Plötzlich geht alles ganz schnell. Seit Jahren schon hadert die deutsche Politik mit sich und ihrem Umgang mit Homosexuellen. Nun wird sie durch einen Satz der Kanzlerin und das Gespür der SPD für enge Zeitfenster förmlich dazu gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Und die wird nicht umsonst mit dem Wort „historisch“ versehen. Denn auch wenn das Gesetz für die „Ehe für alle“ nur eine Minderheit direkt betreffen wird, so ist seine Bedeutung für das Land doch gewaltig. Denn es ist eben nicht egal, welche Haltung der Staat in dieser Frage hat. Es ist nicht egal, ob er eine Beziehung nun „Verpartnerung“ oder „Ehe“ nennt. Aus Sprache erwächst eine Haltung, aus politischen Entscheidungen ein Bewusstsein. Vor dem Gesetz sind künftig eben tatsächlich alle gleich. Der Umgang mit Minderheiten ist es, der eine liberale Gesellschaft von einer autoritären unterscheidet.

Natürlich gab es gute Gründe, warum sich die Politik schwergetan hat. Die Ehe als Institution ist mehr als ein vertragliches Gebilde, sie ist auch mehr als eine romantische Idee. Der Staat verleiht mit ihr Rechte, vergibt Pflichten, setzt Normen. Um sie zu ringen, ist das Wesen einer Gesellschaft. Veränderungen müssen ein breites Fundament haben. Doch das gibt es längst, die Politik hinkte peinlich hinterher.

Es ist unverständlich, warum ausgerechnet die Verteidiger der Ehe es als Angriff verstehen, wenn zwei Menschen, die sich lieben, einander den Bund fürs Leben versprechen. Keinem heterosexuellem Paar wird etwas genommen, wenn Schwule und Lesben heiraten dürfen. Was bitte ist konservativer als ein Pakt für die Ewigkeit?

Die Kirche mag da andere Maßstäbe anlegen. Ihr steht es zu, auf Adam und Eva und Glaubensgrundsätze zu verweisen. Ein Staat hingegen hat andere Leitplanken zu beachten. Er fühlt nicht, er glaubt nicht, er ist rational. Es muss Änderungen in einer Gesellschaft als Handlungsauftrag annehmen, Eingriffe ins Privateste genau abwägen. Das heißt nicht, dass es in Deutschland keine Tabus mehr geben darf. Sex mit Minderjährigen, Ehen unter Geschwistern, Vielehen – die Menschen haben ein feines Gespür dafür, welche Konventionen sie sich bewahren und von welchen sie sich lossagen. Wer mit einem Dammbruch kokettiert und gewagte Vergleiche bemüht, tut dem Thema unrecht. Das gleiche gilt für das Adoptionsrecht. Homosexuelle Paare müssen sich von den strengen Adoptionsbehörden genauso auf ihre Eignung als Eltern prüfen lassen wie es heterosexuelle Paare müssen. Und das ist auch gut so.

Darf man das überhaupt noch: Gegen die „Ehe für alle“ sein? Zumindest mehr Sorgfalt wäre angebracht gewesen. Und vor allem: eine ehrliche Debatte. Ein Contra von SÜDKURIER-Kulturchef Johannes Bruggaier lesen Sie hier.