Philosoph im Zeichen des Schnauzbarts: Friedrich Nietzsche (1844–1900) zählt bis heute zu den wichtigsten deutschen Denkern – und zu den meistzitierten. Bilder: Imago/Verleih/Stock.adobe
Philosoph im Zeichen des Schnauzbarts: Friedrich Nietzsche (1844–1900) zählt bis heute zu den wichtigsten deutschen Denkern – und zu den meistzitierten. Bilder: Imago/Verleih/Stock.adobe | Bild: imago stock&people

Herr Professor Sommer, Sie kommen eben aus Schanghai. Warum interessieren sich Chinesen für Friedrich Nietzsche?

Das chinesische Interesse an Friedrich Nietzsche gründet darin, dass er ein ganz großer Irritator ist. Die chinesische Gesellschaft steht in der Tradition von Konfuzius, später kam die Überformung durch den Maoismus dazu und obendrauf. Diese beiden Strömungen haben die Gesellschaft stark vereinheitlicht und auf Linie gebracht. Nietzsche fasziniert die Chinesen, weil er irritiert. Die chinesische Obrigkeit lässt diese Beschäftigung noch zu, weil Nietzsche noch nicht als ideologische Gefahr gilt. Im Augenblick ist es so, dass sich meine Kollegen in China offen mit ihm auseinandersetzen können.

In welcher Sprache redeten Sie miteinander?

Erstaunlicherweise meist auf Deutsch, selten auf Englisch oder Französisch. Die Deutschkenntnisse dort sind gut, das war überhaupt kein Problem. Wobei Nietzsche selbst immer wieder sagte, dass ihm das Deutsche widerwärtig sei und er sich nur notgedrungen dieser Sprache bediene, obwohl er das virtuos tat. Allem Deutschtümelnden war er abgeneigt.

Sie nennen ihn den Irritator. Bis heute irritiert er, er verstört durch seine oft brachialen Sätze.

Das ist in der Tat so. Er ist ein Ausbrecher, ein Ausbrecherkönig aus den Gehäusen denkerischer Üblichkeiten. Er verlässt die Tradition der Philosophen vor ihm, den Idealismus von Kant, Hegel, Schopenhauer lässt er links liegen. Er stellt sich gegen die Systeme, die viele Denker vor ihm errichteten, um die Welt in kleine Schubladen zu sortieren. Deshalb experimentiert Nietzsche mit der Form. Er schreibt Aphorismen, Essays, Kurzerzählungen, Dramolette, Abhandlungen, Gedichte . Er wollte kein abgeschlossenes Lehrgebäude errichten. Deshalb blieb ihm auch Karl Marx fremd, der die Gedanken von Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt haben wollte. Diesen Anspruch verfolgte Nietzsche nie.

Was ist an ihm dann aktuell? Warum ist er lesenswert?

Heute wirken weniger Nietzsches Antworten als vielmehr seine Fragen. Man kennt zwar seine berühmten Schlagworte: Übermensch, Wille zur Macht, Ewige Wiederkunft des Gleichen. Doch die geben mehr Rätsel auf, als sie Rätsel lösen. Wenn ich mit Studierenden Nietzsche lese, dann stelle ich fest, welche Durchschlagskraft diese Texte bis heute haben. Sie wirken verstörend, sie lösen etwas aus. Das können nur wenige alte Texte von sich behaupten.

Seine Wirkung ist ungebrochen.

Ja, wobei sich Akzente verschieben. Um 1900 sah man in ihm den Propheten einer neuen Zukunft. Diese Überhöhung hat wesentlich seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche befördert, die eine wahre Nietzsche-Industrie aufgezogen hat – mit ihr als Aufseherin über den Nachlass. Heute hat sich das verlagert. Kein Gegenwartsmensch wird mehr so reden wollen wie die Figur des Zarathustra, den viele Zeitgenossen damals imitierten. Wir gehen heute nüchtern an Nietzsches Schriften heran.

Universitäten, Hochschulen, Andreas Urs Sommer Philosophie am Mittwoch (23.11.2016).
Universitäten, Hochschulen, Andreas Urs Sommer Philosophie am Mittwoch (23.11.2016). | Bild: Patrick Seeger

Was ist das Besondere?

Es sind ungemein geräumige Texte. Das heißt: In diesen Texten ist Platz für zahllose Erwartungen und Projektionen. Sie sind immer wieder anschlussfähig für neue Gedanken, die wir in sie hineinstellen können.

Nietzsche sprach auch vom Übermenschen. Nimmt er damit die Idee der steten Optimierung bis hin zu einem ewigen, perfekten Leben vorweg, das manche Wissenschaftler für möglich halten?

In der Diskussion gibt es solche Überlegungen. Allerdings hat Nietzsche nie über technische Menschenoptimierung nachgedacht. Aber er war überzeugt, dass der Mensch noch nicht fertig ist; dass er noch gewaltiges unausgeschöpftes Potenzial hat. Er sagte ja auch, dass der Mensch ein Wesen sei, das überwunden werden muss.

