ANFANG DER 90ER JAHRE: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe lernen sich in einem Jugendclub in Jena-Winzerla kennen. Das Trio zeigt hier bald rechtsextreme Haltungen und radikalisiert sich fortschreitend - mit immer enger werdenden Kontakten in Neonazigruppen wie den „Thüringer Heimatschutz“.

26. JANUAR 1998: Die Polizei in Jena durchsucht bei einer Razzia gegen Rechtsextreme auch eine von Beate Zschäpe angemietete Garage und findet dort Rohrbomben und Sprengstoff. In den Jahren davor war das Trio immer wieder ins Visier der Polizei geraten, unter anderem wegen Briefbombenattrappen. Kurz nach der Razzia tauchen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe gemeinsam unter.

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18. DEZEMBER 1998: Zum ersten Mal überfallen Böhnhardt und Mundlos einen Supermarkt und schießen dabei um sich. Dabei erbeuten sie umgerechnet gut 15.000 Euro. In den folgenden Jahren verüben sie insgesamt 15 bewaffnete Raubüberfälle und erbeuten so in etwa 600.000 Euro für ihr Leben im Untergrund.

1. JULI 2000: Das Trio wechselt den Standort und zieht von Chemnitz nach Zwickau. Dort bewohnen sie in den folgenden Jahren drei Wohnungen, ohne entdeckt zu werden.

9. SEPTEMBER 2000: In Nürnberg wird der Blumenhändler Enver Simsek erschossen, das erste Opfer der NSU-Mordserie. Bis zum Jahr 2007 folgen neun weitere Morde, die dem NSU zugerechnet werden. Von den zehn Mordanschlägen gelten neun Kleinunternehmern mit Migrationshintergrund, der letzte NSU-Mord ist der an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007. Nie kommt ein Verdacht gegen das im Untergrund lebende Trio auf.

19. JANUAR 2001: In Köln wird bei einer Sprengstoffexplosion in einem Lebensmittelgeschäft eine junge Deutschiranerin schwer verletzt, Böhnhardt oder Mundlos hatten eine Christstollendose voller Schwarzpulver in dem Laden versteckt.

9. JUNI 2004: Ein Nagelbombenanschlag erschüttert die von vielen türkischen Geschäften geprägte Kölner Keupstraße. Es gibt 22 Verletzte, darunter mehrere lebensgefährlich Verletzte. Erst im NSU-Prozess zeigt sich, dass der Anschlag weit größeren Schaden hätte anrichten können. Die Bundesanwaltschaft wertet den Anschlag als versuchten Mord in 32 Fällen und als gefährliche Körperverletzung in 23 Fällen - mehr als ursprünglich angeklagt.

4. NOVEMBER 2011: Nach einem Überfall auf eine Bank in Eisenach fallen Böhnhardt und Mundlos einem Zeugen auf, der die Polizei alarmiert. Als diese sich einem Wohnmobil mit den beiden Männern nähert, begehen sie mutmaßlich Suizid. Am selben Tag kommt es zu einem schweren Brand im letzten Unterschlupf des Trios in Zwickau, der vermutlich von Zschäpe gelegt wurde, um Beweismittel zu vernichten. Zschäpe verschickt mehrere Bekenner-DVDs, durch die der NSU erstmals bekannt wird. Nach mehrtägiger Flucht stellt sie sich am 8. November.

6. MAI 2013: Vor dem Oberlandesgericht München beginnt der NSU-Prozess gegen Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer des Trios. Es werden um die 800 Zeugen gehört, 25 technische und 26 medizinische Gutachter sagen aus. Grundsätzliche Zweifel an der Anklage und den vorgeworfenen Taten kommen nicht auf. Zschäpe gibt aber Mundlos und Böhnhardt die alleinige Verantwortung für die Taten und bestreitet, Mitglied des NSU gewesen zu sein.

3. JULI 2018: Mit dem letzten Wort von Beate Zschäpe und von drei der vier Mitangeklagten ist der Weg für das Urteil frei.

11. JULI 2018: Lebenslang für Zschäpe wegen zehnfachen Mordes, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und schwerer Brandstiftung. Das Gericht stellt zudem eine besondere Schwere der Schuld fest. Die vier als NSU-Helfer Mitangeklagten erhalten Haftstrafen zwischen zweieinhalb und zehn Jahren.

