Als die ersten Schreckensnachrichten aus Halle durchsickerten, gab es einen kurzen Moment der Unsicherheit. Mitten in Deutschland wurde eine Synagoge angegriffen – aber von wem?

Von Rechtsextremisten? Oder von muslimischen Extremisten, die ihren Judenhass aus ihrer nahöstlichen Heimat mitgebracht haben?

Eine Schande für unser Land

Beides schien möglich, für beides gibt es traurige Vorbilder. Und beides ist eine Schande für ein Land, das für seine Bürger jüdischen Glaubens eine besondere Verantwortung trägt.

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Antisemitismus lässt sich aber nicht aufrechnen, relativieren oder flugs in fremde Schuhe schieben. Er ist und bleibt unerträglich, einerlei, aus welcher Ecke die Täter kommen.

EIn Mann mit Kampfanzug, Stiefeln und Sturmgewehr

Im Fall von Halle muss man nicht lange rätseln: Die Videos vom Tatort zeigen einen Mann mit Kampfanzug, Stiefeln und Sturmgewehr. Salafisten sehen so nicht aus, Neonazis aber sehr wohl.

Der Mann machte aus seinem Vorhaben kein Geheimnis. Auch wenn er auf eigene Faust handelte, weiß er Gesinnungsgenossen hinter sich, die sein mörderisches Vorgehen bejubeln.

Das stellt nicht nur die Politik, sondern die gesamte Gesellschaft in Deutschland vor die Frage, ob der Staat genug für die Sicherheit von Juden tut.

In Halle überschreitet der Antisemitismus eine Grenze

Nach den Schüssen von Halle ist die Antwort klar: Nein, offenbar nicht. Mit dem Angriff auf eine Synagoge hat der Antisemitismus in der Bundesrepublik eine Grenze überschritten.

Es ist die Grenze, die alltäglichen Hass von gezieltem Terror unterscheidet: Der Angriff galt nicht einzelnen Personen, sondern erstmals einer ganzen Gemeinde, die sich am höchsten jüdischen Feiertag zum Beten getroffen hatte.

Der Täter hatte Tag und Tatort offenkundig sorgfältig ausgesucht und sich aufwendig vorbereitet.

Hätten die Sicherheitsbehörden etwas ahnen können?

Für Außenstehende lässt sich nur schwer ausmalen, was dies nach dem Grauen des Holocaust für die Betroffenen bedeuten muss.

Hätten die Sicherheitsbehörden etwas ahnen können? Die Polizei in Halle hielt es nicht für notwendig, die Synagoge verstärkt in Augenschein zu nehmen und regelmäßig einen Streifenwagen vorbeizuschicken, obwohl die jüdische Gemeinde Jom Kippur feierte und viele Menschen versammelt waren.

Derartige Versäumnisse gibt es nicht nur in Sachsen-Anhalt. Aus ihnen müssen dringend Konsequenzen gezogen werden. Noch bedenklicher stimmt, dass der Verdächtige seine Tat im Internet ankündigte – was britische Experten bemerkten, nicht aber deutsche Verfassungsschützer.

Die Gefahr von rechts wird immer noch unterschätzt

All diese Nachlässigkeiten deuten darauf hin, dass die Gefahr von rechts in dieser Republik immer noch unterschätzt wird.

Beim islamistischen Terror sind die Sicherheitsbehörden trotz mancher Pannen weiter, im Kampf gegen die militante braune Szene stehen sie immer noch am Anfang.

Deshalb hilft in Halle auch die These vom Einzeltäter nicht weiter, der seine mörderischen Pläne in einer einsamen Kammer ausheckte.

Vor zwei Jahren zählte die Justiz in Deutschland noch 37 antisemitische Gewalttaten, 2018 waren es bereits 62. Lauter Einzelfälle? Die Zahl steigt und mit ihr die Gefahr für das jüdische Leben in Deutschland.

Was ist mit der AfD?

Auch rechte Terroristen brauchen ein Umfeld, das sie aufheizt und ermuntert – das haben sie mit den Judenhassern aus dem Nahen Osten gemeinsam. Nur dann fühlen sie sich stark genug, die Schwelle zur Gewalt zu übertreten.

Auch der Todesschütze von Halle sah sich als Teil einer Szene, die er beeindrucken wollte. Deshalb marschierte er am helllichten Tag in Kriegsmontur durch eine deutsche Innenstadt, deshalb filmte er seine Blutspur mit einer Helmkamera und stellte sie, so wie der Moschee-Mörder von Christchurch, live ins Netz.

Was in Halle geschah, ist  ein Angriff auf unsere gesamte Werteordnung

Der Kampf gegen rechte Täter ist somit immer auch ein Kampf gegen rechte Anstifter. Solange sie in ihren Reihen Kräfte duldet, die verschwörerisch dem Rechtsextremismus zublinzeln, muss sich die AfD dazuzählen lassen.

Alle müssen wissen: Was in Halle geschah, ist kein Angriff auf eine Minderheit, sondern ein Angriff auf unsere gesamte Werteordnung.