Den nationalen Notstand rief Donald Trump in seiner Rede an die Nation am Dienstagabend dann doch nicht aus - Mitarbeiter hatten ihm offenbar klar gemacht, auf welch dünnem Eis er damit wandeln würde. Doch gleichzeitig machte Trump klar: Er will die Mauer, ob sie nun aus Beton oder Stahl bestet, um jeden Preis.

Doch auch das staatsmännische Ambiente des Vortrags oder der Umstand, dass der US-Präsident plötzlich von einer "Krise für das Herz" und einer "Krise für die Seele" spricht, machen den Vortrag nicht glaubwürdiger. Das Drogenproblem in den USA ist ein Mauer-Problem? Unsinn. Die meisten Drogen kommen durch legale Übergänge oder durch die Post ins Land. Eine "humanitäre Krise"? In 2017 gab es eine der niedrigsten Festsetzungen von illegalen Migranten durch den Grenzschutz in den letzten 45 Jahren.

Doch Trump weiß, dass für seine Kernwählerschaft solche unbequemen Fakten kaum zählen. Die Mauer - sie ist längst zum Symbol für hartes Durchgreifen geworden, macht sie nun Sinn oder nicht. Deshalb werden auch jene, die es illegal ins Land schaffen, weiter pauschal und die Statistiken ignorierend zu mordenden und vergewaltigenden Bösewichten gemacht und die US-Demokraten zu jenen, die dies noch mit ihrem Schmusekurs gegenüber Migranten fördern.

Hunderttausende Staatsangestellte, die derzeit wegen des Haushaltsstreits ohne Lohn arbeiten müssen oder im Zwangsurlaub sind, erwähnt er hingegen mit keinem Wort. Eine politische Annäherung wird der Präsident mit seinen zehn verschwendeten Minuten nicht erreichen - im Gegenteil.