Sahra Wagenknecht zählt nicht zu jenen Politikern, die Deutschlands Stammtische beherrschen. Nicht einmal ihre eigene Partei steht einhellig hinter der spröden Fraktionschefin der Linken. Dennoch trifft die 49-Jährige in der deutschen Gesellschaft offenbar einen Nerv: Bereits gut 50 000 Bundesbürger haben ihren Aufruf für eine linke Sammlungsbewegung unterschrieben.

Gemeinsamer Nenner ist ein unverblümter Linkspopulismus. Unterstützt von ihrem Ehemann Oskar Lafontaine, scheut sich die Initiatorin nicht, in der Asylpolitik rechte Parolen aufzugreifen, um der AfD das Wasser abzugraben und enttäuschte Wähler zurückzugewinnen.

Wutbürger gibt es hier wie dort

Die Rechnung kann nicht aufgehen. Aber sie wird in der deutschen Parteienlandschaft einiges durcheinanderwirbeln. So wie die AfD auf der anderen Seite der Straße wendet sich der Wagenknecht-Populismus an Wähler, die sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen und dem Politikbetrieb mit dickem Hals gegenüberstehen: Wutbürger gibt es hier wie dort.

Für sie hat das Duo Wagenknecht-Lafontaine altbekannte Losungen parat. Löhne rauf. Mieten runter. Bessere Renten, mehr Sozialleistungen, mehr von allem – wer immer auch dafür aufkommen soll.

Offen für Kritiker der Zuwanderungspolitik

Das alles ließe sich als Plunder aus der sozialistischen Mottenkiste abtun, wäre da nicht der Ton, der in der Zuwanderungspolitik angeschlagen wird. Wagenknechts Vorstoß zwingt die Linke, sich einer Realität zu stellen, vor der sie bisher die Augen verschlossen hat. Manche im Sozialstaat tragen an Merkels Flüchtlingspolitik schwerer als andere.

Vor allem in den Problemvierteln unserer Städte wächst das Gefühl, zu kurz zu kommen und ungerecht behandelt zu werden. Warum ist plötzlich Geld für Zuwanderer da, wo die Ämter bisher jeden Cent zweimal umdrehten? Sind Menschen mit deutschem Pass Bedürftige zweiter Klasse? Wer so fragt, muss künftig nicht automatisch bei der AfD anklopfen: Er findet auch links jemanden, der ihm zunickt.

Rechtspolpulisten wildern in allen Revieren

Daran lässt sich vieles kritisieren, erst recht aus dem Blickwinkel eines Linken. Dennoch, die Wucht der Debatte um Kindergeld-Zahlungen ins EU-Ausland zeigt, wie viel Unmut sich aufgestaut hat. Die Fraktionschefin ist die erste in ihrem Lager, die begriffen hat, warum die Wähler davon laufen – und wohin sie gehen. Viel zu lange hat sich das grünrotliberale Milieu eingeredet, die AfD sei ein Problem von CDU und CSU.

Richtig ist: Die Rechtspopulisten wildern in allen Revieren. Enttäuschte Unionsanhänger machen nur einen Teil ihrer Wählerschaft aus. Genauso viele wählten früher SPD und Linke. Um sie zurückzugewinnen, grenzt sich die einstige Altkommunistin Wagenknecht ausdrücklich von Merkels Willkommenskultur ab. Der Ehemann aus dem Saarland sagt es deutlich: Er freut sich über jeden rechten Saulus, sofern er bis zum Wahltag ein linker Paulus wird. Populismus wie aus dem Lehrbuch.

Das Projekt spaltet die Linke

Als Kitt für die zerstrittene Wählerschaft links der Mitte taugt dieser Ansatz nicht. Das Wagenknecht-Projekt eint die Linke nicht, sondern spaltet sie. Die Grünen, unter dem neuen Vorsitzenden Robert Habeck strotzend vor Selbstbewusstsein, stehen als Bündnispartner sicherlich nicht zur Verfügung.

Ihre Wählerklientel ist gut situiert und leidet weniger unter Globalisierungsängsten als andere. Sie erwartet eine weltoffene Politik der Mitte, keine Deutschland-zuerst-Experimente.

Genossen in der Zwickmühle

Anders die SPD. Sie hat keinen Habeck, sondern Andrea Nahles. Den Kontakt zu dem Wählermilieu, das Wagenknecht umwirbt, haben die Sozialdemokraten schon lange verloren. Die Umfragewerte lassen in einen Abgrund blicken. Die Reaktion auf die Kindergeldzahlungen nach Rumänien und Bulgarien zeigt, in welcher Zwickmühle die Genossen stecken. Im europäischen Parlament haben SPD-Abgeordnete bisher eine Reform der EU-Regelung verhindert.

Jetzt kommen Oberbürgermeister aus dem Ruhrgebiet, ebenfalls mit rotem Parteibuch, und beklagen das Nichtstun, weil sie die Folgen für ihre Städte sehen. Parteichefin Nahles, Wagenknechts Atem im Nacken spürend, springt ihnen eilig bei. Vor drei Jahren hätte sie ihre eigenen Forderungen noch als AfD-Rhetorik abgetan.

Das Ende der Volksparteien-Ära

Wahlforscher schätzen das Potenzial einer linken Sammlungsbewegung auf 20 bis 30 Prozent. Das mag zu hoch gegriffen sein: 50 000 Unterschriften sind noch keine Revolution, sondern allenfalls ein Nadelstich in ein Parteiengefüge, das in Jahrzehnten gewachsen ist und nun an seine Grenzen stößt. Die Verunsicherung ist an allen Ecken und Enden zu spüren.

Auch CDU und CSU sinken nach dem Krach zwischen Merkel und Seehofer unter 30 Prozent. Die Ära der Volksparteien neigt sich dem Ende zu, weil sie auf die Fragen der großen Vereinfacher keine Antworten haben. Der Populismus kommt mittlerweile von rechts und links. Aufpassen sollte man auf ihn hier wie dort.