ersten Kaffee, Frau Merkel zu verklagen“, sagt Silke Backsen. Doch dazu hat sich die Familie nach einigen weiteren Tassen entschieden. Gemeinsam mit zwei anderen Bauern-Familien und der Organisation Greenpeace verklagen sie die Regierung. Ihr Vorwurf: Liebe Politiker, ihr haltet eure Versprechen nicht. Die Kläger sehen ihre Grundrechte auf Schutz von Leben und Gesundheit, auf Berufsfreiheit und auf Eigentum verletzt.

Greenpeace betreut die Klage

„Die deutsche Regierung soll nicht mit ihrem Nichtstun davonkommen“, sagt Anike Peters, die bei Greenpeace die Klage betreut. Peters hat Halligen und Inseln abgeklappert, mit etlichen Landwirten vom Festland gesprochen. Mit 100 potenziellen Klägern war sie in Kontakt, bis sie die drei Familien traf, die „Ja“ sagten. Ist das Instrumentalisierung? „Alle Kläger wollten aus freien Stücken klagen. Wir ermöglichen das, denn wir haben die finanziellen Mittel, die Ressourcen und das fachliche Know-how.“

Die Kläger von Pellworm, das sind nicht nur Silke und Jörg Backsen. Für den 14-jährigen Jakob war sofort klar: Ich bin dabei. „Wenn wir es nicht machen, wird nicht viel passieren“, meint er. Auch seine Geschwister sind im Boot.

Die Anklage ist eingereicht

Seit sie vor einigen Monaten die Klageschrift beim Verwaltungsgericht Berlin eingereicht haben, warten die Kläger. Die Regierung hat das Umweltministerium für zuständig erklärt und sich bereits zweimal mehr Zeit erbeten. „Die Klimaschutzanstrengungen Deutschlands haben zwar Fortschritte gebracht, aber noch nicht zum Erreichen unserer Ziele geführt. Uns eint also dasselbe Ziel“, heißt es auf Anfrage aus dem Umweltministerium.

Ob die Klage inhaltlich begründet sei, wolle man den Gerichten überlassen. Nachdem beide Seiten sich schriftlich ausgetauscht haben, wird das Gericht entscheiden: Ist die Klage überhaupt zulässig? Wird es eine Verhandlung geben?

Wenn Silke das Triebwerk der Backsens ist, ist Jörg das Öl im Getriebe. Während sie mit fester Stimme ihr Anliegen in die Welt trägt, fühlt sich ihr Mann am wohlsten zwischen Kuhstall und Weide. Schon vor Sonnenaufgang trifft man den 59-Jährigen draußen in der Scheune. Als Greenpeace anklopfte, war er es, der noch vor seiner Frau „Ja“ zum Klagen sagte.

Jörg Backsen streut im Kuhstall des Familienhofes Edenswarf auf Pellworm Hafer für seine Kühe aus.
Jörg Backsen streut im Kuhstall des Familienhofes Edenswarf auf Pellworm Hafer für seine Kühe aus. | Bild: Fabian Sommer, dpa

Aus Berlin, rund 450 Kilometer südöstlich, kommt Rückenwind für die Backsens. Matthias Miersch sitzt als stellvertretender Fraktionschef der SPD im Bundestag. „Wir brauchen gesellschaftspolitisches Engagement, das Politik unter Druck setzt“, meint er. „Es ist ein Weg, der wachrüttelt. Genauso wie die Fridays-for-Future-Bewegung.“

Viele hätten Miersch gerne als Umweltminister gesehen. Was würde er den Klägern entgegnen, wenn er und nicht Svenja Schulze im Sattel säße? „Wir haben im Koalitionsvertrag eingestanden, dass mit den bisherigen Maßnahmen die Klimaziele für 2020 nicht mehr zu erreichen sind. Aber mit dem Kohlekompromiss haben wir die Möglichkeit, das Ziel im Strombereich 2022 zu erreichen“, sagt er. „Wenn man das 2020-Ziel noch anstreben würde, würden wir zu absoluten Strukturbrüchen in manchen Regionen kommen und müssten Entschädigungen an Konzerne zahlen. Das ist eine Frage der Abwägung.“

Können Klimaklagen eine Lösung sein?

Familie Backsen & Co. als Retter des Rechtsstaats? Nicht alle halten das für eine gute Idee. Der Umweltrechtler Bernhard Wegener von der Uni Erlangen-Nürnberg ist eigentlich bekannt dafür, dass er sich für Klagerechte der Umweltverbände einsetzt. Aber als man ihn zu einer Klimaklage überreden wollte, war ihm klar: Das ist der falsche Weg.

