Rumpelnd, laut und provozierend walten der britische Premierminister Boris Johnson und US-Präsident Donald Trump in ihren knapp 6000 Kilometer auseinander entfernt liegenden Schaltzentralen der Macht. Das blonde Männer-Duo mischt die Politik auf, nicht nur in Washington und London. Drei Wochen vor dem geplanten Brexit und nur eine Woche vor dem entscheidenden EU-Gipfel verfolgt Trump genau, was sein Bruder im Geiste mit der Europäischen Union so treibt.

Nicht immer einer Meinung

Dabei waren keine vier Jahre zuvor noch die Fetzen geflogen: Als Trump über die angeblich drohende Gefahr auf den Straßen Londons schimpfte und vorschlug, keine Muslime in die USA einreisen zu lassen, konterte Johnson, damals Bürgermeister der Stadt: „Der einzige Grund, warum ich einige Teile New Yorks nicht besichtigen würde, ist das ernsthafte Risiko, Donald Trump zu treffen.“

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Brexit als gemeinsamer Nenner

Nun aber sind sich die beiden von gegenseitigem Nutzen. Trump wittert gute Geschäfte mit London nach dem Brexit. Er ist seit langem für den EU-Austritt Großbritanniens, am liebsten ohne jeden Deal, so wie es auch Johnson will. Der US-Präsident, dem derzeit ein Amtsenthebungsverfahren droht, stellte den Briten nach dem EU-Austritt ein „fantastisches“ Freihandelsabkommen in Aussicht. Auch den britischen Premier lockt das große Geld. Seinen Landsleuten versprach Johnson bei seiner Antrittsrede paradiesische Zustände nach dem EU-Austritt. Experten halten solche Versprechen für gewagt. Die Amerikaner seien knallharte Verhandler und die Brexit-Hardliner nicht gerade Wirtschaftsexperten. Trotzdem zelebrieren Trump und Johnson mit ihren Verheißungen ihre neu gefundene Allianz. Sie wirken auf den ersten Blick in vielen Dingen ähnlich. Und auf den zweiten?

Die Parallelen

  • Beide sind Selbstdarsteller und Verkaufstalente: Sie sind beide nicht für Geradlinigkeit bekannt, sondern maximal beweglich bis opportunistisch mit Blick auf politische Positionen. Trump und Johnson sind durch ähnliche Dynamiken an die Macht gekommen: mit populistischen Anti-Establishment-Botschaften an die Abgehängten in ihren Ländern. Sie sind uneingeschränkt von der eigenen Brillanz überzeugt – Johnson wollte schon als Kind „Welt-König“ werden, Trump bezeichnet sich als „sehr stabiles Genie“. Außerdem pflegen beide einen Politikstil jenseits aller Konventionen, haben Provokation zu ihrer Maxime erhoben und haben einen Hang zu verbalen Ausfällen.
  • Beide nehmen es auch mit der Wahrheit nicht so genau: Faktenchecker der „Washington Post“ haben seit Trumps Amtsantritt im Jahr 2017 mehr als 10 000 falsche oder irreführende Behauptungen des US-Präsidenten gezählt. Auch Johnson ist für Lügen berüchtigt, als Journalist verlor er daher sogar einen Job. Und: Das Leben beider Männer ist von Skandalen begleitet, oft Frauengeschichten. Jüngster Vorwurf gegen Johnson: Er habe als früherer Londoner Bürgermeister eine Affäre mit einer Geschäftsfrau aus den USA gehabt und sie begünstigt.
  • Bei den Äußerlichkeiten gibt es ebenfalls Parallelen: Beide sind nicht gerade Sinnbilder für Eleganz, modische Stilsicherheit oder gute Manieren. Ihre Markenzeichen sind ihre blonden Haare und eigenwilligen Frisuren – Johnson mag die Mähne eher wild und unsortiert, trägt sie als Premier ein wenig kürzer. Trump dürfte mit seiner eigenwilligen Föhnwelle vor allem darauf bedacht sein, Lücken zu überdecken.

Die Unterschiede

  • Elite-Internat auf der einen, TV-Unterhalter auf der anderen Seite. Alexander Boris de Pfeffel Johnson – so sein vollständiger Name – kommt aus gutem Hause. Er besuchte das Elite-Internat Eton, studierte in Oxford und war zeitweise Präsident des Debattierclubs Oxford Union und Mitglied der als dekadent verschrienen Studentenverbindung Bullingdon-Club. Sein türkischer Urgroßvater war kurzzeitig Innenminister des Osmanischen Reiches. Er ist mit Adligen in Deutschland und Frankreich verwandt – über zig Ecken sogar mit der Queen. Auch wenn Johnson im Alltag mit Noblesse geizt, so gehört er doch zur britischen Oberschicht. All das sind Dinge, die Trump abgehen. Der frühere Baumogul hat viel Geld angehäuft in seinem Leben und es bis ins Weiße Haus geschafft, aber zur noblen Elite mit Tradition und Klasse hat er nie gehört. Ihm haftet bis heute das Image des TV-Unterhalters an, eines – bisweilen windigen – Geschäftsmannes mit einem Faible für Wrestling und Frauen.
  • Sowohl Trump als auch Johnson sind geschickte Redner – allerdings auf unterschiedliche Weise. Trump mag simple, markige Botschaften und bedient sich aus einem eher begrenzten und einfachen Wortschatz. Johnson benutzt bei seinen Reden gerne gestelzte Formulierungen und bemüht mitunter die griechische Mythologie. Dem US-Präsidenten ist derlei fremd. (dpa)

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