Von Donald Trump beleidigt zu werden, ist keine Schande. Seit seinem Amtsantritt vor zwei Jahren sammelt die New York Times, gegen wen der Choleriker im Weißen Haus schon einmal gewütet hat. 550 Fälle sind aufgelistet, die Ausraster füllen vier Doppelseiten. Hillary Clinton ist darunter („Sehr dumm“), aber auch Bundeskanzlerin Angela Merkel („Sie ruiniert Deutschland“). Selbst über Topmodel Heidi Klum äußerte sich der US-Präsident herablassend („Sie ist auch keine 10 mehr“). Lobende Worte findet der Chef der Weltmacht USA nur für sich selbst. „Keine Regierung hat in den ersten zwei Jahren mehr getan als die Trump-Regierung“, sagte er kürzlich.

Wie zurechnungsfähig ist der US-Präsident?

Oder agiert er überlegter, als es scheint? Seine ersten zwei Jahre hat Trump hinter sich: Am Sonntag ist Halbzeit für eine Amtsperiode, die von Chaos, Skandalen und einer verstörenden Außenpolitik gezeichnet ist. Nichts deutet darauf hin, dass die zweite Halbzeit ruhiger wird. Je stärker der 72-Jährige in die Ecke gedrängt wird, desto wütender schlägt er um sich.

So schildert es zumindest der amerikanische Starjournalist Bob Woodward (75), der in den 70er-Jahren mit seinen Watergate-Recherchen Skandal-Präsident Richard Nixon zum Rücktritt zwang. Von Trump zeichnet der Pulitzer-Preisträger in seinem Ende 2018 erschienenen Enthüllungsbuch „Furcht“ kein besseres Bild. Der Präsident tobt, wenn ihm Dinge nicht passen, er macht seine Minister nieder, er wirft sich schmollend in seinen Sessel, um dann erneut auszurasten. Ernüchtert spricht Woodward vom „Nervenzusammenbruch der politischen Exekutive des mächtigsten Landes der Welt“.

Zwei, die überhaupt nicht miteinander können: Trump mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juli 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg.
Zwei, die überhaupt nicht miteinander können: Trump mit Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juli 2017 beim G20-Gipfel in Hamburg. | Bild: Ludovic Marin/afp

Weg zur Macht war wohlkalkuliert

Dennoch erklärt das Temperament des Präsidenten nicht alles. Geht es nach Woodward, ist Trump sogar viel berechenbarer als seine Kritiker meinen. Sein Weg zur Macht war wohlkalkuliert und folgte einer ausgeklügelten Strategie. Am Anfang stand die Frage amerikanischer Konservativer um den umstrittenen rechten Politikberater Steve Bannon, warum sich immer mehr US-Wähler von der Politik abwenden und am Wahltag lieber zu Hause bleiben.

Die Antwort war eindeutig: Wer nach den Ursachen der Politikverdrossenheit sucht, wird in den Industrieruinen fernab der großen Städte fündig. Hunderttausende von Arbeitern haben ihren Job verloren, weil die Waren mittlerweile aus China kommen – und einen neuen werden sie nicht mehr finden. Von der Politik erwarten diese Wähler nichts mehr, weil sich in ihren Augen die Angebote von Parteien und Kandidaten nicht nennenswert unterscheiden.

Ein Wahlkampf nach den Gesetzen des Populismus

Bis Donald Trump kam. Bannon und seinen Mitstreitern dämmerte, dass dieses Heer von Unzufriedenen Wahlen entscheiden kann, sofern jemand das Kunststück schafft, es an die Urne zu bringen. Aber was wollen diese Wähler hören? Und wen wollen sie sehen, damit sie wieder zur Wahl gehen?

Trump, der Milliardär aus New York, erschien der Bannon-Truppe als idealer Kandidat für einen Wahlkampf nach den Gesetzen des Populismus. Von Politik hatte er zwar keine Ahnung, aber das unterschied ihn von Rivalin Hillary Clinton und machte ihn in den Augen seiner Wähler unverdächtig, in Washington mitzukungeln.

Auch von Wirtschaft versteht Trump laut Woodward weniger, als er vorgibt. Zwar brachte er 2004 einen Bestseller mit dem Titel „Wie man reich wird“ auf den Markt, doch er erarbeitete sein Vermögen nicht selbst, sondern erbte es vom Vater. Zum Kandidaten wurde Trump vielmehr, weil ihn viele Amerikaner als Moderator der Reality-TV-Serie „The Apprentice“ aus dem Fernsehen kannten. „Der Mann hatte was“, beschreibt Woodward den Eindruck, den Trump auf Politikprofis wie Bannon hinterließ. „Er kam rüber wie ein Kneipengast, der im Fernsehen auftritt, ein Typ aus Queens, streetsmart.“

Wahlkampf für Politikverdrossene

Auch die Botschaft, mit der Trump als Präsidentschaftskandidat an den Start ging, wurde nach Woodwards Darstellung bewusst auf Politikverdrossene zugespitzt. Sie reduzierte sich auf drei Punkte. Erstens: Die illegale Einwanderung muss gestoppt werden. Zweitens: Die Industriearbeitsplätze müssen zurück nach Amerika. Und drittens: Wir führen keine Kriege mehr in Ländern, deren Namen die meisten Amerikaner noch nie gehört haben.

