Fast über Nacht hat Recep Tayyip Erdogan seine Zuneigung zu Europa neu entdeckt. Im vergangenen Jahr schimpfte der türkische Präsident noch über die „Nazi-Methoden“ der Deutschen, jetzt sucht er den engen Kontakt zur Bundesregierung.

Die türkische Währungskrise und der heftige Streit mit den USA haben der Regierung in Ankara vor Augen geführt, wie wichtig Europa für ihr Land ist. Zwar wird die türkische Annäherung nicht von einem echten Europa-Streben angetrieben, sondern von taktischen Überlegungen. Dennoch sollten Deutschland und der Rest der EU offen sein für Erdogans Bemühungen.

Eine Wirtschaftskrise würde auch Europa schaden

Eine schlimme Wirtschaftskrise am Bosporus würde auch Europa und seinen Firmen schaden. Mehr als 7000 deutsche Unternehmen sind in der Türkei tätig und haben Milliardensummen investiert. Europäische Banken haben Kredite an türkische Schuldner vergeben und würden bei einem Totalausfall mit in die Krise gerissen. Zu der ohnehin steigenden Zahl der türkischen Asylsuchenden in Europa könnten sich erstmals seit Jahren wieder Wirtschaftsflüchtlinge gesellen.

Aber nicht nur Eigeninteressen der Europäer stehen auf dem Spiel. Mittel- und langfristig bieten die Probleme der türkischen Regierung die Chance, wieder mehr Einfluss auf Ankara nehmen zu können. Schon jetzt zeigen sich erste positive Folgen der türkischen Bemühungen um ein besseres Verhältnis zur EU.

In den vergangenen Tagen ließen die türkischen Behörden zwei inhaftierte griechische Soldaten und den prominenten Menschenrechtler Taner Kilic frei; in der regierungsnahen Presse wird über weitere Haftentlassungen spekuliert, etwa des in Europa respektierten Kulturmäzens Osman Kavala.

Ankara ist für europäischen Druck empfänglich

Das praktische Ende des türkischen EU-Beitrittsprozesses hatte in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass Kritik aus Europa am türkischen Demokratie-Abbau von Ankara schlicht ignoriert wurde: Europa war nicht mehr in der Lage, die türkische Regierung zur Einhaltung rechtsstaatlicher Mindestnormen zu bewegen.

Dass Ankara für europäischen Druck empfänglich ist, steht schon seit dem vorigen Jahr fest. Damals begrenzte die Bundesregierung staatliche Bürgschaften für Türkei-Geschäfte und verschärfte die Reisehinweise, nachdem die türkischen Behörden mehrere Bundesbürger festgenommen hatten.

Anders als die Trump-Regierung behandelte Berlin das Thema diskret und vermied eine öffentliche Kampfansage an Ankara. Der Menschenrechtler Peter Steudtner und der Journalist Deniz Yücel kamen frei. Eine hundertprozentige Erfolgsgarantie bietet auch diese Haltung nicht: Nach wie vor werden rund ein Dutzend Bundesbürger aus politischen Gründen in der Türkei festgehalten, erst diese Woche wurde eine neue Verhaftung gemeldet.

Der Umgang mit der Türkei ist eine Gratwanderung

Zudem darf nicht vergessen werden, dass die türkische Regierung mit ihren Vorstößen aus einer Notwendigkeit heraus handelt, nicht aus europäischer Überzeugung. Die Freilassungen der griechischen Soldaten und des Menschenrechtlers Kilic in den vergangenen Tagen sind ein Beispiel dafür: Die Beschuldigten durften nach Hause gehen, weil sich die Regierung davon einen außenpolitischen Vorteil versprach, nicht weil unabhängige Gerichte von sich aus so entschieden.

Das macht den Umgang mit der Türkei zu einer Gratwanderung, die auch schiefgehen kann. Der Streit mit den USA ist deshalb so heftig eskaliert, weil die Türkei nach US-Angaben einen zu hohen Preis für die Freilassung des inhaftierten Pastors Andrew Brunson forderte. Trump wirft Ankara eine politische Geiselnahme vor.

Trotz dieser Schwierigkeiten überwiegen aus europäischer Sicht die Vorteile einer Wiederannäherung an Ankara. Eine stabile, wirtschaftlich erfolgreiche und möglichst demokratische Türkei ist gut für Europa. Illusionslose Realpolitik ist das beste Rezept im Umgang mit Erdogan.