Autokratische Politiker verkaufen ihren Bürgern die Alleinherrschaft als Rezept für Stabilität. Auch der türkische Präsident Erdogan argumentiert, dass die Unterwerfung wichtiger Institutionen und die weitgehende Entmachtung des Parlaments das Land nach vorne bringen wird. Doch er irrt. Die Türkei wird unter seiner Herrschaft nicht stabiler. Und sie wird für Europa auch nicht berechenbarer.

Denn Erdogan, der heute seinen Amtseid ablegt, regiert ein gespaltenes Land. Fast jeder zweite Türke möchte ihn nicht als Präsidenten, und Erdogan tut nichts, um die Gräben zu überbrücken. Viele verlassen das Land und nehmen ihr Geld und ihr Wissen mit. Für die Europäer bedeutet die Machtkonzentration auf Erdogan, dass sie noch mehr als bisher mit plötzlichen Kurswechseln rechnen müssen. Das Ergebnis könnte ein Wackelkurs sein, bei dem sich Nazi-Vergleiche wie im vergangenen Jahr mit Annäherungsversuchen abwechseln. Stabilität und Ruhe verspricht dies alles nicht.