Half ihm Putin diskret auf den Präsidentensessel? Trump mit dem russischen Präsidenten, ebenfalls beim G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg.
Half ihm Putin diskret auf den Präsidentensessel? Trump mit dem russischen Präsidenten, ebenfalls beim G20-Gipfel im Juli 2017 in Hamburg. | Bild: Evan Vucci/dpa

Das ist das Programm, mit dem Trump im November 2016 die Wahl gewann und das er bis heute eisern durchzieht – ohne Abstriche, egal, was der Rest der Welt dazu sagt. So unberechenbar, wie er manchmal scheint, ist der Präsident somit gar nicht. Vielmehr sind viele seiner Wähler überzeugt, dass Trump Punkt für Punkt umsetzt, was er im Wahlkampf versprochen hat.

Trump macht laut Umfragen einen guten Job

Das hilft ihm über alle Skandale, Fehltritte und Entgleisungen hinweg und rettet ihn vor dem Untergang. Umfragen zufolge finden 42,5 Prozent der US-Amerikaner, also fast die Hälfte der Befragten, dass der Präsident einen guten Job macht – für die Halbzeit ein überraschend guter Wert. Trump sieht sich bestätigt, 2020 will er sich zur Wiederwahl stellen.

Freilich bleibt Trump ein Populist, einer, der dem Volk nach dem Mund redet. Wie schnell der Präsident eigene Überzeugungen über Bord werfen kann, wenn er sich davon Vorteile verspricht, schildert Woodward an einem drastischen Beispiel. Bei den Republikanern habe noch nie jemand eine Vorwahl gewonnen, der nicht Abtreibungsgegner ist, erklärt ein Trump-Berater im Vorfeld des Wahlkampfs – „und das sind Sie ganz und gar nicht“. Trump reagiert pragmatisch: „So was kann man ja wegkriegen.“ Wenn das ein Problem sei, dann sei er eben Abtreibungsgegner.

Probleme und Streitigkeiten häufen sich

Nach zwei Jahren im Amt hat sich somit an dieser Präsidentschaft nicht viel geändert. Dem Milliardär Trump gelingt es weiterhin, der weißen unteren Mittelschicht weiszumachen, er sei einer der ihren. Zugleich häufen sich Probleme und Streitigkeiten. Präsidentenmacher Bannon ist längst abserviert, auch andere Berater der ersten Stunde mussten gehen. Selbst das Verhältnis zu den Kindern soll angespannt sein.

Ihr Verhältnis bleibt rätselhaft: Trump küsst bei einem Besuch in einem US-Stützpunkt im Irak seine Ehefrau Melania. Er klammert, sie hält auf Abstand.
Ihr Verhältnis bleibt rätselhaft: Trump küsst bei einem Besuch in einem US-Stützpunkt im Irak seine Ehefrau Melania. Er klammert, sie hält auf Abstand. | Bild: Andrew Harnik/dpa

Zum Personalchaos im Weißen Haus kommen der Ärger um die Mauer zu Mexiko, der Streit um den US-Haushalt, der Verdacht, dass Russland im Wahlkampf mitgemischt hat. Der Präsident gibt sich argwöhnischer denn je. Der frühere Außenminister Rex Tillerson nennt Trump „einen Mann, der ziemlich undiszipliniert ist, nicht gerne liest, keine Berichte liest, bei vielen Dingen nicht ins Detail gehen will.“ Und Stabschef John Kelly brüllte einmal frustriert: „Er ist ein Idiot. Es ist sinnlos, ihn zu überzeugen. Das hier ist ein Irrenhaus.“

Ähnlich klingen die Beschreibungen in Woodwards Buch. Der Reporter schildert einen überreizten Regierungschef, der häufig schlechter Laune ist und keine Ahnung hat. Die Öffentlichkeit wisse nicht, „wie schlimm es hinter den Kulissen tatsächlich aussieht“, schreibt Woodward. Beispiel Südkorea: Trump entschließt sich, das Freihandelsabkommen mit dem Verbündeten in Fernost aufzukündigen – bis seine Berater entsetzt darauf hinweisen, welche immense Rolle Südkorea angesichts der Raketen von Kim Jong Un für die Sicherheit der USA spielt. Das Kündigungsschreiben lässt ein Mitarbeiter anschließend diskret von Trumps Schreibtisch verschwinden.

Das Buch und sein Autor

  • Bob Woodward (75) zählt zu den bekanntesten Journalisten in den USA. Zusammen mit seinem Kollegen Carl Bernstein deckte er als Reporter der Washington Post die Hintergründe der Watergate-Affäre auf. Die Enthüllungen führten 1974 zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon. Die beiden Journalisten wurden für ihre Recherchen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 1976 wurde die Affäre unter dem Titel "Die Unbestechlichen" verfilmt, die Hauptrollen spielten Robert Redford und Dustin Hoffman.
  • Sein Buch über Bush: Nach der Watergate-Affäre blieb Woodward bei der Washington Post, für die er bis heute arbeitet. Zugleich veröffentlichte er zahlreiche Sachbücher. Aufsehen erregte sein Buch "Bush at War", in dem er die Hintergründe der Kriege in Afghanistan und im Irak nach den Anschlägen des 11. September 2001 kritisch aufarbeitet und mit Bush hart ins Gericht geht.
  • Sein Buch über Trump: lm September 2018 veröffentlichte Woodward ein Enthüllungsbuch über Donald Trump, das sich ebenfalls auf die Aussagen nicht genannter Informanten aus Trumps Umfeld stützt. Woodward zeichnte darin ein düsteres Bild von der Amtsführung des Präsidenten. Trump wies die Darstellung zurück und nannte Woodward einen Lügner. Das Buch erschien Ende Oktober in deutscher Übersetzung.

Bob Woodward: "Furcht. Trump im Weißen Haus." Rowohlt Buchverlag. 525 Seiten. 22,95 Euro. Das Original erschien bei Simon & Schuster unter dem Titel "Fear: Trump in the White House."