Wenn die SPD nach ihrer historischen Wahlschlappe wieder auf die Beine kommen will, müsste sie sich so schnell wie möglich inhaltlich und vor allem personell neu aufstellen. Doch nichts davon geschieht. Der gescheiterte Kanzlerkandidat Martin Schulz klammert sich an sein Amt als Parteichef. Und inhaltlich hat er den Sozialdemokraten erst einmal einen Diskussionsprozess verordnet, der bis Ende 2018 dauern soll. So will Schulz seine Position bei der Basis stärken.

Natürlich muss sich die SPD Gedanken machen, wofür sie steht, will sie jemals wieder an alte Erfolge anknüpfen. Doch so wie Schulz die Sache angeht, droht ein Jahr zu verstreichen, in dem nach außen das Bild einer unentschlossenen, zerstrittenen, mit sich hadernden Partei entsteht und deren Geschicke noch immer die selben Leute führen, die das Wahldebakel zu verantworten haben. Von der Euphorie, der Geschlossenheit, für die Schulz nach seiner Kür zum Kanzlerkandidaten und Parteivorsitzenden gesorgt hatte, ist nichts mehr zu spüren.

Die alten Querelen, sie sind wieder da. Schulz’ Hoffnungen, beim Parteitag Anfang Dezember als Chef bestätigt zu werden, speisen sich allein aus dem Umstand, dass es niemanden gibt, der den Mut hat, nach der Parteiführung zu greifen. Die SPD-Spitzen, die das Zeug dazu hätten, in vier Jahren einen neuen Anlauf auf das Kanzleramt zu unternehmen, wagen sich nicht aus der Deckung – sticheln aber aus dieser heraus gegen Schulz.

Manuela Schwesig etwa. Die Ex- Familienministerin muss sich nicht mit in die Niederungen der Bundestags-Opposition begeben, sondern kann als Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern Regierungserfahrung und Ansehen sammeln. Schwesig, der seit längerem Kanzlerambitionen nachgesagt werden, hat Schulz zuletzt deutlich ermahnt, dass die neue SPD weiblicher werden müsse. Bei den SPD-Frauen ist der Groll gegen Schulz groß. Mit wenig feinfühligen Personalentscheidungen vergrätze er Bundesgeschäftsführerin Juliane Seifert, Ex-Juso-Chefin Johanna Uekermann und andere. Dass Schulz die glücklose Aydan Özguz als Partei-Vizechefin mit der smarten Natascha Kohnen aus Bayern ersetzen kann, dürfte ihm bei den SPD-Frauen nur wenig Luft verschaffen.

Andrea Nahles spricht sich zwar dafür aus, dass Schulz weitermacht, ist zuletzt aber ebenfalls auf Distanz gegangen. Als SPD-Fraktionschefin im Bundestag hat sie eine hervorragende Ausgangsposition, sich für Kanzlerkandidatur und Parteivorsitz zu empfehlen.

Der Hamburger Erste Bürgermeister Olaf Scholz nölt ohnehin ständig gegen Schulz. Er wird aber wohl versuchen, noch etwas Gras über den eskalierten G-20-Gipfel wachsen zu lassen, bevor er nach höheren Ämtern greift. Auch Ex-Kanzler Gerhard Schröder und Außenminister Sigmar Gabriel sparen nicht mit teils deutlicher Kritik an Schulz.

Weil das Murren über den angeschlagenen Chef täglich zunimmt, verliert die bei der Bundestagswahl auf 20,5 Prozent abgesackte Partei weiter an Ansehen. Dennoch scheint derzeit niemand in Sicht, der beim Parteitag im Dezember versucht, die Misere zu beenden und den gerupften Schulz abzulösen. Der soll jetzt irgendwie den Übergang gestalten. Dass er in vier Jahren noch einmal Kanzlerkandidat werden könnte, ist so gut wie ausgeschlossen. Jetzt, wo es am nötigsten wäre, fehlt der einst so stolzen deutschen Sozialdemokratie der Mut zum klaren Schnitt.

Ob der SPD mit dem verschleppten Neuanfang der Wiederaufstieg gelingen kann – daran zweifeln erfahrene Genossen mit jedem Tag mehr. Und bei den Beteuerungen von Martin Schulz, die SPD sei im Falle des Scheiterns der Jamaika-Gespräche jederzeit für Neuwahlen gerüstet, scheint der Wunsch Vater des Gedankens. In der inhaltlich wie in Personalfragen nach dem Wahldebakel noch völlig unsortierten SPD geht zu Recht die Angst um, dass es bei einem neuerlichen Urnengang sogar noch schlimmer kommen könnte, als beim Fiasko vom 24. September.