Frau Bentele, Sie wurden am Mittwoch zur neuen Präsidentin des Sozialverbands VdK gewählt. Sie sind deutlich jünger als Ihre Vorgängerin. War es Zeit für einen Generationenwechsel?

Es ist richtig, den Generationenwechsel zu vollziehen, damit auch jüngere Menschen den VdK als Interessenvertretung für faire Löhne und ausreichende Renten wahrnehmen und als Verband, der für Menschen mit Behinderungen da ist.

Was wollen Sie anders machen als Ihre Vorgängerin?

Ich möchte die Bekanntheit des VdK ausbauen und ihn noch mehr zu den Menschen bringen, für die er sich einsetzt. Das heißt, ich möchte an Hochschulen gehen, in Ausbildungsstätten, in Pflegeeinrichtungen. Denn Menschen, die Unterstützung brauchen, gibt es in allen Altersklassen.

Sie waren bislang Behindertenbeauftragte der Bundesregierung – die erste in diesem Amt, die selbst eine Behinderung hat. Konnten Sie dadurch mehr erreichen?

Ich bin sicher, dass die Authentizität, mit der ich über Dinge sprechen konnte, hilfreich war, um Abgeordnete und Minister zu überzeugen. Ich konnte viel tun, damit Menschen mit Behinderungen schon frühzeitig in den Gesetzgebungsprozess miteingebunden wurden.

 

Drei Fragen an die neue VdK-Präsidentin:

 

Welche Erfolge nehmen Sie aus Ihrer Amtszeit mit?

In den vergangenen vier Jahren wurden mehrere Gesetze verabschiedet, unter anderem das Bundesteilhabegesetz. Dabei geht es um mehr Selbstbestimmung und Teilhabe an der Gesellschaft. Oder das Behindertengleichstellungsgesetz: Betroffene können sich an eine Schlichtungsstelle wenden. Außerdem gibt es nun einen Partizipationsfonds: Er unterstützt behinderte Menschen,ihre Interessen politisch zu vertreten.

Wie sozial ist Deutschland?

In Deutschland funktionieren viele Dinge sehr gut. Wir haben einen Sozialstaat, der Menschen unterstützt. Aber die Bundesrepublik steht vor der Herausforderung einer immer größere Spaltung zwischen Arm und Reich. Die soziale Spaltung wird mein Thema als Präsidentin des VdK sein. Immer mehr Menschen müssen mit wenig Geld leben und sind von Armut bedroht. Dagegen gibt es einige Superreiche, die extrem viel Geld haben. Ich fordere mehr Steuergerechtigkeit.

Sie selbst verzichten nach eigenen Angaben auf ein Gehalt als ehrenamtliche Präsidentin des VdK, sollen Berichten zufolge aber eine Entschädigung von mehr als 100 000 Euro pro Jahr erhalten...

Über die Höhe meiner Aufwandsentschädigung werden die VdK-Gremien entscheiden. Der Vollzeit-Job als VdK-Präsidentin ist eine Position, die sich nicht neben der Berufstätigkeit ausüben lässt. Eine angemessene Entschädigung ist deshalb notwendig. Woher diese Information über 100 000 Euro kommen, weiß ich allerdings nicht.

Was muss sich in der Bundesrepublik ändern, damit sie sozialer wird?

Ich finde es wichtig, dass Menschen von ihrer Rente leben können: Ob sie nun in Teilzeit gearbeitet haben, weil sie Kinder großgezogen haben, länger krank waren oder mit einer Behinderung leben. Außerdem brauchen wir bessere Bedingungen in der Pflege. Das bedeutet mehr Personal. Das sind wir älteren Menschen schuldig. Wir benötigen dringend eine bessere barrierefreie Infrastruktur, beim Zugang zu Arztpraxen, aber auch beim Verkehr im ländlichen Raum. Bezahlbarer Wohnraum ist Mangelware, barrierefreier und seniorengerechter Wohnraum erst recht.

Wie gerecht ist unser Sozialsystem?

Unser Sozialsystem ist sehr komplex. Es muss einfacher werden für Menschen, damit sie ihre Leistungen erhalten. Menschen, die aufgrund von Krankheit frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, können nicht von ihrer Rente leben. Wir wollen als Sozialverband VdK über das deutsche Sozialsystem diskutieren. Etwa zu der Frage, ob der Mindestlohn von 8,84 Euro ausreicht, um später von der Rente leben zu können und sich nicht an der Tafel anstellen zu müssen.

Wohnraum wird trotz Mietpreisbremse immer teurer – was wollen Sie dagegen unternehmen?

