Das Wort Hoffnungsträger ist in den letzten Wochen mit Blick auf die US-Demokraten häufig benutzt worden. 14 Männer und Frauen haben dort bisher ihre Kandidatur für die Präsidentschaft im Jahr 2020 erklärt, gestern ist mit dem 46-jährigen früheren Kongressabgeordneten Beto O'Rourke aus Texas Nummer 15 dazugekommen. Und es dürften noch mehr werden, sollte der frühere Vizepräsident Joe Biden ebenfalls seinen Hut in den Ring werfen. Biden wäre dann Umfragen zufolge mit dem Senator Bernie Sanders, der 2016 bei den Vorwahlen Hillary Clinton unterlegen war, der chancenreichste Bewerber. Doch dass sich Umfragen auch täuschen können, hat der Überraschungssieg von Donald Trump nachdrücklich gezeigt. Und: Sowohl Biden (76) wie auch Sanders (77) stehen für die alte Garde in der Politik, nicht zuletzt wegen ihres Alters.

Ein begeisternder Redner

Und nun also Beto O'Rourke. Wer ihn live erlebt hat, kann gut nachvollziehen, warum der Bewerber mit dem Latino-Vornamen und den irischen Wurzeln von manchen US-Medien bereits als "weißer Obama" gefeiert wird. Er ist ein begeisternder Redner, wie sich auch in seiner Heimatstadt El Paso im letzten Monat zeigte. Da trat Donald Trump in einer überfüllten Halle vor seinen konservativen Anhängern auf, während O'Rourke nur wenige hundert Meter entfernt bei einer Freiluft-Veranstaltung ebenfalls tausende Fans in seinen Bann zog. Eine Attraktion, die sich quer durch alle Wählerschichten zu erstrecken scheint: Jugendliche, Frauen, Farbige, Latinos – es ist ein bunter Mix quer durch die US-Demografie, die dem unverbraucht und authentisch wirkenden Politiker zujubelt.

Auch beim "March for Truth" im Februar 2019 zeigte sich der Demokrat als mitreißender Redner.
Auch beim "March for Truth" im Februar 2019 zeigte sich der Demokrat als mitreißender Redner. | Bild: Paul Ratje/AFP

Zwar war O'Rourke bei den Midterm-Wahlen im letzten November im Rennen um einen Senatssitz dem texanischen konservativen Urgestein Ted Cruz noch knapp unterlegen. Doch es gilt als Sensation, dass O'Rourke bis zuletzt diese Wahl überhaupt offen hielt und keine Mühe hatte, enorme Summen an Spenden einzusammeln – so wie es Barack Obama 2008 und 2012 gelungen war.

Digitaler Wahlkampf

O'Rourke steht für eine neue Generation in der US-Politik, die mit aller Macht auch die sozialen Medien für ihre Zwecke nutzt. Seine Bewerbung gab er gestern auch auf Twitter bekannt – und sprach von einer "Bewegung für alle", die er schaffen will. Man kann regelmäßig in Familienvideos zuschauen, wie der Bewerber mit Frau und Kindern mexikanisches Fast Food zu sich nimmt oder schon mal bei einem Ausflug streunende Hunde in sein Auto verfrachtet und zu einem Tierheim bringt.

Diese Einblicke in das Leben eines ganz "normalen" Politikers haben der "Betomania" in den USA, die im letzten Jahr entfacht wurde, natürlich nicht geschadet. Der Kandidat genießt bei seinen Fans bereits Kultstatus. Das Magazin "Vanity Fair" dürfte in dieser Woche dazu beigetragen haben, das Phänomen O'Rourke noch populärer zu machen. Es druckte – gut getimt zur Bekanntgabe der Bewerbung – eine Titelgeschichte über den möglichen Trump-Herausforderer mit Bildern der Star-Fotografin Annie Leibovitz.

O'Rourke hat jedenfalls keine Probleme damit, den Präsidenten bereits jetzt ganz frontal anzugehen. Den Bau einer durchgängigen Grenzmauer an der Grenze zu Mexiko hält er beispielsweise im Gegensatz zu Donald Trump für unangemessen.

Erst Punk, dann Politik

  • Stationen: Zu Betos O`Rourkes Appeal trägt sein unkonventioneller Lebenslauf bei. Der Sohn eines Richters und einer Möbelhändlerin, geboren 1972 in El Paso (Texas), spielte nicht nur den Bass in einer Punkband, er studierte auch englische Literatur in New York und gründete eine Internetfirma. Anfang der 1990-er Jahre trat er gemeinsam mit Cedric Bixler-Zavala in der Punkband Foss auf und tourte durch die USA und Kanada. O`Rourkes politische Karriere begann 2005 im Stadtrat von El Paso. 2012 wurde er in das US-Repräsentantenhaus gewählt.
  • Selbstfindung: Seit Jahresbeginn ist O'Rourke ohne Mandat. In einer Art Selbstfindungsprozess unternahm der dreifache Familienvater einen Road Trip durch den Westen der USA, den er im Internet protokollierte.