Die deutsche Geschichte wird häufig als Verhängnis beschrieben, in dem unbeholfene Akteure durch ihr Versagen auffallen. Auch den dramatischen Ereignissen vor genau 100 Jahren bleibt diese prinzipiell negative Sicht nicht erspart. "Warum die Deutschen so oft scheitern", druckte der "Spiegel" in diesen Tagen auf sein Titelblatt. Dann zählt das Magazin die einheimischen Revolutionen von 1848, 1918, 1968 bis 1989 auf und deutet an: Von Sparbüchern und Marschmusik verstehen wir mehr als von einem ordentlichen politischen Umsturz.

Doch weit gefehlt. Die Ereignisse am Ende des unseligen Ersten Weltkriegs verdienen das Prädikat einer erfolgreichen und nachhaltig wirkenden Revolution. Freilich gingen die Handelnden – bürgerliche Politiker, SPD, kaiserliche Generäle – die Sache mit jenem Augenmaß an, das bereits der Zeitgenosse Max Weber empfohlen hatte. Die Neuerer benötigten damals kein Schafott wie die Jakobiner 1789 in Paris, dem Schauplatz der Mutter aller Revolutionen. Sie vermieden auch das Blutvergießen, das Lenin und seine Bolschewiki anzettelten und damit die Sowjetunion in jahrelanges Chaos stürzten. Im Vergleich dazu verlief der Umsturz in Berlin, Karlsruhe und Stuttgart 1918 unspektakulär, blutarm und reich an positiven Ergebnissen.

Drei bleibende Errungenschaften

Denn darum geht es, abseits von roten Fahnen und mitreißenden Rednern. Gemessen am Resultat stellt sich der November 1918 als Erfolgsgeschichte dar. Drei Errungenschaften von damals prägen die deutsche Gesellschaft bis heute und werden von außen mit Bewunderung registriert: Das Ende der Monarchie, die Entdeckung der Frau als öffentliche Person sowie die Einführung des Acht-Stunden-Tages. Gebündelt bedeutete das den Beginn einer neuen Ära, die für jeden sichtbar war. Der Sturz von Kaiser und Fürsten war zum Greifen, da sie von Wappen, Münzen und Briefmarken verschwanden. Aus dem Großherzogtum Baden wurde das Land Baden, und siehe: Es war nicht weniger badisch. Aus Untertanen wurden Bürger.

Dabei zeigten sich die Deutschen bisher adelsfreundlich. Als "geborene Untertanen" hatte sie ein reisender Engländer noch im 19. Jahrhundert verspottet. Es bedurfte der Katastrophe eines verlorenen Weltkriegs, um die sicheren Throne zu stürzen. Zu deutlich waren Ursache und Wirkung in diesem Fall: Die Elite um Kaiser Wilhelm II. hatte den Krieg an mehreren Fronten entfacht und das Deutsche Reich in die Niederlage getrieben. Es ist bezeichnend, dass sich der letzte Kaiser in der schwersten Stunde bei Nacht und Nebel aus dem Staub machte. Das diskreditierte die Hohenzollern endgültig. Seitdem ist die Monarchie außerhalb des deutschen Märchens kein Thema mehr.

Frauen am Rednerpult

Dass Frauen wählen dürfen und gewählt werden können, ist eine Säule des modernen Staates. Die Erweiterung der Wahlberechtigten um weit mehr als 50 Prozent (viele Männer waren gefallen) läutete eine stille Revolution mit Folgen und Fernwirkungen ein. Eine davon ist, dass die Bundesrepublik derzeit von einer Kanzlerin regiert wird. 1918/1919 verloren die Männer den Status als Alleinrepräsentant der Familie. Frauen waren damit Männern fast rechtlich gleichgestellt, nachdem sie bereits während des Krieges klaglos die verwaisten Werkbänke übernommen hatten, weil die Arbeiter an der Front waren. Dadurch erwarben sie das moralische Recht auf Mitwirkung und das mündete in bleibendes Selbstbewusstsein.

Die Schicksalstage 1918 läuteten eine neue Epoche ein. Der Blick auf die deutsche Linke und deren stärkste Gruppe, die Mehrheits-SPD, lohnt sich dabei besonders. Deren Spitzenpolitiker wie Friedrich Ebert oder Philipp Scheidemann standen für eine Politik des Möglichen. Niemals in der deutschen Geschichte war die SPD mächtiger als in den kritischen Wochen damals. Doch das ist nun wirklich Geschichte.