Die Zeiten ändern sich. Drinnen in der Stadthalle Sindelfingen kommen die baden-württembergischen Grünen fast auf den Tag genau 40 Jahre nach Gründung des damals ersten grünen Landesverbandes zu ihrem zweitägigen Parteitag zusammen. „Wer hätte das damals gedacht?“ ist der Satz, der am Samstag am häufigsten in den Reden fällt. 2019 sind sie führende Regierungspartei im Südwesten, mit einem aktuellen Umfragewert von bislang bundesweit unerreichten 38 Prozent im Kreuz, mit einem amtierenden grünen Ministerpräsidenten, den 77 Prozent der Baden-Württemberger direkt wählen würden und der gerade erklärt hat, noch einmal antreten zu wollen.

Die beiden Parteivorsitzenden Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand treten ohne Gegenkandidaten zur Wiederwahl an, sie erzielen 90,1 und 95,5 Prozent. Die Grünen nennen sich die „neue Baden-Württemberg-Partei“. Mehr Bestätigung und damit Selbstbestätigung geht kaum. Es ist ein Jubelparteitag, nach dem Arbeitsprogramm mit Vorstandwahlen am Samstag stehen ein Jubiläumsfestakt und abends noch eine Party an.

Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand bleiben nach ihrer Wiederwahl die Landesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg
Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand bleiben nach ihrer Wiederwahl die Landesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen in Baden-Württemberg | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Kritiker demonstrieren vor und in der Halle

Und draußen stehen zum Auftakt die Demonstranten. „Ich habe euch auch mal gewählt – gegen Autolobby und für Atomausstieg“ steht auf den Plakaten, oder „Ihr habt uns angeschwärzt“, „Neckarwestheim abschalten – ihr könnt, also handelt!“. Die Gegner des Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada fragen „Was ist noch grün an den Grünen?“ und entern später noch das Stadthallen-Podium für ihre Botschaft; und auf ein einsames grünes Holzkreuz im Rasen, Protestsymbol der Gegner des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“, haben sowohl Gegner als auch Unterstützer ein Positionspapier gepinnt.

„Ich halte solche Proteste für legitim, das spornt uns an, weiter zu handeln“, sagt der Chef der grünen Landtagsfraktion, Andreas Schwarz auf die Frage, welche Gefühle solche Plakate bei einem Funktionsträger der Anti-Atomkraft-Partei auslösen. Und es ist nur ein kleines Häuflein von Demonstranten.

Winfried Kretschmann verlässt während des Landesparteitags neben Demonstranten die Bühne.
Winfried Kretschmann verlässt während des Landesparteitags neben Demonstranten die Bühne. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Südwesten soll Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz einnehmen

Das Thema der Stunde ist der Klimawandel, ein urgrünes Thema. Die Reden der – per Video aus Brandenburg von den dortigen Jamaika-Koalitionsverhandlungen eingeblendeten – Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock – und von Ministerpräsident Winfried Kretschmann stehen unter dem Eindruck der weltweiten Klimaproteste der „Fridays for Future“-Bewegung am Vortag und der am gleichen Tag bekannt gewordenen Ergebnisse des Klimagipfels der Bundesregierung.

„Ganz bitter“, nennt Baerbock die Beschlüsse, das „größte Unrecht an unseren Kindern“ und fordert die baden-württembergischen Grünen auf, im Südwesten eine Vorreiterrolle in Sachen Klimaschutz einzunehmen. Was ohnehin auf der Tagesordnung steht: Die Grünen wollen am Sonntag einen Leitantrag zum Klimaschutz verabschieden.

Klimaschutz ohne Verbote und Gebote funktioniert nicht

Deutlicher wird Kretschmann: Einen „Treppenwitz“ nennt er den Beschluss zur CO²-Bepreisung, sogar aus der Wirtschaft kämen Signale, dass das „viel zu wenig“ sei. Der Regierungschef fordert verpflichtende Klimaschutzmaßnahmen, spricht davon, dass Klimaschutz ohne Verbote und Gebote nicht funktioniert. „Aus Kapitalismus muss ökologische Marktwirtschaft werden.

„Ich habe noch viel Lust, die Welt zu verbessern und ich bin voll da.“, sagt Winnfried Kretschmann.
„Ich habe noch viel Lust, die Welt zu verbessern und ich bin voll da.“, sagt Winnfried Kretschmann. | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Mit Anreizen und Subventionen alleine wird es nicht gehen, sonst wären wir nicht da, wo wir jetzt sind“, sagt Kretschmann unter großem Beifall der Delegierten. Und stärkt den ‚Fridays for Future‘-Demonstranten den Rücken: „Ich kann den jungen Menschen nur sagen: Bleibt dran. Bleibt dran. Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen!“, sagt er unter dem Jubel der Delegierten, unter denen auffallend viele junge Menschen sind. Kretschmann bremst: „Es ist nicht fünf vor 12, es ist schon nach 12 – deshalb feiern wir kein rauschendes Fest und sind jetzt nicht so fröhlich, wie wir es sein könnten.“

„Ich habe noch viel Lust, die Welt zu verbessern und ich bin voll da.“

Kretschmann mahnt auch, schlägt den Bogen zur heraufziehenden Wirtschaftskrise und zum notwendigen Umbau der baden-württembergischen Industrielandschaft. „Wir müssen darauf hoffen, dass innerhalb von zehn Jahre Dinge entwickelt werden, die wir heute noch gar nicht kennen“, sagt Kretschmann, „es ist kein Naturgesetz, dass Baden-Württemberg immer an der wirtschaftlichen Spitze ist“ – Innovationen zu verschlafen, sei ein Fehler, den früher schon das Ruhrgebiet gemacht habe.

Der leidenschaftliche Auftritt des Regierungschefs, der eindringlich vor der zunehmenden Vergiftung auch des gesellschaftlichen Klimas durch rechte Nationalisten und die AfD warnt, wird immer wieder von Applaus unterbrochen, erst recht, als er sagt: „Ich habe noch viel Lust, die Welt zu verbessern und ich bin voll da. Ich verspreche Euch, dass ich mich da weiter reinhängen werde, mit allem was ich bin, mit allem was ich habe, mit allem was ich kann, aber auch im Wissen um meine Grenzen“, sagt Kretschmann. Da steht der Parteitag und jubelt ihm zu.

„Solange unser Spitzenkandidat jünger ist als eure Ideen, seht ihr alt aus.“

Den Grünen, so die Botschaft des Samstags, ist nicht bang, nicht vor den großen Herausforderungen und schon gar nicht mit ihrem Spitzenkandidaten. „Mit Zukunft haben wir Erfahrung“ lautet schon das Motto des Parteitags. Und Landesvorsitzende Sandra Detzer schickt zusammenfassend schon einmal die Wahlkampfansage an den Koalitionspartner: „Solange unser Spitzenkandidat jünger ist als eure Ideen, seht ihr alt aus.“