 

Die Terrorgruppe NSU

  • Die Terrorgruppe: Beim NSU (Abkürzung für „Nationalsozialistischer Untergrund“) handelt es sich um eine rechtsextreme terroristische Vereinigung, die 1999 gebildet wurde und das Ziel hatte, Ausländer und Zuwanderer zu ermorden. Die Mitglieder Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe stammten aus Jena und lebten ab 1998 untergetaucht in Chemnitz und Zwickau. Sie ermordeten zwischen 2000 und 2007 neun Migranten und eine Polizistin, verübten drei Sprengstoffanschläge (Nürnberg 1999, Köln 2001 und 2004) und 15 Raubüberfälle.
  • Das Ende: Die Verbrechen des NSU wurden im November 2011 öffentlich bekannt, als Mundlos und Böhnhardt tot in einem ausgebrannten Wohnmobil gefunden wurden und Zschäpe ihre Zwickauer Wohnung abbrannte sowie Bekennervideos versandte. Die beiden Haupttäter hatten sich kurz zuvor erschossen, als nach einem Raubüberfall die Polizei anrückte. Am 6. Mai 2013 wurde der NSU-Prozess gegen Zschäpe und vier mutmaßliche Gehilfen vor dem Oberlandesgericht München eröffnet.
  • Der Sympatisantenkreis: Die Zahl der bundesweit vernetzten NSU-Unterstützer wird auf 100 bis 200 geschätzt, darunter V-Personen und Funktionäre rechtsextremer Parteien.

Die Mordopfer des NSU

  • Enver Simsek war das erste NSU-Mordopfer. Der aus der Türkei stammende 38-Jährige wurde am 9. September 2000 vor seinem mobilen Blumenstand in Nürnberg mit acht Schüssen aus zwei verschiedenen Waffen niedergeschossen und starb zwei Tage später im Krankenhaus.
  • Abdurrahim Özudogru ist das zweite von insgesamt drei Opfern aus Nürnberg. Der ebenfalls türkischstämmige 49-Jährige wurde am 13. Juni 2001 durch zwei Kopfschüsse in seiner Änderungsschneiderei getötet.
  • Süleyman Tasköprü starb zwei Wochen später am 27. Juni 2001 in einem von seinem Vater betriebenen Obst- und Gemüseladen in Hamburg-Bahrenfeld. Der 31 Jahre alte Vater einer Tochter starb wie Simsek durch Schüsse aus zwei Pistolen, einer als Haupttatwaffe der NSU-Morde geltenden Ceska und einer Bruni Modell 315.
  • Habil Kilic wurde am 29. August 2001 in seinem Obst- und Gemüseladen in München erschossen, er wurde 38 Jahre alt. Nach dieser Tat sollen Böhnhardt und Mundlos bis 2004 keine weiteren Morde begangen haben.
  • Mehmet Turgut ist das fünfte NSU-Mordopfer. Er starb am 25. Februar 2004 durch drei Kopfschüsse vor einem Dönerimbiss in Rostock. Der 25 Jahre alte Turgut war erst kurz vorher aus Hamburg nach Rostock gekommen und wollte am Tattag spontan als Aushilfe in dem Imbiss seines Freunds arbeiten.
  • Ismail Yasar wurde am 9. Juni 2005 in seinem Nürnberger Dönerimbiss erschossen. Er wurde 50 Jahre alt und stammte wie acht der Opfer aus der Türkei. Nach diesem sechsten Mordfall sprach die Polizei fälschlicherweise offen davon, die bisherigen sechs Opfer könnten „in Verbindung mit türkischen Drogenhändlern aus den Niederlanden“ stehen. Dass mehrere Zeugen am Tatort zwei Männer auf Fahrrädern sahen, brachte die Polizei noch immer nicht auf die richtige Spur.
  • Theodoros Boulgarides starb am 15. Juni 2005 im Laden seines Schlüsseldiensts in München. Der zweifache Vater wurde 41 Jahre alt, er hinterließ Frau und zwei Kinder. Boulgarides ist das einzige Opfer mit griechischen Wurzeln.
  • Mehmet Kubasik wurde am 4. April 2006 in seinem Kiosk in Dortmund erschossen. Kubasik wurde 39 Jahre alt, der Deutschtürke hinterließ Frau und drei Kinder.
  • Halit Yozgat wurde nur zwei Tage später mit zwei Kopfschüssen in einem von ihm betriebenen Internetcafé getötet. Yozgat war mit 21 Jahren das jüngste NSU-Opfer. Während der Tatzeit befand sich ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes in dem Internetcafé. Dieser bestreitet, etwas von der Tat mitbekommen zu haben.
  • Michèle Kiesewetter starb am 25. April 2007 durch einen gezielten Kopfschuss auf einem Parkplatz in Heilbronn. Die 22 Jahre alte Polizistin machte dort zusammen mit einem Kollegen eine Pause. Dieser erlitt ebenfalls einen Kopfschuss, überlebte aber. Da es in diesem Fall keinen fremdenfeindlichen Hintergrund gibt, könnte Waffenbeschaffung oder eine Machtdemonstration gegenüber dem Staat ein Tatmotiv sein – Mundlos und Böhnhardt stahlen die Waffen der beiden Polizisten. Mit dem Mord an Kiesewetter endete die NSU-Mordserie. Danach lebten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe noch viereinhalb Jahre unerkannt im Untergrund. (AFP)