Wenige Minuten, nachdem die ersten Trends über das künftige Europäische Parlament feststanden, setzten sich die beiden Spitzenkandidaten zusammen und legten ihre politischen Unterschiede beiseite. Der Unterlegene gratulierte dem Sieger und versprach, dass der andere Kommissionspräsident werden würde.

Aber was noch viel wichtiger war: Die beiden diskutierten, wie sie in einem Plenum, in dem Rechte und Nationalisten deutlich stärker vertreten sein würden, eine Mehrheit organisieren könnten. Damit das europäische Projekt nicht blockiert oder ausgebremst wird.

Das war vor fünf Jahren und die beiden Beteiligten hießen Martin Schulz für die Sozialdemokraten und der Christdemokrat Jean-Claude Juncker, dessen Europäische Volkspartei (EVP) als Sieger aus der Europawahl 2014 hervorgegangen war.

Breite Koalition gesucht

In der vergangenen Nacht hätten nur die „Chefs“ der beiden großen Parteienfamilien nicht gereicht. Die ersten Ergebnisse und Hochrechnungen aus den Mitgliedstaaten zeigten: Mit nur wenigen Ausnahmen haben die einstigen großen Volksparteien überall verloren, während Rechte und Nationalisten deutlich stärker wurden.

Der Brexit-Effekt

Dabei konnten die Statistiker einen Effekt noch gar nicht einrechnen: Denn wenn nach dem Brexit mutmaßlich im Oktober die 73 britischen Abgeordneten die europäische Volksvertretung wieder verlassen, werden einige Fraktionen wie die Sozialdemokraten oder die Liberalen (noch) schwächer, während beispielsweise die neue rechte Allianz des italienischen Lega Nord-Chefs Matteo Salvini und der Französin Marine Le Pen unverändert bleibt – ihr Gewicht in einem kleinen Parlament mit dann 705 Sitze sich ohne ihr Zutun noch vergrößert.

Vier Parteien in einem Boot?

Und das hat Konsequenzen: Um Mehrheiten zu bekommen, sind drei, wenn nicht sogar vier Parteien nötig. Manfred Weber wusste das, als er am späten Abend und nach den ersten Stellungnahmen in Berlin nach Brüssel flog. Kämpferisch werde es sich geben, hatten seine Leute gestreut, noch bevor der CSU-Politiker kurz vor Mitternacht seine Bilanz ziehen konnte.

Mögliche Zugeständnisse an Liberale

Von „einem großen Schritt auf die Liberalen zu“ war die Rede. Jene Liberalen, die sich in den vergangenen Wochen immer mehr um Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron und seine Idee einer Allianz mit dem Titel „renaissance“ geschart hatten. „Vielleicht bietet Weber noch in der Nacht dem bisherigen liberalen Fraktionschef Guy Verhofstadt an, Parlamentspräsident zu werden?“, wurden Gerüchte kolportiert.

Auf diese Weise könne er die Liberalen „fest einbinden“ – nach dem Motto: Wer Stimmen haben will, muss auch etwas geben, Denn Weber will Kommissionspräsident werden – zumindest dann, wenn das europäische Endergebnis am frühen Morgen dies hergibt.

Rückendeckung für Weber fraglich

Dazu braucht er nicht nur Entschlossenheit, sondern noch im Laufe des Montags Rückendeckung potenzieller sozialdemokratischer, liberaler und grüner Unterstützer.

Denn inzwischen hat sich herumgesprochen, dass die Staats- und Regierungschefs, die am Dienstagabend in Brüssel den Wahlausgang analysieren und über Konsequenzen beraten wollen, nichts lieber täten, als das Spitzenkandidaten-Modell endgültig und dauerhaft zu beerdigen.

Unterstützung von Merkel nicht sicher

Und ob Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren EVP-Spitzenkandidaten dabei wirklich standhaft verteidigt oder nicht preisgibt, ist unklar. Wenn die Parteien der demokratischen Mitte nicht mitziehen, würden die Staatenlenker Weber mit Hinweis auf fehlende Mehrheiten im Parlament nicht als Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsidenten benennen, heißt es.

Andere Stimmen betonten am Abend, diese „demokratische Ohrfeige“ für den Wähler werde man nicht wirklich wagen. Denn der Bürger würde sich getäuscht fühlen, wenn man einen Kandidaten erst ernennt und dann „ausmustert“.

Keine Atempause

Es sieht nicht so aus, als werde die Europäische Union in den nächsten Wochen zur Ruhe kommen. Der Brexit schwebt über allem. Auf den Führungsetagen der EU wird angeblich sogar überlegt, die so wichtigen Wahlen einer neuen Führungsmannschaft – Kommissionschef, EU-Ratsratspräsident sowie der oder die Hohe Beauftragte für die Außen- und Sicherheitspolitik – bis in den November zu verschieben.

Kein Störfeuer aus London

Dann sei wenigstens sicher, dass die britischen Parlamentarier nicht dabei sind und „Nigel Farage mit seinem Störfeuer ins Leere läuft“ – wie es gestern ein hochrangiger Kommissionsmitarbeiter ausdrückte. Politisch plausibel erscheint das, aber die EU wäre zugleich über Monate hinweg gelähmt.

„Das können wir uns nicht leisten“, sagte ein hochrangiger EU-Diplomat. „Erst erzählen wir den Bürger, wie wichtig Europa ist und dann legen wir den Laden für etliche Monate lahm? Das geht nicht.“

Sonntagabend in Brüssel: Die EU befindet sich im Wartezustand.