Nochmals zurück zu Nietzsche als Orakel. An manchen Stellen sprach er von einer Katastrophe, die auf das Abendland zukomme.

Da bin ich vorsichtig. Mit dem Prophetischen tue ich mich schwer. Sie finden bei ihm Belege für alles und für jedes, wenn Sie nur lange genug suchen – auch Hinweise auf zukünftige Kriege und Notzeiten. Ich sehe Nietzsche nicht als einen Denker, der Antworten auf alle möglichen Herausforderungen hat.

Kleiner Übermensch: Friedrich Nietzsche.
Kleiner Übermensch: Friedrich Nietzsche. | Bild: unbekannt

Der Querschnittsleser erwartet genau das. Er nimmt den guten, treffenden Satz als Streichholz, das man ins Dunkel hält.

Das stimmt. Deshalb interessiert Nietzsche beispielsweise die Chinesen. Doch ist er ein Autor, der sich aller Vereinnahmung widersetzt, indem er die eigenen Antworten immer wieder aufhebt. Wer ein gutes Zitat gefunden hat, wird einige Seiten später bereits durch ein gegenteiliges Zitat widerlegt. Das führt zu einem eigentümlichen Suchtverhalten, man blättert und liest weiter.

Sagten Sie gerade Suchtverhalten?

Ja, nach seinen Sätzen kann man süchtig werden. Ich selbst bin bis heute erschütterbar, wenn ich diese Texte lese. Ich kann aber auch ein paar Wochen ohne diese Sätze leben. Doch freue ich mich auf jede neue Begegnung mit seinem Werk. Es ist mir noch nie langweilig geworden.

Kommt die Sucht auch daher, weil er mit Worten kreativ umgehen kann?

Sicher, die Kraft seiner Texte rührt daher, sie kann sogar rauschhaft sein. Einer ganzen Generation ging es so. Ich denke da an den Zarathustra mit seiner hochgestimmten, oft hochtrabenden Rede.

Nietzsche hat die Prognose gewagt, dass das Christentum zusammenbricht. Da hat er sich geirrt.

Er hat in seiner Spätzeit den Antichrist gespielt oder spielen wollen, um mit dem Christentum endgültig abzurechnen. Ihm war natürlich bewusst, dass die Kirchen noch lange Zeit existieren würden. Er kannte die Legende vom Schatten Buddhas; diesen Schatten sah man noch Jahrzehnte, nachdem Buddha längst tot war. So würde man auch vom christlichen Gott nur noch Schatten sehen, obwohl es längst versunken ist. Seine Diagnose lautet, dass das Christentum nicht mehr die lebensbestimmende Macht sein werde.

Trifft das denn zu?

Ich denke, da liegt er richtig. Es gibt heute noch überzeugte Christinnen und Christen, richtig. Doch der Großteil der Kirchenmitglieder sieht die eigene Religion nicht mehr als ihr Leben bestimmende Macht. Man kann leicht die Probe machen: Fragen Sie einmal beliebige Christen, was die Lehre von der Dreifaltigkeit bedeutet oder wie sie es mit der stellvertretenden Genugtuung halten. Vor 300 Jahren hätten Sie jeden Katechismus-Schüler danach fragen können. Er hätte die Antwort aus dem Ärmel geschüttelt.

Wirkt das Christliche weiter fort?

Ja. Eine andere Diagnose Nietzsches lautet so, dass die christliche Moral im Weltlichen fortlebt. Durch ihre Werte, durch die starke Tendenz zur Gleichstellung und zur Demokratie. Nietzsche leitet das direkt aus der christlichen Denkwelt ab, in der Teilnahme und Solidarität eine Rolle spielen. Wenn das stimmen sollte, dann stünde christliches Gedankengut an der Wiege der Demokratie. Nietzsche reizt zum Widerspruch, und diesem Reiz sollte man
nachgeben. Nichts wäre hier schlimmer als blinde Nietzsche-Jüngerschaft und Nachplappern von Sprüchen.

Manche stempeln ihn als gehobenen Sprücheklopfer ab. Als eine Art Renommier-Macho.

In der Tat. Doch wer sich die Zitate einmal anschaut, wird schnell sehen, dass es gar nicht so einfach ist mit der Geste der Männlichkeit. Denken Sie an das bekannte Zitat: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“ Wenn Sie die Stelle einmal genauer anschauen, wird plötzlich unklar, wer die Peitsche gegen wen führen soll. Vielleicht sollen die Männer sie ja nur mitbringen, um sich von den Frauen versohlen zu lassen.

Wie war sein Verhältnis zu Frauen?

Er polemisierte gegen die Emanzipationsbewegung des 19. Jahrhunderts, wohl auch um der Provokation willen. Es gab aber auch den Professor Nietzsche in Basel, der sich dafür einsetzte, dass eine Studentin promovieren dürfe. Die Kollegen wollten es nicht. In seinem praktischen Leben suchte er durchaus den Umgang mit sehr starken Frauen wie Lou Andreas-Salomé.

Fragen: Uli Fricker