Wladimir Selenski ist gleich zwei Mal zum Präsidenten der Ukraine gewählt worden - erst in seiner Fernsehserie „Diener des Volkes“, am Sonntag dann im realen politischen Leben.

Der 41-jährige Komiker und Schauspieler war als Außenseiter gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko ins Rennen gegangen. Doch die weit verbreitete Unzufriedenheit mit der ukrainischen Führungselite verhalf ihm schließlich zum Wahlsieg. Selenskis  Anhänger hoffen, dass er frischen Wind in die Ukraine bringt. Seine Kritiker hingegen vermuten, dass hinter ihm der Oligarch Igor Kolomoiski steht - ein mächtiger Gegenspieler des bisherigen Präsidenten Poroschenko. Kolomoiski lebt derzeit in Israel, will demnächst aber in die Ukraine zurückkehren.

Selenskis Weg ins Präsidentenamt ähnelt dem Drehbuch seiner populären Fernsehserie „Diener des Volkes“, deren dritte Staffel nur wenige Tage vor der ersten Wahlrunde angelaufen ist. Darin spielt er einen Geschichtslehrer, der zum Präsidenten gewählt wird, nachdem sich ein Video, in dem er gegen die Korruption im Lande wettert, im Internet rasant verbreitete.

Auch im echten Leben verdankt Selenski seine Beliebtheit seinem erfolgreichen Auftritt im Internet. So verwischte er im Wahlkampf häufig die Grenzen zwischen Politik und Unterhaltung: Statt auf traditionelle Wahlkampfauftritte und Interviews mit etablierten Medien zu setzen, wandte er sich über soziale Netzwerke an die Wähler. Außerdem trat er bis unmittelbar vor dem ersten Wahlgang noch mit seiner Comedy-Truppe auf.

Zahlreiche ukrainische Redaktionen hatten sich darum kurz vor der Stichwahl in einem Appell an Selenski gewandt und ihn aufgefordert, ihre Fragen zu beantworten und sein wenig konkretes Wahlprogramm zu präzisieren. Doch der zweifache Vater kokettierte mit seinem vagen Programm: „Keine Versprechen - keine Entschuldigungen“, war auf einem seiner Plakate zu lesen.

Selenski stammt aus der Industriestadt Krywy Rig, hat Jura studiert und ist Dollar-Millionär. Mit seiner erfolgreichen Comedy-Truppe ging er unter anderem in Russland auf Tour, zudem trat er in russischen Filmen auf. Er stammt aus einer jüdischen Familie, hat aber stets betont, dass Religion für ihn Privatsache sei.

Beobachter vergleichen Selenski mit dem früheren US-Präsidenten Ronald Reagan, der ebenfalls zuvor als Schauspieler bekannt wurde. Andere sehen Parallelen zum italienischen Populisten Beppe Grillo und zu US-Präsident Donald Trump. Während des Wahlkampfes hatte es wiederholt Vorwürfe gegeben, Selenski sei lediglich ein Strohmann für die Interessen des umstrittenen ukrainischen Oligarchen Kolomoiski.

Ihm gehört der Fernsehsender, in dem „Diener des Volkes“ und andere Sendungen mit Selenski ausgestrahlt werden. Der hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen und unlängst sogar erklärt, Kolomoiski werde ins Gefängnis kommen, falls er irgendwelche Gesetze gebrochen habe. Als einer der reichsten Männer der Ukraine war Kolomoiski unter dem scheidenden Präsidenten Poroschenko zunächst Regionalgouverneur gewesen.

Nach einem Streit um ein staatliches Ölunternehmen musste er aber zurücktreten und ging ins Ausland. Zudem berichteten Fernsehjournalisten im Januar, Selinski mache Geschäfte in Russland - ein Vorwurf, der angesichts der politischen Spannungen zwischen den beiden Ländern schwer wiegt: Im Konflikt in der Ostukraine, in dem Russland separatistische Kämpfer unterstützt, sind bisher rund 13.000 Menschen getötet worden.

Selenski erklärte, an einer zyprischen Firma beteiligt zu sein, der wiederum eine russische Firmengruppe gehöre. Er kündigte an, seine Anteile zu verkaufen. Selenskyj gehört zu dem Teil der ukrainischen Bevölkerung, der vor allem Russisch spricht. Amtsinhaber Poroschenko hatte ihn dafür während des Wahlkampfes kritisiert und sich über die schlechten Ukrainischkenntnisse seines Herausforderers lustig gemacht.

Zudem warf er ihm vor, er habe einem politischen Schwergewicht wie Russlands Präsidenten Wladimir Putin nichts entgegenzusetzen. Selinski hingegen betonte wiederholt, er werde Russland auffordern, ukrainisches Gebiet zu verlassen und Reparationen für den Konflikt zu zahlen. Außerdem kündigte er an, die Ukraine weiterhin am Westen auszurichten. (AFP)