Mein Vorschlag wäre, dass Verstöße gegen die Mietpreisbremse geahndet werden. Dazu bräuchte es entsprechende Kontrollen. Zudem benötigen wir mehr sozialen Wohnungsbau: Damit Menschen, die in München wohnen und in der Pflege arbeiten, weiter dort leben können, statt wegzuziehen und Stunden zur Arbeit zu brauchen.

Ihre Generation kann nicht mehr damit rechnen, von der Rente leben zu können. Wie geht es Ihnen dabei?

Ein Grund, warum ich mich im VdK engagiere, ist auch, weil ich gerne für meine Generation die Sicherheit hätte, später eine Rente zu bekommen, die zum Leben reicht. Da gilt es auch die Steuerpolitik zu überarbeiten: Wir brauchen eine Finanzierung der Renten nicht nur über Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträge, sondern auch über die Steuern. Anders wird es nicht funktionieren.

Was halten Sie eigentlich von dem Begriff behindert? Würden Sie sich selbst so beschreiben?

Es gibt noch kein sehr viel besseres Wort. Behindert heißt ja auch, dass Menschen in ihrer Mobilität oder Kommunikation behindert werden. Ich würde mich als Mensch mit Behinderung bezeichnen, denn mich macht ja mehr aus als die Blindheit.

Wie erleben Sie selbst den Umgang mit Behinderten?

Der Umgang ist bei vielen Menschen sehr unsicher: Sie wissen nicht, ob und wann jemand Hilfe benötigt. Andererseits sollten Menschen mit Behinderungen offen mit ihrem Unterstützungsbedarf umgehen. Ich wünsche mir, dass mehr gemeinsam stattfindet: Von der Schule über die Freizeit bis hin zur Arbeit – damit das Miteinander selbstverständlicher wird.

Sie haben sich kritisch zur AfD geäußert. Warum?

Ich erwarte, dass wir in Deutschland Menschenrechte schützen und diese Standards auch in politischem Handeln und Denken verfolgen. Der Mensch steht im Mittelpunkt, seine Teilhabe an der Gesellschaft, seine Würde, ob jung oder alt, behindert oder nicht. Wir sollten alle wachsam sein, inwieweit diese Standards in Frage gestellt werden.

Sie sind SPD-Mitglied. Geht Ihnen der Koalitionsvertrag in Punkto sozialer Gerechtigkeit weit genug oder haben Sie mit Ihrer Partei noch ein Hühnchen zu rupfen?

Es gibt gute Ansätze im Koalitionsvertrag. Aber er hätte in einigen Bereichen weiter gehen können: Zum Beispiel finde ich, dass private Anbieter von Waren und Dienstleistungen, also beispielsweise Ärzte, Einzelhändler, Taxiunternehmer oder Gastwirte, zur Barrierefreiheit gesetzlich verpflichtet werden sollten.

Sie waren jahrelang sehr erfolgreich im deutschen Kader der Biathleten. Bis heute machen Sie viel Sport. Brauchen Sie die körperliche Aktivität als Ausgleich?

Sport ist für mich Ausgleich, ein Mittel, um überschüssige Energie loszuwerden, ebenso wie sie zu tanken, oder einfach, um mich auf einer anderen Ebene anzustrengen. Am Wochenende setze ich mich gerne mal 150 Kilometer aufs Tandem. Demnächst nehme ich mit einem Freund vom Bodensee an einem Radmarathon von Trondheim nach Oslo teil.

Würden Sie sagen, dass Sie durch den Sport auch in Ihrer Karriere durchsetzungsfähiger geworden sind?

Das denke ich schon. Im Sport geht es um das Erreichen von Goldmedaillen, in der Arbeit geht es um die Ziele, die ich erreichen möchte.

Fragen: Mirjam Moll

 

Zur Person

  • Verena Bentele (36) ist die neue Präsidentin des VdK. Sie wächst auf einem Biobauernhof in der Nähe von Tettnang auf. Die von Geburt an blinde Frau bringt ihre Liebe zum Sport bis in den deutschen Biathlonkader, sie gewinnt zwölf Mal Gold bei den Paralympics. Beruflich lässt sie sich zum systemischen Coach ausbilden und tritt als Rednerin auf. Von 2014 bis 2018 ist sie Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. Seit 2012 gehört sie der SPD an. Bentele lebt in München.
  • Der VdK wurde 1950 als "Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenenund Sozialrentner Deutschlands e. V." gegründet. Heute heißt er offiziell "Sozialverband VdK Deutschland e.V.". Er macht sich für soziale Gerechtigkeit und Gleichstellung stark. Bundesweit zählt er 1,8 Millionen Mitglieder, in Baden-Württemberg knapp 224 000 Mitglieder.