Karl Lauterbach, der SPD-Mann mit der Fliege und dem ewig jungen Gesicht, ist sauer, „Ein Weiter-so darf es nicht geben“, sagt er auf dem Flur der Messehalle in Berlin. Drinnen im Saal werben die neuen Parteivorsitzenden, die Baden-Württembergerin Saskia Esken und ihr Mitstreiter Norbert Walter-Borjans, um Vertrauen – zwei Außenseiter, die zur Überraschung aller zu Hoffnungsträgern wurden, weil sie der frustrierten Parteibasis bei der Mitgliederbefragung den Ausstieg aus der Großen Koalition in Aussicht stellten.

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Doch der Luftballon platzt leise: Um die Frage nach dem Schicksal der GroKo drücken sich beide Bewerber herum. Wenn sich am Ende nichts verändert, ist die SPD beim Wähler erst recht unten durch, befürchtet Groko-Gegner Lauterbach. Und noch schlimmer: „Dann verspielt auch unsere neue Führung ihr Vertrauen.“

Eine zermürbte Partei

600 Delegierte versuchen auf dem SPD-Parteitag in Berlin bis Sonntag, nach dem Rücktritt von Andrea Nahles im Juni die Sozialdemokratie neu zu erfinden. Wieder einmal geht es um alles. Esken und Walter-Borjans, die beiden Sieger des Mitgliederentscheids, übernehmen eine gespaltene Partei, zermürbt durch die Kompromisse mit CDU und CSU und eine endlose Serie von Wahlniederlagen. Ein Neuanfang an allen Ecken und Enden soll es sein: Nur ein paar Köpfe auszuwechseln, reicht den Delegierten nicht.

Trotzdem ist das Wahlergebnis für die beiden Neuen an der Parteispitze eindeutiger, als sie wohl selbst erwarteten. Walter-Borjans erhält fast 90 Prozent der Stimmen, GroKo-Gegnerin Esken immerhin 75. Die neue SPD-Chefin aus dem Nordschwarzwald fällt ihrem Co-Vorsitzenden um den Hals, nimmt Küsschen entgegen, dann eilt das Duo auf die Bühne. Sie nehme die Wahl „sehr, sehr gerne“ an, erklärt die 48-Jährige. Ganz so gespalten, wie viele befürchteten, ist die SPD offensichtlich nicht.

Harmonisch: Saskia Esken umarmt Norbert Walter-Borjans innig. Bild: AFP
Harmonisch: Saskia Esken umarmt Norbert Walter-Borjans innig. Bild: AFP | Bild: ODD ANDERSEN

Ein Kompromiss

Das liegt auch an einer Parteitagsregie, die sich bis zuletzt bemüht hatte, alle Sprengsätze zu entschärfen. Vor allem verständigten sich GroKo-Anhänger und Gegner darauf, eine Abstimmung über die ungeliebte Koalition zu vermeiden. Mit der Union reden, aber nicht nachverhandeln, keine Zahlen und Fristen – so lautete die Kompromissformel. Von der Vorstellung, die Koalition auf dem Parteitag platzen zu lassen, wollten Esken und Walter-Borjans in Berlin deshalb nichts mehr wissen, wohl auch, um Bundesfinanzminister Scholz einen Verbleib im Amt zu ermöglichen. Selbst Juso-Chef Kevin Kühnert ruderte zurück und sah sich mit seiner Forderung nach einem GroKo-Aus plötzlich missverstanden. Der Parteilinken um Lauterbach und die Ulmer Abgeordnete Hilde Matheis blieb nur ohnmächtiger Protest.

Die frühere Paketbotin

Saskia Esken gab sich in ihrer Vorstellungsrede denn auch ungewohnt pragmatisch. Die 48-Jährige aus dem Nordschwarzwald tritt im tiefroten Jackett vor die Delegierten und präsentiert sich als Genossin, die von der Basis kommt und weiß, wie es am unteren Rand der Gesellschaft aussieht. Obwohl es ihr an jeglicher Erfahrung fehlt, redet sie ohne jedes Anzeichen von Nervosität. „Ich kenne die Lebensbedingungen der Menschen, für die wir Politik machen“, sagt sie und erzählt, wie sie in Stuttgart als unterbezahlte Paketbotin jobbte oder später nach der Geburt ihrer drei Kinder beruflich pausieren musste. Mit solchen Sätzen gewann sie die Herzen ihrer Parteifreunde bei den Regionalkonferenzen vor dem Mitgliederentscheid, und sie funktionieren auch auf dem Parteitag.

„Hartz IV überwinden“

Wer eine klare Ansage zur Großen Koalition erhofft hat, wartet bei Eskens Rede vergeblich: Mehr als einige skeptische Formeln sind nicht drin. Klar hingegen die Kampfansage an das Erbe der Ära Schröder. „Wir sind die Partei, die Hartz IV überwindet“, ruft Esken in den Saal, „wir schließen dieses Kapitel ab.“ Schon jetzt ist klar: Viele Gemeinsamkeiten mit der Union wird diese SPD-Vorsitzende nicht haben. Olaf Scholz sitzt unten in der ersten Reihe im Saal. Sein Gesicht: versteinert.

Sanftes Geschaukel

Walter-Borjans gibt sich konzilianter. Der 67-jährige war früher Finanzminister in Nordrhein-Westfalen. Und so spricht er auch – zumindest anfangs. Der Mann, den sie in der SPD „Nowabo“ nennen, redet trocken über Friedens- und Sicherheitspolitik, über Trump, Putin und die strategischen Interessen des Westens. Das trifft nicht ganz die Stimmung im Saal. Nach zehn Minuten wird das Gemurmel in den hinteren Sitzreihen lauter, und selbst vorne kratzen sich manche Genossen am Kopf. Erst als der Bewerber gegen Steuerhinterziehung wettert, werden die Delegierten wach: Dieses Thema zieht bei der SPD immer. Schröder, Gabriel, Lafontaine und Willy Brandt konnten Parteitage rocken. Walter-Borjans kann den Kongress allenfalls sanft schaukeln. Trotzdem reicht es für ein Beinahe-90-Prozent-Ergebnis. Deutschlands Sozialdemokraten sind bescheiden geworden.

Juso-Chef Kevin Kühnert (Mitte) mit Parteifreunden beim Selfie. Bild: dpa
Juso-Chef Kevin Kühnert (Mitte) mit Parteifreunden beim Selfie. Bild: dpa | Bild: Wolfgang Kumm

Kevin Kühnerts Spagat

Also doch weiter so? Die GroKo-Skeptiker auf dem Parteitag versuchen nach Kräften, den Eindruck zu zerstreuen, sie hätten nachgegeben, um Posten zu ergattern. Allen voran Chefdissident Kevin Kühnert, der die neue Doppelspitze als Hauptstrippenzieher in Stellung gebracht hatte. Der 30-Jährige rückt in den Vorstand auf, eine Kampfabstimmung gegen Arbeitsminister Hubertus Heil blieb ihm dank einer Satzungsänderung erspart. Manche in der Partei zweifeln auch an seiner Glaubwürdigkeit. Kühnert versucht es mit einem Spagat. Klar, Gespräche mit den Christdemokraten müssten sein, man dürfe der Union nichts schenken. Aber: „Ich nehme nicht wahr, dass irgendjemand in der sozialdemokratischen Partei eine Oppositionssehnsucht in sich trägt.“ Nach Koalitionsbruch und Neuwahlen riechen solche Aussagen nicht.