Am Freitag stimmt der Bundestag über die Ehe für alle ab. Eine Mehrheit dafür scheint sicher, doch das Thema ist umstritten - nicht nur in der Politik. SÜDKURIER-Politikredakteurin Margit Hufnagel und SÜDKURIER-Kulturchef Johannes Bruggaier mit einem Pro und Contra.

Pro: Ehe für alle? Das Gesetz ist überfällig und ein wichtiger Schritt


Was bitte ist konservativer als ein Pakt für die Ewigkeit? Die Argumente gegen die „Ehe für alle“ überzeugen nicht. Ein Kommentar von Margit Hufnagel.
 

Plötzlich geht alles ganz schnell. Seit Jahren schon hadert die deutsche Politik mit sich und ihrem Umgang mit Homosexuellen. Nun wird sie durch einen Satz der Kanzlerin und das Gespür der SPD für enge Zeitfenster förmlich dazu gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Und die wird nicht umsonst mit dem Wort „historisch“ versehen. Denn auch wenn das Gesetz für die „Ehe für alle“ nur eine Minderheit direkt betreffen wird, so ist seine Bedeutung für das Land doch gewaltig. Denn es ist eben nicht egal, welche Haltung der Staat in dieser Frage hat. Es ist nicht egal, ob er eine Beziehung nun „Verpartnerung“ oder „Ehe“ nennt. Aus Sprache erwächst eine Haltung, aus politischen Entscheidungen ein Bewusstsein. Vor dem Gesetz sind künftig eben tatsächlich alle gleich. Der Umgang mit Minderheiten ist es, der eine liberale Gesellschaft von einer autoritären unterscheidet.

Natürlich gab es gute Gründe, warum sich die Politik schwergetan hat. Die Ehe als Institution ist mehr als ein vertragliches Gebilde, sie ist auch mehr als eine romantische Idee. Der Staat verleiht mit ihr Rechte, vergibt Pflichten, setzt Normen. Um sie zu ringen, ist das Wesen einer Gesellschaft. Veränderungen müssen ein breites Fundament haben. Doch das gibt es längst, die Politik hinkte peinlich hinterher.

Es ist unverständlich, warum ausgerechnet die Verteidiger der Ehe es als Angriff verstehen, wenn zwei Menschen, die sich lieben, einander den Bund fürs Leben versprechen. Keinem heterosexuellem Paar wird etwas genommen, wenn Schwule und Lesben heiraten dürfen. Was bitte ist konservativer als ein Pakt für die Ewigkeit?

Die Kirche mag da andere Maßstäbe anlegen. Ihr steht es zu, auf Adam und Eva und Glaubensgrundsätze zu verweisen. Ein Staat hingegen hat andere Leitplanken zu beachten. Er fühlt nicht, er glaubt nicht, er ist rational. Es muss Änderungen in einer Gesellschaft als Handlungsauftrag annehmen, Eingriffe ins Privateste genau abwägen. Das heißt nicht, dass es in Deutschland keine Tabus mehr geben darf. Sex mit Minderjährigen, Ehen unter Geschwistern, Vielehen – die Menschen haben ein feines Gespür dafür, welche Konventionen sie sich bewahren und von welchen sie sich lossagen. Wer mit einem Dammbruch kokettiert und gewagte Vergleiche bemüht, tut dem Thema unrecht. Das gleiche gilt für das Adoptionsrecht. Homosexuelle Paare müssen sich von den strengen Adoptionsbehörden genauso auf ihre Eignung als Eltern prüfen lassen wie es heterosexuelle Paare müssen. Und das ist auch gut so.

 

Contra: Liebe geht den Staat nichts an


Darf man das überhaupt noch: Gegen die „Ehe für alle“ sein? Zumindest mehr Sorgfalt wäre angebracht gewesen. Und vor allem: eine ehrliche Debatte. Ein Kommentar von Johannes Bruggaier.
 

Auf Kritik an der „Ehe für alle“ reagieren Befürworter sehr sensibel, und das zu Recht. Ein missverständliches Wort kann genügen, damit aus einer sachlichen Debatte ein verletzendes Gerede wird.

Leider aber zeigt schon das Schlagwort „Ehe für alle“, dass die Befürworter selbst es mit der Sensibilität nicht so genau nehmen. Im Gegenteil: Die Wortwahl offenbart, wie stimmungsgetrieben mal so eben eine Jahrtausende alte Institution reformiert werden soll.

Denn für alle ist diese neue Ehe natürlich keineswegs gedacht. Auch künftig wird es Vorstellungen von Ehe und Familie geben, die keine Anerkennung finden. Und immer wird diese Verweigerung eine Diskriminierung bedeuten: jedenfalls, solange Ehe allein über die Frage entschieden wird, ob Menschen einander lieben und Verantwortung übernehmen.

Um Liebe aber ist es in der staatlichen Ehe noch nie gegangen. Ob, wie sehr und wem sich seine Bürger gerade zugeneigt fühlen: All das geht den Staat nichts an. Die unromantische Wahrheit ist, dass Eheprivilegien schon seit Kaiser Augustus’ Zeiten einem rationalen Interesse geschuldet waren: Es galt, die Voraussetzung für eine starke Geburtenrate zu schaffen und den Kindern eine stabile Versorgungsgemeinschaft zu bieten. Die einzige Verbindung, die Leben erzeugen kann – ein Mann und eine Frau –, sollte deshalb geschützt werden.

„Auch gleichgeschlechtliche Partnerschaften“, wenden die Befürworter ein, „können eine stabile Versorgungsgemeinschaft bilden!“ Das stimmt, trifft aber auf jede andere Familienkonstellation grundsätzlich genauso zu, übrigens auch auf viele Alleinerziehende. Entscheidend ist doch nicht, wer potenziell in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen, sondern welches Verantwortungsmodell der Staat fördern soll.

Und um diese Frage zu klären, darf man von einer Bundesregierung mehr Sorgfalt erwarten als eine hektische Abstimmung kurz vor der Wahl. Ungeklärt bleibt etwa folgende Frage: Wie kann es sein, dass Pädagogen das Fehlen männlicher Vorbilder in Kindergärten beklagen, weil es die Persönlichkeitsbildung beeinträchtige – für Adoptivkinder aber die Geschlechterzugehörigkeit ihrer Eltern unerheblich ist? Ein persönliches Erlebnis an der Ostsee habe ihren Kursschwenk ausgelöst, erklärt die Kanzlerin. Entschuldigung, Frau Bundeskanzlerin: Aber da wäre mir eine Expertenkommission lieber gewesen.