Die Antwort auf die Frage hebt sich Angela Merkel bis zum Schluss auf. „Wie gehen Sie eigentlich damit um, dass sie tagtäglich kritisiert werden, persönlich, nicht nur wegen Ihrer Politik? Haben Sie über die Jahre eine Strategie entwickelt“, will eine 21-Jährige aus dem Zuschauerraum wissen.

Es ist einer der weniger prestigeträchtigen Auftritte Merkels, das Scheinwerferlicht strahlt nicht mehr ganz so hell, wenn sie die (politische) Bühne betritt. Die Kanzlerin hatte sich bereiterklärt, zur Eröffnung der neuen Ravensburger CDU-Reihe, die „Schockenhoff Lecture“, in den Südwesten zu kommen. Überraschend, selbst für die Initiatoren.

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Getrübtes Image

Andreas Schockenhoff war CDU-Bundestagsabgeordneter aus Ravensburg, aber alles andere als eine schillernde Figur und für manchen eher unbequem. Der damals 57-Jährige starb 2014 plötzlich an Kreislaufversagen in einer Sauna. Sein Leben glich eher einem Spießrutenlauf – auch durch eigenes Hinzutun. Schockenhoff hatte wenig Glück im Privatleben: Seine erste Frau starb, von zwei weiteren wurde er geschieden. Sein Alkoholproblem machten ihn im Wahlkreis angreifbar.

Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff starb 2014 überaschend an Kreislaufversagen. Politisch galt er als beharrlich und durchsetzungsstark, privat als vereinsamt.
Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff starb 2014 überaschend an Kreislaufversagen. Politisch galt er als beharrlich und durchsetzungsstark, privat als vereinsamt. | Bild: Karl-Josef Hildenbrand

Hinzu kamen seine politischen Einstellungen mit Blick auf Russland, die bei Präsident Wladimir Putin auf wenig Gegenliebe stießen: zu offen kritisierte er den Kreml. Der frühere Russland-Beauftragte hatte nicht nur Freunde in der CDU, er musste den Bezirksvorsitz in Südwürttemberg-Hohenzollern abgeben, sein jahrzehntelanges Bundestagsmandat musste er gegen einen Ex-Grünen verteidigen.

Später wurde Schockenhoff wegen seiner unstrittigen Sachkunde zu einem der Stellvertreter des früheren Fraktionschefs Volker Kauder gewählt. Dennoch – sein Image war nicht ungetrübt. Merkel hätte der Veranstaltung fern bleiben können. Doch sie entschied sich für den Auftritt und für deutliche Worte.

Klare Ansagen

Dabei hatte niemand mit ihrer Offenheit gerechnet. „Ich habe nach 14 Jahren Regierung von Merkel gelernt, die Erwartungen nicht zu hoch zu hängen“, sagte Zuschauer Matthias Mayer noch vor Beginn vor der Rede der Kanzlerin. Das sitzt. Doch ganz Unrecht hat er nicht – zumindest, wenn man die Auftritte Merkels in den vergangenen Monaten betrachtet.

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Die Kanzlerin hat sich aus dem Europawahlkampf ihrer Partei praktisch herausgehalten. Zwar ist sie nicht mehr Parteivorsitzende. Dennoch fällt auf, dass die Frau, die in Brüssel oft als Kitt zwischen den zerstrittenen Staats- und Regierungschefs galt, als Fels in der Brandung und beständiges Element auf einer Bühne mit ständig wechselnder Besetzung, sich gerade jetzt, wo so viel für Europa auf dem Spiel zu stehen scheint, so in Zurückhaltung übt.

Kalkulierte Auftritte

Erst in den vergangenen Tagen begann sie, sich in Interviews wieder zu Europa zu äußern. Aber die Schlagzeilen macht Annegret Kramp-Karrenbauer, AKK. Der Frau, die immer wieder damit scheitert, sich rechts von Merkel zu positionieren, gelingt es zumindest, der Kanzlerin die Show zu stehlen.

Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Parteivorsitzende, bei einem Auftritt in Villingen-Schwenningen zur Europawahl.
Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU-Parteivorsitzende, bei einem Auftritt in Villingen-Schwenningen zur Europawahl. | Bild: Hans-Juergen Goetz

Die Gerüchteküche, ob Merkel ihr Amt schon vor Ablauf der Legislaturperiode abtritt, kocht immer wieder hoch. Der evangelischen Pfarrerstochter, die in der DDR aufwuchs, wird Amtsmüdigkeit attestiert. Doch die Kanzlerin, die an diesem Abend in Ravensburg auftritt, ist eine andere. Sie wirkt frisch, aufgeweckt, schlagfertig – so, wie man sie zu ihren Hochzeiten erlebt hat.

Altes Charisma

Die Merkel, die da auf der Bühne steht, schafft es binnen Sekunden, die Zuschauer zu fesseln. „Was macht unser Selbstverständnis als Deutsche und Europäer aus“, fragt sie offen. Sie erinnert an die Gründungszeit der EU, aber ohne sich in Lobhudelei zu verlieren. „Diese Ordnung ist natürlich nicht perfekt, deshalb wird sie auch häufig kritisiert“, gesteht sie.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Premiere der Dr. Andreas Schockenhoff-Lecture, einer Vortragsreihe zur Erinnerung an den gleichnamigen Politiker.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Premiere der Dr. Andreas Schockenhoff-Lecture, einer Vortragsreihe zur Erinnerung an den gleichnamigen Politiker. | Bild: Karl-Josef Hildenbrand

„Aber ohne diese Ordnung würde gegenseitiges Misstrauen noch sehr viel stärker zurückkehren – mit allen Konsequenzen für das Zusammenleben.“ Da ist sie wieder, die starke Kanzlerin. Die den Nerv trifft und den richtigen Ton anschlägt. „Ich hab das Gefühl, dass wir in einer Zeit leben, in der wir uns alle miteinander für diese Ordnung einsetzen müssen“, fordert sie.

Kritik an Trump

Da steht eine Kanzlerin, die US-Präsident Donald Trump die Stirn bietet: „Internationale Abkommen werden mühselig verhandelt. Es ist bedauerlich, wenn solche Abkommen dann ins Wanken geraten.“ Es geht ihr um das Atomabkommen mit dem Iran, das die EU maßgeblich mitverhandelt hat und von Trump einseitig aufgekündigt wurde. Es geht ihr aber auch um das Pariser Klimaabkommen, aus dem die USA aussteigen wollen.

US-Präsident Donald Trump kündigt einseitig internationale Verträge wie das Atomabkommen mit dem Iran oder das Pariser Klimaabkommen auf.
US-Präsident Donald Trump kündigt einseitig internationale Verträge wie das Atomabkommen mit dem Iran oder das Pariser Klimaabkommen auf. | Bild: CARLOS BARRIA

„Wir haben Rückschläge zu verkraften“, gesteht diese erfrischend ehrliche Kanzlerin dann auch und sorgt sich um „zunehmend protektionistische Tendenzen“. Sie kann sich erlauben, darüber zu urteilen. Denn in der Finanzkrise von 2008 bewahrte sie Ruhe, war der Fels in der Brandung, während Europas Anleger in Panik verfielen.

Die EU hielt zusammen, manövrierte Griechenland unter größten Anstrengungen an der bedrohlichen Klippe vorbei. „Zu glauben, wir könnten als Deutschland irgendwas bewegen, wenn wir nicht zusammenhalten, ist ein Irrglaube“, sagt sie geradeheraus.

