Mit dem Abzug der US-Truppen aus Nordsyrien wächst die Gefahr eines militärischen Konflikts an der türkisch-syrischen Grenze. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte der syrischen Kurdenmiliz in der Region wiederholt mit einer Militäroffensive gedroht. Am Montag sagte er, diese könne jederzeit beginnen. Ziel der Türkei ist die Einrichtung einer umstrittenen „Sicherheitszone“:

Wie ist die aktuelle Lage in Syrien?

Die Gebiete entlang der türkischen Grenze werden seit 2012 von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrolliert. Ankara betrachtet die syrische Kurdenmiliz wegen ihrer engen Verbindungen zu den kurdischen Rebellen in der Türkei als Bedrohung und ist schon zwei Mal in Nordsyrien militärisch gegen sie vorgegangen.

Die USA unterstützten die YPG im Kampf gegen die Dschihadisten jahrelang mit Waffen. Am Sonntag kündigte Washington jedoch den Abzug seiner Truppen aus der Region an und erklärte, die USA würden sich an der angekündigten türkischen Militäroffensive in keiner Weise beteiligen.

Woher stammt die Idee für die "Sicherheitszone"

Die Türkei fordert seit langem auf die Schaffung einer „Sicherheitszone“ in Nordsyrien - zunächst um die syrischen Rebellen vor den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad zu schützen, später um die YPG zurückzudrängen. US-Präsident Donald Trump griff die Idee schließlich auf und traf Anfang August eine entsprechende Vereinbarung mit der Türkei. In einem Telefonat mit Trump am Sonntag zeigte sich Erdogan jedoch enttäuscht „über das Scheitern der US-Militär- und Sicherheitsbürokratie“ bei der Umsetzung des Vorhabens.

Wie soll die Zone aussehen?

Gemäß der Abmachung soll die Pufferzone eine Tiefe von 30 Kilometern haben und rund 480 Kilometer entlang der Grenze verlaufen. Die Türkei und die USA haben eine gemeinsame Zentrale eingerichtet, um die Umsetzung des Plans zu koordinieren.

Zudem unternahm die türkische Armee zwei gemeinsame Patrouillen mit den USA und flog mehrere Aufklärungseinsätze. Doch viele Fragen zur Umsetzung bleiben noch offen.

Wer soll dort angesiedelt werden?

Erdogan hat angekündigt, einen Teil der 3,6 Millionen syrischen Flüchtlinge aus der Türkei in der Pufferzone anzusiedeln. In einem ersten Schritt sollen dafür 140 Dörfer und zehn Städte für eine Million Menschen gebaut werden.

Sollte die Sicherheitszone bis zu den vorwiegend arabischen Großstädten Raka und Deir Essor ausgedehnt werden, könnten in das Gebiet zwei bis drei Millionen Vertriebene zurückkehren, sagte Erdogan.

Was wären die Folgen für die Region?

Die Ansiedlung von einer Million mehrheitlich arabischen Flüchtlingen in dem vorwiegend kurdischen Gebiet würde dessen ethnische Zusammensetzung grundlegend ändern, sagt der Geograf Fabrice Balanche. Aus Sicht Erdogans wäre dies wohl wünschenswert, doch dürfte dies zu erheblichen Konflikten mit den kurdischen Einwohnern führen.

Wie ist die Position der Flüchtlinge?

Aus diesen Gründen dürften viele syrische Flüchtlinge zögern, sich in der Pufferzone anzusiedeln. Viele von ihnen stammen aus anderen Landesteilen und würden sich kaum auf anderer Leute Land niederlassen wollen, sagt der Politikexperte Hasan Unal von der Istanbuler Maltepe Universität. Nach internationalem Recht könnten sie dazu auch nicht gezwungen werden. Auch die USA haben klar gemacht, dass sie eine erzwungene Umsiedlung nicht unterstützen.