Wer wissen will, wie sich im kommenden Jahr die Wirtschaft entwickelt, muss sich nicht zwangsläufig durch die Gutachten der Fachleute kämpfen. Ein Blick auf die aktuelle Allensbach-Umfrage genügt. Seit Gründung der Bundesrepublik fragen die Meinungsforscher vom Bodensee die Nation nach ihren Erwartungen für das neue Jahr. Die erstaunliche Erfahrung: Über den Verlauf der Konjunktur gibt die Kurve zuverlässiger Auskunft als alle Prognosen der Wirtschaftsforscher. Gehen die Bundesbürger optimistisch ins neue Jahr, läuft in den nächsten zwölf Monaten auch ökonomisch alles rund.

So gesehen, gibt es an der Schwelle zum Jahr 2018 keinen Grund zur Sorge. Die Mehrheit der Befragten blickt mit Zuversicht auf das Neue Jahr. 52 Prozent – das ist einer der besten Werte seit Mauerfall und Wiedervereinigung. Wie das? Alle Probleme schon vergessen, die Flüchtlingskrise ebenso wie das Desaster nach der Bundestagswahl? Erklären lässt sich dieser Optimismus nur mit dem stabilen wirtschaftlichen Rahmen, der in Deutschland vieles zusammenhält. Seit sieben Jahren strahlt über der Republik die Sonne einer stabilen Hochkonjunktur. Immer noch hat die Mehrheit ihr gesichertes Einkommen und Auskommen. Was sich in Berlin, Brüssel und Washington tut, trübt das Wohlbefinden nicht wirklich.

Zuversichtlich sind die Bundesbürger also nicht wegen, sondern trotz der politischen Großwetterlage. Denn diese gibt in der Tat Anlass zur Sorge. 2017 war kein einfaches Jahr. In Berlin herrscht seit der Bundestagswahl Stillstand. Viele Bürger spüren, dass dort eine Ära zu Ende geht. Andernorts ist die Welt erst recht aus den Fugen. Trump im Weißen Haus, Terror in Europa, neuer Sprengstoff im Nahen Osten, dazu Drohungen aus Nordkorea: Die Baustellen werden nicht weniger. Überschattet werden sie vom traurigen Zustand der Europäischen Union. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat einen Reformplan auf den Tisch gelegt, auf eine Antwort wartet er bis heute. Der Zerfall schreitet weiter voran.

Auch die Kanzlerin ist dagegen machtlos. In drei Regierungszeiten ging in der EU nichts ohne sie. Das ist vorbei. Selbst wenn es Angela Merkel gelingen sollte, eine Koalition auf die Beine zu stellen, hat sie abgewirtschaftet. Das Ende ihrer Kanzlerschaft rückt in Sichtweite. Ihre Gegner in den eigenen Reihen hätten lieber heute als morgen eine konservativere CDU. Von bürgerlichen Wählern abgewatscht, von der FDP hängengelassen und von der AfD zum Feindbild erklärt, ist Merkel dafür das falsche Aushängeschild.

Überraschend kommt diese Entwicklung nicht. Merkel hat im Laufe ihrer zwölfjährigen Regierungszeit traditionellen Unionsanhängern einiges zugemutet. Viele Kehrtwendungen hätten sie geschluckt, nicht aber den Abschied vom wichtigsten Markenkern der Partei. Jahrzehntelang garantierte die CDU innere Sicherheit. Heute ist dieses Versprechen eine Lebenslüge. Immer noch kommen Flüchtlinge ohne Pass, aber mit Handy über die deutsche Grenze. 30-Jährige geben sich als Minderjährige aus, weil sie wissen, welche Vorzüge damit verbunden sind. Man kann es ihnen nicht einmal verdenken. Die Fehlanreize des Asylsystems liegen auf der Hand und laden zur Notlüge geradezu ein. Die Union hat sie mit zu verantworten.

Auch die SPD hat sich von dem, was sie einst ausmachte, weit entfernt. Dann also zurück zum Kernthema soziale Gerechtigkeit? Kandidat Schulz hat es versucht und ist damit gescheitert. Die alten Parolen vom Klassenkampf ziehen nicht mehr, wenn im Ruhrgebiet die letzte Zeche schließt und die Mehrheit der Deutschen den Umfrage-Instituten bescheinigt, dass es ihr gut geht. Doch hinter der Fassade zeigen sich Risse. Viele Bürger mögen mit ihrer momentanen Situation zufrieden sein. Zugleich plagt sie aber die Angst vor Abstieg und Veränderung. Wolfgang Thierse spricht zu Recht von "Entheimatungsbefürchtungen". Die Sozialdemokratie sollte diese Sorgen wahrnehmen, wenn sie eine Zukunft haben will. Der Wahlkampf 2017 und der Erfolg der AfD waren eine deutliche Warnung.

Ob das deutsche Parteiensystem zu seiner alten Stabilität zurückfindet, entscheidet sich auch an der Frage, ob die Volksparteien die Kraft haben, das Volk zurückzugewinnen. Fremdenhass und Rassismus haben weder in der CDU noch in der SPD etwas zu suchen. Aber beide Parteien brauchen eine Antwort auf die Angst vor Entfremdung – und die Klugheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Andernfalls werden die Scharfmacher vom rechten Rand weiterhin die Unzufriedenen einsammeln, so wie überall in Europa. Als Wirtschaftsmacht steht Deutschland weiterhin bestens da. Doch die Aufgabe, eine offene, demokratische und zugleich sichere Gesellschaft zu bewahren, stellt sich auch hier. Das neue Jahr wird nicht einfacher als das alte.