Die Kulisse ist zum Heulen schön. Boris Palmer steht vor seinem Rathaus – ein prächtiger alemannischer Fachwerkbau aus dem 15. Jahrhundert. Dann lässt er sich mit dem Bräutigam fotografieren. Dass es bei dieser Hochzeit gleich zwei Bräutigame gibt, ist in Tübingen, wie auch im Rest der Republik, längst nichts Außergewöhnliches mehr. Palmer sagt ein paar Worte, das Paar und seine Gäste strahlen. „Er hat genau die richtigen Worte gefunden“, sagt eine Frau mit einem Sektglas in der Hand.

Das allerdings, da sind sich auch die Parteifreunde einig, gelingt dem Tübinger Oberbürgermeister nicht immer. Und doch ist es gar nicht so einfach, in und um die Studentenstadt herum jemanden zu finden, der den 46-Jährigen nicht bewundert – für seine Eloquenz, seinen Mut, seine Verdienste um die 90 0000-Einwohner-Stadt. Erst recht nicht unter Studenten, abends beim Bier in der Kneipe. Wo sich alle einig sind: Ja, der Palmer schieße schon mal übers Ziel hinaus, aber seine Politik sei doch gut; jedenfalls fühlen sich alle wohl in der Stadt.

„Früher hieß es immer, Tübingen ist arm, aber gescheit. Das Geld hatte die Nachbarstadt Reutlingen. Heute sagt man, Tübingen ist reich und sexy. Das hat viel mit Boris Palmer zu tun“, sagt Christoph Joachim, Fraktionschef der Grünen im Rathaus. Und trotzdem: „Ich musste mich gestern und heute schon bei vielen für ihn entschuldigen.“

Die neue Empörungswelle

Denn Palmer hat es mal wieder getan – eine Empörungswelle ausgelöst, die seit Tagen durch das Land rollt. Vielleicht konnte er nicht anders, konnte die neue Werbekampagne der Bahn einfach nicht unkommentiert lassen. Beim Bahnfahren zu sehen waren da unter anderem der TV-dauerpräsente dunkelhäutige Sternekoch Nelson Müller, die türkischstämmige Fernsehmoderatorin Nazan Eckes und der deutsch-finnische frühere Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg. Na und?, könnte man denken und sich mit etwas anderem beschäftigen. Doch das tat Palmer nicht.

Auf Facebook, also so öffentlich wie eben möglich, ärgerte sich der Oberbürgermeister und schrieb: „Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Deutsche Bahn die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat“, um dann die Frage nachzuschieben: „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ Es kam, was kommen musste. Ein Shitstorm fegte durchs Land. In die anschwellende Empörung hinein fügte Palmer hinzu, dass es doch diskriminierend sei, wenn ganze Personengruppen wie zum Beispiel „alte, weiße Männer“ von der Bahn nicht gezeigt werden würden.

Kritik aus den eigenen Reihen

Dafür gab es medial Zunder, auch und gerade aus der eigenen Partei. „Boris Palmer hat eine Tür zu einem rassistischen Weltbild aufgestoßen – er sollte sie schnell wieder schließen“, riet ihm Parteichef Robert Habeck. Einige Berliner Grüne gingen deutlich weiter. Schriftlich verlangten sie, den Oberbürgermeister, den sie als „rechtspopulistischen Pöbler“ bezeichneten, aus der Partei zu schmeißen. Auch die Augsburger Grünen-Politikerin und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth legte ihm den Austritt nahe.

So weit wird es nicht kommen. Und doch, die Parteifreunde in Tübingen und Umgebung, die sich an diesem Vormittag am Hauptbahnhof getroffen haben, um mit der Bahn ins nahe gelegene Entringen zu fahren, sind sichtlich unangenehm berührt von der Affäre um die Bahnkritik Palmers. Ein Unbehagen, das den anstehenden Termin überlagert. Und das, obwohl die „Grundschwellenlegung“ für die ganze Region eine große Sache ist.