„Die mit den Klimaklagen angestrebte Weltrettung per Gerichtsbeschluss ist juristisch schwer begründbar, im Ergebnis illusorisch und wenigstens potenziell gefährlich“, argumentiert der 54-Jährige in der „Zeitschrift für Umweltrecht“. Wenn Klimakläger Erfolg hätten, müssten Gerichte die Politik in die Schranken weisen und konkrete Ansagen zum Klimaschutz machen. Doch mit dieser „Menschheitsaufgabe“ wären sie maßlos überfordert, meint Wegener.

„Gerichte leben davon, dass ihre Urteile beachtet werden“, sagt der Jurist. Aber was sollte ein Gericht tun, wenn ein Klima-Urteil nicht eingehalten wird? „Es kann nicht die Zeit zurückdrehen und auch nicht die Klimapolizei rufen“, urteilt er. Die Befürchtung: Je mehr Urteile nicht eingehalten werden, desto mehr wird das Vertrauen der Menschen in den Rechtsstaat schwinden.

Warten auf den Knall

„Als die Klage öffentlich wurde, habe ich irgendwie auf einen großen Knall gewartet“, sagt sie. Doch es blieb ziemlich still. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Menschen eher über uns reden als mit uns.“ Um das zu ändern, haben die Backsens ihre Mitbürger eingeladen – zum Erklären und Diskutieren. Es ist ein kühler Abend im Frühling, Silke Backsen trägt Lederstiefel und ein dunkles Kleid, ihre Wangen sind rot, die Schritte fest. Doch tief drinnen ist ihr ein bisschen mulmig. Kommen die Pellwormer? Verstehen sie ihr Anliegen?

Im „Danzsool Pellworm“ sind Holzstühle aufgestellt, in der Mitte ein runder Tisch unter einem Kronleuchter. Die gute Stube von Pellworm ist mal Partysaal, mal Kino, kann sogar 3D. Eine halbe Stunde vorher herrscht Leere. „Auf Pellworm beginnt immer alles um acht“, werden die Einheimischen später bei Schnittchen und Bier erklären. Dann ist die letzte Fähre da, die Kühe sind gemolken und die Leute bereit für den Feierabend – außer dienstags, da ist Chor.

Tatsächlich füllt sich kurz vor acht der Saal bis auf den letzten Platz. Die Pellwormer haben Fragen mitgebracht. „Oh Gott, was tun die beiden sich da an?“, sei sein erster Gedanke gewesen, erzählt ein älterer Herr. Aber es gibt auch die Neu-Zugezogene Isabelle Sommer, die fragt: „Was wäre, wenn die ganze Insel klagt?“ Die Backsens und Anike Peters von Greenpeace sind begeistert.

Die Anwesenden geben einen guten Querschnitt der Insel-Bevölkerung ab, viele sind jenseits der 50, Eltern oder Großeltern, seit Jahren hier sesshaft. Wo sonst in der Republik wäre sich eine solche Gruppe beim Klimaschutz so einig? Alle wollen drastischere Maßnahmen, und das möglichst schnell. Es geht um die eigene Existenz.

Pellworm ist eine Insel, die von Jahr zu Jahr leerer wird. Viele Junge ziehen weg, Arbeit und Abwechslung fehlen. Warum also etwas retten, das ohnehin auf dem Abstieg ist, könnte man sich fragen. Ein paar Inseln weniger, damit wir unser Leben nicht allzu stark umkrempeln müssen?

Die Wetterextreme nehmen zu und das Wasser kommt näher: Die Fähranlagestelle in Pellworm.
Die Wetterextreme nehmen zu und das Wasser kommt näher: Die Fähranlagestelle in Pellworm. | Bild: Fabian Sommer, dpa

Doch der Weckruf von Pellworm ist größer als die Insel. Silke Backsen stammt von dort, wo die Kohle zu Hause ist – aus Dortmund im Ruhrgebiet. „Kohle ist eine der schäbigsten Energieerzeugungen ever. Aber sie ist ein hochemotionales Thema.“ Singe jemand „Glück auf“, das alte Lied aus den Bergwerken, bekomme sie eine Gänsehaut. Doch das Wissen, dass Energie aus Kohle dazu beitragen kann, Orte unbewohnbar zu machen, hat sie zur Anwältin für Klimaschutz gemacht.

Was würde geschehen, wenn die Backsens und ihre Mitstreiter recht bekämen? Greenpeace hat hohe Erwartungen: Im besten Fall müsste die Bundesregierung dazu verpflichtet werden, alles Mögliche zu tun, um das Klimaziel für 2020 doch noch zu erreichen.

