Wähler können manchmal undankbar sein. Wochenlang wurde die SPD unter Druck gesetzt, sich an ihre demokratische Verantwortung zu erinnern und sich auf Verhandlungen über eine große Koalition einzulassen, damit die Republik vier Monate nach der Bundestagswahl endlich wieder eine reguläre Regierung erhält. Jetzt sprechen die Genossen mit der Union, kämpfen, gehen Kompromisse ein – und das Ergebnis ist ein Umfragen-Desaster. Nicht einmal mehr jeder fünfte Wähler würde seine Stimme den Sozialdemokraten geben. Auch Merkels Partei muss Federn lassen, die CDU liegt nur noch knapp über 30 Prozent.

Noch vor ihrem Zustandekommen hat die angepeilte große Koalition somit bereits zwei Verlierer. Union und SPD wissen lediglich 50 Prozent der Wähler hinter sich. Enger darf es nicht mehr werden, sonst ist die Mehrheit dahin. Dabei können Rot und Schwarz nach wenigen Tagen mehr vorweisen, als die Jamaika-Sondierer in wochenlangen Gesprächen zustande brachten. Doch offenkundig reicht das nicht, um die Stimmung zu drehen. Zwar darf von einem Regierungsbündnis, das unter derartigen Umständen geschmiedet wird, niemand den großen Wurf erwarten. Trotzdem müssen Union und SPD deutlich weiter springen als bisher, sofern sie ihre Zweckehe unbeschadet überstehen wollen. Drei Beispiele.

Erstens: Zahlen ersetzen keine Flüchtlingspolitik. Weder Union noch SPD haben wirklich Konsequenzen aus dem Anwachsen der AfD gezogen. Der Kompromiss zum Familiennachzug von Flüchtlingen zeigt dies deutlich. Nach tagelangem Schachern einigen sich beide Seiten auf Obergrenzen, mit denen kein Wähler etwas anfangen kann. Warum hilft man Menschen ohne Bleibeperspektive nicht lieber, in die Heimat zurückzukehren, zumindest dort, wo es sinnvoll und möglich ist? Flüchtlingspolitik ist in Deutschland immer noch weitgehend Empörpolitik. Sie diskreditiert mit ihrem moralischen Tremolo jeden sachlichen Einwand und sorgt damit in weiten Wählerkreisen für Kopfschütteln. Fehlt den beiden Volksparteien der Mut zu einem reißfesten Einwanderungsgesetz, verspielen sie die Chance, klare Regeln zu schaffen, wer kommen darf und wer nicht. So bleibt an den Grenzen vermutlich erst einmal alles beim Alten. Wer kann, versucht es auf Schleichwegen und bemüht anschließend die Gerichte.

Zweitens: Nicht alles, was gut ist, wird am Wahltag honoriert. Es gibt durchaus erfreuliche Nachrichten aus der Verhandlungsrunde. Bildung, Digitalisierung, Rente, Wohnungsbau – endlich geht etwas voran. Eine andere Frage ist, was davon sich später für die Koalitionäre auszahlt. Niemand wählt eine Partei, weil sie Datenkabel in der Erde vergräbt, so sinnvoll das Vorhaben auch sein mag. Ähnlich beim sechs Milliarden Euro schweren Bildungspaket. Diese Offensive ist überfällig. Bei den Kindern ankommen kann sie aber nur, wenn Länder und Kommunen mitziehen und die Gelder sinnvoll investieren. Tropft im Klassenzimmer weiterhin Wasser von der Decke und fällt die Mathestunde wegen Lehrermangels aus, bleibt Bildung in Deutschland ein Notstandsgebiet.

So geht es weiter, von der Rente bis zum Abschmelzen des Soli. Die Berliner Verhandlungsrunde kann sich ihr Füllhorn erlauben, weil die Wirtschaft boomt und die Steuerquellen sprudeln. Sollte irgendwann ein kälterer Wind wehen, sind die Gemeinsamkeiten rasch aufgebraucht.

Drittens: Eine Volkspartei, die ihre Verankerung im Volk verliert, ist bald keine mehr. Man muss kein Sozialdemokrat sein, um den Niedergang der SPD für eine Tragödie zu halten. Gelingt es der Partei nicht, den Trend umzukehren, verschieben sich die Gewichte im deutschen Parteiensystem unweigerlich weiter – zum Nachteil des großen Ganzen. Ihren Abstieg aufhalten kann sie aber nur selbst. Will sie das? 850 000 Bundesbürger haben keine Wohnung. Doch die frühere Arbeiterpartei SPD erhebt eine Frage wie den Familiennachzug von Flüchtlingen zum Hauptstreitpunkt in den Koalitionsverhandlungen. Parteichef Schulz rühmt sich, wie oft ihn Staatspräsident Macron – übrigens einer der Totengräber der französischen Sozialdemokratie – anruft und wie viel Geld er im Poker mit der Union für Brüssel herausschlägt. Die Parteispitze scheint entrückt. In einer Partei, die sich als Anwalt der kleinen Leute versteht, kann dies nicht gutgehen.

Auch Merkels CDU windet sich in diesem Dilemma: Wer mit einem linken Partner regiert, kann rechts schwerlich sein Profil schärfen. Große Zuwächse sind unter diesen Umständen nicht drin. Gleichwohl rückt eine Einigung mit der SPD in greifbare Nähe. Das Bündnis mag zwei, wenn nicht sogar vier Jahre durchhalten. Aber schon bei seinem Start hat es so gut wie keine Mehrheit mehr. Enttäuscht die große Koalition die Bürger, wird sie zum Auslaufmodell. Fragt sich, was folgt.

dieter.loeffler@suedkurier.de