Was die EU besser machen muss

Da spricht eine für Europa, die in den vergangenen Monaten geschwiegen hat. „Wir sind außenpolitisch noch längst nicht soweit, gemeinsam zu denken“, kritisiert sie zugleich. „Wenn wir, die Europäer, mit einer Stimme sprechen, verschaffen wir uns Gehör“, mahnt sie. Europa müsse besser werden, fordert die Kanzlerin: „Denn für unsere Werte und Worte kann man sich im wahrsten Sinne des Wortes nichts kaufen, wenn nicht auch Taten folgen.“

War dieser Auftritt Merkels kalkuliert? Hat sie bewusst bis kurz vor der Europawahl gewartet, um sich dann mit neuer Kraft ins Spiel zu bringen? Diese Frau klingt nicht wie eine, die sich von der Politik verabschieden will. Im Gegenteil. Dass ihre Zeit in Berlin abgelaufen ist, weiß sie längst. Doch Politikmüdigkeit ist ihr an diesem Abend nicht anzumerken. Sie klingt eher wie eine, die noch etwas vorhat. Auch wenn sie „für kein weiteres politisches Amt, egal wo ist, zur Verfügung stehe“.

Echte Begeisterung

Doch Merkels Begeisterung für Europa ist eine echte: „Ich war 35, als die Mauer fiel. Ich habe es erlebt, wie es ist, wenn es keine Meinungs- und Pressefreiheit gibt“, sagt sie. „Das ist für mich Freiheit.“ Das verbindet Merkel mit der Bundesrepublik – und mit Europa. Denn die Wiedervereinigung, das betont sie immer wieder, wäre ohne den Glauben an ein friedliches Deutschland, gesichert in einer festen Ordnung einer europäischen Gemeinschaft, kaum möglich gewesen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Premiere der Dr. Andreas Schockenhoff-Lecture, einer Vortragsreihe zur Erinnerung an den gleichnamigen Politiker.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht bei der Premiere der Dr. Andreas Schockenhoff-Lecture, einer Vortragsreihe zur Erinnerung an den gleichnamigen Politiker. | Bild: Karl-Josef Hildenbrand

Merkel ist inzwischen 64. In Deutschland hat sie für den Umgang mit der Flüchtlingskrise viel Kritik geerntet. Der Begriff „Willkommenskultur“ wurde zum Schimpfwort für eine Kanzlerin, die sich an das Grundgesetz hielt – so erklärt sie ihre damalige Entscheidung immer wieder: Es ist ihr Verständnis einer Wertegesellschaft, in der der Grundsatz humanitärer Hilfe unumstößlich ist. Wenn sie schweigt, dann tut sie das meist kalkuliert. Wenn sie sich äußert, tut sie das überlegt. Manches Mal wurde sie bedrängt und ließ sich nicht beirren. Schaffte es, still und leise ihre politischen Gegner aus dem Weg zu räumen, die vorher lauthals auf den Tisch schlugen.

Kanzlerin mit Stehvermögen

Sie zeigte Rückgrat, auch wenn sie mit dem Rücken zur Wand stand, machte manches Mal aber schwer erklärbare Kehrtwenden. Als Regierungschefin hat sie auch Fehler gemacht. Aber sie ist die Kanzlerin eines Landes mit Rekordbeschäftigung, stark gestiegenen Steuereinnahmen und der schwarzen Null. Sie hat Krisen bewältigt und überstanden wie nur wenige Politiker vor ihr. Sie brächte einen großen Erfahrungsschatz mit nach Brüssel, wo gemunkelt wurde, sie könnte die neue Ratspräsidentin für die Gipfeltreffen der Mitgliedstaaten werden.

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Schließlich geht Merkel auf die Frage der jungen Frau ein. „Ich überlege mir die Dinge gut und treffe Entscheidungen bewusst“, sagt sie nach einer längeren Pause. Oft werde sie kritisiert, ohne dass es eine Bereitschaft zu einem Gespräch gebe. Das kann sie an sich abperlen lassen – mit dem Bewusstsein, das Für und Wider einer Entscheidung abgewogen zu haben. Es klingt profan. Aber diese Merkel ist in diesem Moment offen und ehrlich.

„Lob und Kritik“, fügt sie hinzu, „liegen oft nah beineinander“. „Man muss auf die Menschen zugehen können, sie kennenlernen wollen, sich auf sie einlassen“, sagt sie dann. „Mir hat das immer Freude gemacht. Damit überwindet man vieles.“