Schwachpunkt

Doch dass die Klage Erfolg hat, halten Juristen wie Wegener für unwahrscheinlich. Der Knackpunkt: Es müsste nachweisbar sein, dass die Grundrechte der Kläger durch das Unterlassen staatlicher Maßnahmen verletzt seien. Strittig ist dabei nicht, ob Schutzmaßnahmen erlassen wurden – sondern nur, ob sie ausreichend effektiv sind. Das dürfte schwer nachzuweisen sein.

Anfangs habe es sich absurd angefühlt, die Regierung zu verklagen, erinnert sich Silke Backsen – mittlerweile richtig gut. Doch wenn das Gericht die Klage abweist? Geht die Insel dann unter? So schnell wollen die Pellwormer nicht aufgeben. Der Deich soll in den nächsten Jahren erhöht und verbreitert werden – auch wenn das die Brutstätten heimischer Vögel zerstören dürfte. Für seine Zukunft hat Jakob Backsen einen anderen Traum. Obwohl sein Herz fürs Klima schlägt, liebt er das – umweltschädliche – Fliegen und will Pilot werden. Wohnort Pellworm? Eher unwahrscheinlich.

(dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Weltweit ziehen Menschen fürs Klima vor Gericht

  • Erste Kläger: Die Familie Backsen auf Pellworm und ihre Mitkläger sind die Ersten, die eine Klimaklage gegen die deutsche Regierung eingereicht haben. Doch seit die Auswirkungen des Klimawandels an vielen Orten rund um den Globus deutlich spürbar werden, ziehen weltweit Menschen vor Gericht. Einige verklagen Regierungen, andere wollen Schadenersatz von Unternehmen. Eine Datenbank des Sabin Center for Climate Change Law und der Columbia Law School zählt in den USA rund 900 Klimaklagen seit 1986, im Rest der Welt mehr als 250.
  • Zehn Familien verklagen die Europäische Union, weil sie auf unterschiedliche Weise vom Klimawandel betroffen sind und darin – wie auch die deutschen Klimakläger – ihre Grundrechte verletzt sehen. Aus Deutschland ist eine Familie von der Nordsee-Insel Langeoog dabei, die anderen stammen aus vielen anderen europäischen Ländern, aber auch aus Kenia und den Fidschi-Inseln. Das Europäische Gericht hat die Klage zunächst zurückgewiesen. Die Begründung: Alle Menschen seien vom Klimawandel betroffen, die klagenden Familien aber nicht exklusiv. Die Kläger prüfen nun, ob sie in Berufung gehen können.
  • Niederlande: Eine Klimaklage, die für viel Aufsehen sorgte, stammt aus den Niederlanden. Ein Gericht in Den Haag verurteilte den Staat Anfang des Jahres dazu, den CO2-Ausstoß des Landes bis Ende 2020 um 25 Prozent gegenüber den Werten von 1990 zu reduzieren. Damit wurde eine Entscheidung von 2015 in zweiter Instanz bestätigt. Geklagt hatte die Klima-Initiative Urgenda, die von einem historischen Sieg sprach. Das Gerichtsverfahren 2015 gilt als erstes erfolgreiches Verfahren von Klimaschützern gegen einen Staat, um die Reduzierung von Treibhausgasen durchzusetzen.
  • Ein peruanischer Bauer, Saul Luciano Lliuya, hat 2015 den deutschen Energiekonzern RWE verklagt. Er forderte das Unternehmen auf, einen Teil der Kosten für Schutzmaßnahmen gegen Überflutungen und Schlammlawinen zu übernehmen. Die Erderwärmung lässt einen nahen Gletschersee größer werden – eine Gefahr für sein Dorf Huaraz in den Anden. Nachdem er in erster Instanz scheiterte, entschied das Oberlandesgericht Hamm: Ein Großkonzern wie RWE kann grundsätzlich zur Verantwortung gezogen werden für Klimaschäden, die am anderen Ende der Welt entstehen. Nun werden Beweise gesammelt.
  • Der Staat Pakistan wurde 2015 verurteilt, einen Aktionsplan für effektiveren Klimaschutz zu erstellen und eine Kommission zu gründen. Geklagt hatte der pakistanische Bauer Ashgar Leghari, weil die bisherigen Anstrengungen des Landes seiner Ansicht nach nicht ausreichten, um die Grundrechte zu sichern.
  • In der Schweiz klagen die Klimaseniorinnen mit Greenpeace gegen die Regierung, weil es ihnen zu heiß wird. Sie fürchten, früher krank zu werden oder zu sterben. Die Frauen fordern strengere Maßnahmen und eine unabhängige Prüfung der Reduktionsziele für CO2-Emissionen. Der Fall liegt nun beim Bundesverwaltungsgericht.