„Der letzte Bulle“: Ein Porträt von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Die Grünen) an einer legalen Graffitiwand in Tübingen. Daneben stehen Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung über dessen umstrittene Aktionen.
„Der letzte Bulle“: Ein Porträt von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Die Grünen) an einer legalen Graffitiwand in Tübingen. Daneben stehen Schlagzeilen der „Bild“-Zeitung über dessen umstrittene Aktionen. | Bild: ULMER Pressebildagentur, dpa

Alleingänge und Provokation

Eine Milliarde Euro soll in den Ausbau der Regionalstadtbahn Neckar-Alb investiert werden. Sogar die Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz ist aus Berlin angereist, um das Vorhaben zu würdigen. Und Boris Palmer? Der hat das Nahverkehrsprojekt über Jahre mitangeschoben, wie viele andere erfolgreiche Projekte. Obwohl er an diesem Tag nicht auf der Bühne steht, ist sein Auftritt standesgemäß. Natürlich ist der versierte Radfahrer nach Entringen geradelt, natürlich mit grünem Helm. Bestens gelaunt begrüßt er Freunde und politische Weggefährten. Eine Spur zu gut gelaunt? Interpretationssache. Fraktionschef Joachim hat noch auf der Zugfahrt eingeräumt, dass die ständigen Alleingänge und Provokationen Palmers ein Problem für die Grünen sind: „Stellen Sie sich den Mann als Chef in einem Konzern vor. Das würde nicht funktionieren. Er glaubt, dass er keine Hausmacht braucht. Das ist sein Fehler.“

Weder Joachim noch den anderen Parteifreunden macht es Spaß, in regelmäßigen Abständen mit Provokationen Palmers konfrontiert zu werden. Da kam in den letzten Jahren einiges zusammen. Vieles davon mag durchaus diskutabel sein. Vieles davon bringt ihm sogar Sympathien. So wie seine Forderung, dass es Mädchen untersagt wird, in Kindertagesstätten oder Schulen Kopftuch zu tragen. Oder sein höchstpersönliches Einschreiten gegen einen Studenten, der ihm aus seiner Sicht respektlos begegnet sei – als erster Ordnungshüter seiner Stadt gewissermaßen. Auch sein Ansatz, Grundstückseigentümer zu einem Verkauf ihrer Flächen zu zwingen, wenn sie diese über Jahre nicht bebauen, wurde deutschlandweit debattiert. Das kommt an.

Widersprüchlich in Wort und Tat

Alarmiert sind die Parteifreunde immer dann, wenn sich Palmer zum Thema Flüchtlingspolitik äußert. Unmissverständlich hat er sich gegen die Politik von Kanzlerin Angela Merkel ausgesprochen. Ihrem „Wir schaffen das“ setzte er entgegen, dass es eben nicht zu schaffen sei. Um dann allerdings in seiner Stadt zu demonstrieren, dass man die Probleme, die die Migration mit sich bringt, doch ganz gut meistern kann. Tübingens Integrationskonzepte gelten bundesweit als vorbildlich – bestens organisiert und effektiv. Wie so vieles, was das Stadtoberhaupt und seine gut funktionierende Verwaltung anpacken.

Es ist schwer, sich im persönlichen Gespräch der rhetorischen Brillanz und seinem unangestrengt daherkommenden Charme zu entziehen. Der schlanke Mann ist hochintelligent, das räumen auch seine größten Kritiker ein. Abitur mit 1,0. Schnelle Karriere in der Partei. Alle Türen schienen Boris Palmer bei den Grünen offenzustehen. Pragmatisch, unorthodox – politisches Talent erster Güte.

Politik als Familientradition

Doch da ist gleichzeitig sein hochfahrendes, aufbrausendes Naturell. Das ist der Punkt, an dem man an Boris Palmers Vater nicht mehr vorbeikommt. Der Obstbauer und Baumkundler Helmut Palmer (1930 bis 2004) hatte einen legendären Ruf im Ländle – im Guten wie im Schlechten. Mit heiligem Zorn kämpfte der „Remstalrebell“ gegen Bürokratie und Behördenwillkür – oder was er dafür hielt. Immer Außenseiter, sei es bei weit über 250 Bürgermeisterwahlen, bei denen er stets vergeblich kandidierte, oder den unzähligen Prozessen, in die er – oft ging es um Beleidigungen – verwickelt war. „Ich habe meinen Vater im Gefängnis besucht, das war nicht schön“, erinnert sich Boris Palmer. Dabei spricht er leiser als sonst. Natürlich weiß er, dass viele schnell bei Helmut landen, wenn sie über den Furor von Boris sprechen.

Palmer räumt ein, dass er das Rebellische vom Vater geerbt hat. Doch das sei erst einmal auch gar nicht schlecht. Gernot Stegert ist so etwas wie ein Boris-Palmer-Experte, und zwar von Berufs wegen. Stegert ist Chefredakteur des Tübinger Tagblatts, der örtlichen Zeitung. Und als solcher hat er genau beobachtet, wie Palmer auf die Empörung nach seiner Kritik an der Bahnwerbung reagiert hat. Diesmal mit einer Entschuldigung für seine, wie Palmer einräumt, „leider gründlich misslungenen“ Äußerungen. „Das ist schon bemerkenswert“, sagt Stegert. Allerdings überschreibt der Journalist seinen Kommentar mit dem Satz: „Wie echt seine Entschuldigung ist, wird Palmer zeigen müssen.“ Da schwingen dann doch Zweifel mit. Stegert glaubt, in Palmers Vorgehen ein Muster erkannt zu haben. Erst schreibe dieser was Provokantes, was ihm bundesweite Aufmerksamkeit verschafft. Dann empöre er sich über die Empörung.

