Wenigstens in einem Punkt sind sie sich einig: Es soll schnell gehen. Bis Ende nächster Woche wollen Union und SPD entscheiden, ob es etwas wird mit der großen Koalition oder ob beide Seiten im Zwist auseinandergehen. Gut so. Die Bundestagswahl liegt vier Monate zurück. Die meisten Bürger haben genug vom endlosen Sondieren, Lavieren und Taktieren. Sie erwarten zu Recht, dass es endlich vorangeht mit der Regierungsbildung.

Die Eile deutet darauf hin, dass es nicht mehr viel zu verhandeln gibt. Zwar liegen beide Seiten auf vielen Feldern noch weit auseinander, insbesondere in der Sozialpolitik und beim Dauerthema Zuwanderung. Doch auf das große Nachkarten, wie es die SPD-Spitze beim Bonner Parteitag versprochen hat, werden sich CDU und CSU nicht einlassen: Mehr als einige kosmetische Korrekturen am Sondierungskompromiss sind nicht drin. Entweder ringt sich die SPD dazu durch oder die Kanzlerin greift zu Plan B. Er heißt Minderheitsregierung – mit der Möglichkeit, jederzeit Neuwahlen zu erzwingen.

Brutaler kann man diesen zaudernden Bräutigam nicht unter Druck setzen. Noch bedrohlicher als die große Koalition ist für Deutschlands Sozialdemokraten die Aussicht, erneut vor den Wähler treten zu müssen. Das ist die Quittung für eine Führung, die Himmelsrichtung und Kompass verloren hat – allen voran der glücklose Genosse aus Würselen. Martin Schulz hat am Wahlabend einen Rücktritt in Ehren versäumt und bezahlt dafür mit einem dramatischen Verlust an Glaubwürdigkeit. Und so folgt eine Kehrtwende der anderen. Erst schließt der SPD-Chef eine große Koalition aus, dann wirbt er mit bebender Stimme dafür.

Erst bekräftigt er, keinesfalls als Minister in einem Kabinett Merkel zur Verfügung zu stehen, jetzt schielt er offenbar doch auf einen Posten. GroKo-Anhängerin Andrea Nahles ist nicht zu widersprechen: Sollte es zu Neuwahlen kommen, zeigen die Bürger dieser Partei den Vogel.

Wahr ist aber auch: Die Wähler zeigen der SPD schon seit 20 Jahren den Vogel, wie Oskar Lafontaine seiner Ex-Genossin Nahles zu Recht in Erinnerung rief. Nicht an allem ist Schulz schuld, ebenso wenig das bisherige Regierungsbündnis mit Merkel. Die SPD hat sich in den vergangenen Jahren bei der Ursachenforschung vieles zu einfach gemacht. Wie tief Sozialdemokraten sinken können, zeigt der Blick in andere Länder. In Frankreich stellten die Sozialisten vor sechs Jahren den Präsidenten. Jetzt sind sie zur Splitterpartei verzwergt. Österreich, Spanien, Griechenland, die Niederlande: In ganz Europa versinken die Schwesterparteien der SPD in der Bedeutungslosigkeit. Selbst in Schweden, der roten Trutzburg des Kontinents, können die Genossen von früheren Mehrheiten nur noch träumen. Auch hier verabschieden sich Wähler nach rechts.

Die alten Parolen helfen der Sozialdemokratie daher nicht mehr. Neue sind nicht in Sicht, weil im Willy-Brandt-Haus niemand weiß, welche Wähler man ansprechen soll. Eine Arbeiterpartei ist die SPD schon lange nicht mehr, denn mit der Arbeiterschaft lassen keine Mehrheiten mehr gewinnen. Mit dem linken Bürgertum allerdings auch nicht: Welch begrenztes Potenzial eine Studienratspartei hat, lässt sich in Baden-Württemberg an den kläglichen Ergebnissen der Landes-SPD ablesen. Unter dem Strich bleibt das traurige Bild einer Volkspartei, der das Volk davonläuft. Warum ihr der sogenannte kleine Mann abhanden kam, hat die SPD nie verstanden. Blickt man auf den Koalitionspoker um die Migrationspolitik, begreift sie es bis heute nicht: Etwas mehr Pragmatismus wäre für die Partei überlebenswichtig. Andernfalls wird sich die AfD bedanken. Ihr laufen gerade aus jenen Stadtvierteln Wähler zu, die früher in roter Hand waren.

So verliert die SPD weiter nach allen Seiten. Ihr bürgerlicher Überbau findet genügend andere Angebote, von Merkel bis zu den Grünen, die sich an diesem Wochenende in Hannover neu aufstellen. Wer im Blaumann schuftet und in einer globalisierten Welt um seine Zukunft bangt, wird von linken und rechten Parolendreschern umworben. Eine große Koalition, so sie denn kommt, löst kein einziges dieser Probleme. Allenfalls verschafft sie der SPD Zeit, weil sie das Gespenst von Neuwahlen erst einmal verjagt.

Ob die Schulz-Truppe die Atempause zu nutzen versteht, ist eine andere Frage. Nicht einmal die Notwendigkeit eines umfassenden Generationenwechsels scheint in der Parteispitze angekommen zu sein. Stattdessen kämpfen alle um Ämter und Ministerposten. Selbst Schulz schmiedet angeblich noch Karrierepläne. Sollte er in einer großen Koalition nicht Minister werden, so ist aus Berlin zu hören, könnte er immer noch nach Brüssel gehen, um Günther Oettinger als EU-Kommissar zu beerben. Glänzende Aussichten. Pech nur, dass sie immer mehr Wähler anöden.

dieter.loeffler@suedkurier.de