Wer Visionen hat, sollte nicht in die Politik gehen, sondern zum Arzt, meinte einmal Helmut Schmidt. Dennoch stirbt der Typus der kühnen Visionärs nicht aus. Besonders häufig anzutreffen ist er in Brüssel. Obwohl die Europäische Union in der schwierigsten Phase ihrer Geschichte steckt, träumen Europas Spitzenpolitiker weiter und reden sich die Dinge schön. "Der Zeitpunkt für weitere Integrationsschritte in der EU war nie besser als heute", sagt Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron fordert ein Europa, das alle Schulden in einen großen Topf wirft. Martin Schulz, früher Berufseuropäer, trägt den Kopf noch höher in den Wolken. Sein Fernziel, wie er jüngst verkündete, sind die "Vereinigten Staaten von Europa" – als hätte seine Partei derzeit keine anderen Sorgen.

Es ist daher kein Fehler, dass Donald Tusk, der Ratspräsident aus Polen, die Gemeinschaft unsanft wachrüttelt und an die Realitäten erinnert: Die Flüchtlingspolitik hat Europa tief gespalten. Die mühsam ausgehandelte Verteilungsquote funktioniert nicht, Deutschland hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren mehr als eine Million Schutzsuchende aufgenommen, EU-Länder wie Ungarn und Polen null. Dort haben Politiker das Sagen, deren Weltbild an die AfD erinnert.

Hier die Guten, dort die Bösen? Im Westen des Kontinents ist es nicht üblich, für die Haltung der Osteuropäer so etwas wie Verständnis zu entwickeln. Ihre Regierungen machen dies auch nicht gerade leicht. In Polen macht der Europa-Hasser Jaroslaw Kaczynski seit Jahren Stimmung gegen Deutschland und die EU. Andrej Babiš, der Wahlsieger in Tschechien, stellt mit seinen chauvinistischen Sprüchen Donald Trump in den Schatten. Viktor Orbán, Regierungschef in Ungarn, spielt offen mit rassistischen Klischees. Er hat in der Flüchtlingspolitik eine Kampagne zu verantworten, die an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten ist.

Doch Augenrollen und pikierte Mienen helfen im Umgang mit solchen Partnern wenig. Wichtiger wäre die Einsicht, dass das Chaos der europäischen Flüchtlingspolitik Scharfmachern und Vereinfachern das Geschäft leicht macht. Gerade im Osten Europas, wo der Kommunismus über Jahrzehnte hinweg die eigenen Bürger einmauerte und von der Welt abschottete, ist die Furcht vor Zuwanderung besonders groß. Dazu kommt die alles überschattende Angst vor dem Islam. Warum wohl, so fragen sich viele Bürger in Osten Europas, finden die meisten Anschläge in London, Paris und Brüssel statt, nicht aber in Warschau und Budapest? In diesem Punkt wissen die Regierenden das Volk weitgehend hinter sich – einerlei ob sie rechts stehen wie Orbán oder links wie der Sozialist Robert Fico in der Slowakei. Kein Politiker in diesen Ländern kann ungestraft über die Stimmung in der Wählerschaft hinweggehen.

Deshalb sollte Europa es auch nicht versuchen. Es hilft nichts, am Geldhahn herumzufingern oder gar die Peitsche herauszuholen, um eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen zu erzwingen. Sie wird sich nicht durchsetzen lassen. Schon heute funktioniert die Quotenregelung nicht. Oftmals scheitert sie nicht an widerwilligen Regierungen, sondern an den Flüchtlingen selbst. Die baltischen Staaten nehmen die ihnen zugewiesenen Kontingente ohne Murren auf. Doch die Neuankömmlinge bleiben nicht lange, sondern setzen sich anschließend still und leise in den Westen ab. In Polen, Tschechien und Ungarn wäre dies nicht anders, selbst wenn dort die Regierungen einlenkten. Es ist eine Abstimmung mit den Füßen. Sie ist mächtiger als jede Quotenregelung.

Es ist daher Zeit, in der Realität anzukommen. Die EU braucht eine Zuwanderungspolitik, die nicht Flüchtlinge verteilt, sondern Aufgaben. Die Elendsströme aus Afrika und Nahost werden nicht abreißen, Europa wird sich niemals komplett abschotten können. Aber die Mitgliedstaaten können versuchen, den Andrang in geordnete Bahnen zu lenken. Voraussetzung dafür sind einheitliche Verfahren, gesicherte Außengrenzen, vor allem aber mehr Hilfe für die Herkunftsländer. Diese Hilfe können auch Länder leisten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen.

Nirgendwo zeigt sich so deutlich wie beim Blick auf die Schlauchboote vor der libyschen Küste, warum Europa auch in Zukunft gebraucht wird. Kein Staat kann eine Jahrhundert-Herausforderung wie diese allein stemmen: Möglich ist dies nur, wenn alle zusammenstehen und ihre Interessen bündeln. Dazu braucht es keine Vereinigten Staaten von Europa, keinen Bundesstaat nach dem Vorbild der USA. Es reicht ein Bündnis von Staaten, die das Gemeinwohl über den nationalen Eigennutz stellen und dort zusammenarbeiten, wo sie im Alleingang nicht weiterkommen. Konzentriert sich die EU darauf, hat sie noch viele Jahre vor sich.