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Palmer relativiert seine Aussage

Zerknirscht oder nachhaltig verunsichert jedenfalls wirkt Boris Palmer beim Gespräch im Rathaus keineswegs. Er habe sich jetzt erst mal eine Face­book-Pause verordnet. Und er werfe sich vor, dass er nicht genug getan habe, um Missverständnissen vorzubeugen. Er hätte präziser sein sollen, erkennen müssen, dass seine Worte verletzend wirken würden. Das ja.

Aber in der Sache sieht sich Palmer im Recht. Was die Bahn gemacht habe, sei im Kern spalterisch. Durch die Auswahl der Personen, mit denen geworben wurde, seien viele andere ausgegrenzt worden. Und das sei gefährlich und ermögliche es der AfD zu behaupten, Menschen ohne Migrationshintergrund würden verdrängt. „Wenn ich darauf hingewiesen habe, dann ist das alles andere als rassistisch.“ In einem Interview mit dem Tagblatt hatte Palmer gar den „Bahn-Werbeprofis“ vorgeworfen, sich ihrerseits durch die Auswahl der Bildkonfiguration „rassistische Gedanken gemacht“ zu haben.

Martin Sökler lächelt etwas gequält, wenn man ihn mit solchen Zitaten konfrontiert. Der Internist sitzt im weißen Arztkittel in der Cafeteria der Universitätsklinik. Der Oberarzt ist SPD-Fraktionschef im Tübinger Rathaus. Auch Sökler, das wird schnell klar, befindet sich beim Thema Palmer in einem permanenten Zwiespalt. 2014 habe seine Partei Palmer bei der Oberbürgermeisterwahl unterstützt, auf einen eigenen Kandidaten verzichtet. Der Amtsinhaber erreichte fast 62 Prozent der Stimmen. „Er hat seit 2007 wirklich einen guten Job gemacht in der Verkehrspolitik oder bei der Flüchtlingsarbeit“, sagt Sökler, der Wert darauf legt, dass er persönlich gut mit Palmer könne. Dennoch ist die Distanz zuletzt gewachsen.

Bei den OB-Wahlen 2022 wird es keinen Nichtangriffspakt geben. „Boris Palmer ist schlau. Und er ist kein Rassist. Nur sagt er Dinge, die rassistisch sind.“ So habe er zu Menschen mit Migrationshintergrund gesagt, wer sich so benehme, der könne nicht hier aufgewachsen sein. Sökler sagt: „Das war für mich rassistisch.“ Immerhin, so findet auch der Mediziner, müsse man würdigen, dass Palmer sich nach seiner Bahn-Schelte entschuldigt hat. Doch es bleibe dessen Problem, dass bei ihm „Sturköpfigkeit auf einen latenten Narzissmus“ treffe.

Die Zukunft des Boris Palmer?

Es ist ruhig geworden an diesem Mittag im Tübinger Rathaus. Wie geht es weiter mit Boris Palmer? Eine bundesweite Karriere bei den Grünen scheint kaum realistisch. „Ja, der Zug ist abgefahren“, bestätigt Palmer lakonisch. Er selber werde allerdings „nie“ aus der Partei austreten. Auch wenn er ein Problem damit habe, dass bei den Grünen das „Abwägen oft durch moralische Instanz“ ersetzt werde. Insbesondere für die Flüchtlingspolitik gelte das. „Es sind tolle Ziele, die Claudia Roth da vertritt, allerdings sind sie für den Zusammenhalt der Gesellschaft gefährlich.“ Sein Buch zu dem Thema heißt „Wir können nicht allen helfen“ – es sorgte 2017 in seiner Partei für scharfe Kritik.

Was also ist von Palmer noch zu erwarten? Es gab ja immer den Verdacht, dass er sich als Oberbürgermeister von Tübingen für unterfordert hält. „Ich weiß, dass ich das nicht ewig machen werde. Aber ich bin erst 46 Jahre alt. Ich kann noch etwas ganz Neues anfangen.“

Eine Zeit lang wurde der Verkehrsexperte Boris Palmer als künftiger Bahnchef gehandelt. Doch auch dieser Zug dürfte nun abgefahren sein …