Nur die ganz Alten in der CDU können sich noch daran erinnern, dass es auf einem Parteitag eine echte Wahl gab. Im Oktober 1971 bewarben sich in Saarbrücken der damalige Oppositionsführer im Bundestag, Fraktionschef Rainer Barzel, und der junge, ehrgeizige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Helmut Kohl, um das Amt des Parteichefs. Der haushohe Favorit Barzel setzte sich klar durch. Zwei Jahre später war dann doch der Weg frei für Kohl.

47 Jahre mussten vergehen, bis die Delegierten wieder eine echte Wahl haben, 47 Jahre lang war die einzige spannende Frage, ob der einzige Kandidat – oder seit 2000 die einzige Kandidatin – mehr oder weniger als 90 Prozent der Stimmen erhält. Doch wenn sich die 1001 Delegierten am Freitag und Samstag auf dem Messegelände der Hansestadt Hamburg versammeln, könnte die Spannung nicht größer sein.

Nichts entschieden, alles ist offen, niemand will im Vorfeld eine Prognose abgeben. Die Frage, wer der seit 18 Jahren amtierenden CDU-Chefin und Noch-Bundeskanzlerin Angela Merkel nachfolgen wird, elektrisiert die Partei wie die Öffentlichkeit.

Denn für die CDU geht es um viel mehr als nur um die Frage, wer künftig am Schreibtisch im fünften Stock des Konrad-Adenauer-Hauses sitzt. Die Delegierten stehen vielmehr vor einer Richtungsentscheidung, bestimmen mit der Personalie auch den künftigen Kurs und die Ausrichtung ihrer Partei. Angela Merkel hat die CDU seit dem Jahr 2000 umfassend modernisiert und konsequent in die politische Mitte getrieben.

Auf diese Weise ist es ihr gelungen, sie strategisch mehrheitsfähig zu machen, da die Union sowohl mit der FDP als auch der SPD und neuerdings sogar mit den Grünen koalieren kann, während die SPD als Konkurrentin um die Macht ausgeschaltet wurde.

Doch der Preis war hoch. Programmatisch verlor die CDU an Schärfe und Profil, sie wurde beliebig, da sie ihre inhaltliche Ausrichtung ganz dem Regierungshandeln unterordnete.

Und das Vakuum am rechten Rand, das durch die Preisgabe konservativer und wirtschaftsliberaler Positionen entstand, füllte die AfD aus. Der Neuling auf der politischen Bühne ist dabei, sich dauerhaft zu etablieren und damit die Mehrheitsfähigkeit der Union zu gefährden.

Wie soll mit dieser neuen Herausforderung umgegangen werden? Wie soll man den Rivalen am rechten Rand behandeln, um einerseits verlorenes Terrain zurückzugewinnen ohne die gesellschaftliche Mitte aus dem Blick zu verlieren? Und wie kann man in Zeiten schwindender Bindungen Volkspartei bleiben?

Die drei Kandidaten, die die programmatische Vielfalt der Union abbilden, geben darauf zum Teil unterschiedliche Antworten, stehen für ein unterschiedliches Profil. Die Saarländerin Annegret Kramp-Karrenbauer wehrt sich zwar gegen den Vorwurf, eine „Merkel 2.0“ zu sein, würde aber doch eher am bisherigen Kurs der Mitte und einer starken sozialpolitischen Ausrichtung festhalten.

Friedrich Merz hingegen, dem seinerseits seine Tätigkeit bei der US-Investmentgesellschaft Blackrock vorgehalten wird, würde den konservativen und wirtschaftsliberalen Flügel stärken. Dies gilt auch für Jens Spahn, der aber wohl keine Chance hat.

Die Wahl zu haben bedeutet auch die Qual der Wahl zu haben. Die CDU hat sich dafür gefeiert, drei starke Kandidaten für das Amt des Parteichefs zu haben. Gleichzeitig hat dies aber auch die tiefe Spaltung und die Zerrissenheit der Partei nach der Flüchtlingskrise offengelegt.

Dass es im Gegensatz zu 1971 keinen Favoriten gibt, macht den Reiz des Parteitags aus und garantiert Spannung bis zuletzt, belegt aber auch, dass die CDU selber nicht weiß, was sie will. Die Unsicherheit ist mit Händen zu greifen.

Die größte Herausforderung für Kramp-Karrenbauer oder Merz wird es sein, erst einmal diese lähmende Spaltung zu überwinden und die CDU mit sich selber (und der CSU) zu versöhnen. Und Jens Spahn? Er hat alle Zeit der Welt. Er ist erst 38.