Die Flüchtlinge kommen weiterhin. Und Europa schottet sich weiter ab. Das eine wie das andere – die in ihren Dimensionen kaum fassbare Fluchtbewegung in der Welt wie die Selbstabkapselung Europas – sind epochale Realitäten. Sie dürften für Jahrzehnte prägend bleiben. Die Fluchtursachen sind zwingend und überwältigend. Nicht nur in Syrien oder im Irak, was niemand bestreitet. Sondern etwa auch in Eritrea – einem von seinem Regime versklavten Land, über das wir nur kaum etwas zu lesen bekommen. Oder in Afghanistan – einem Land, das wir nach dem Abzug der westlichen Truppen aus den Augen verloren haben. So sehr, dass uns unsere Minister über die Gefährdungslage dort auch schon ins Gesicht lügen konnten.

Die Abwehrhaltung Europas auf der anderen Seite scheint inzwischen unkorrigierbar verfestigt. Sie ist nicht aus Beton. Aber sie ist ein über die Parteienkämpfe und Mehrheitsentscheidungen der parlamentarischen Demokratie in staatliche Politik umgesetzter trüber Komplex von Interessen, Ängsten und Ressentiments. Andere Stimmen gibt es immer – nicht zuletzt auch christliche wie die des einsamen serbischen Priesters, der im Gestrüpp an der Grenze seines Landes zu Ungarn die Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln versorgt: „Wenn Europa nicht in der Lage ist, ihnen eine bessere Lebensweise nahezubringen, werden sie denken, dass ihr moralisches Wertesystem besser ist als unseres. Sie müssen es mit einem höhere moralischen Standard zu tun bekommen, sonst werden sie ihren eigenen festlegen.“

Was bleibt zu tun, wenn diese Situationsbeschreibung der Wirklichkeit nahekommt? Wenn also die Menschen fliehen, weil sie es müssen – weil sie anders nicht mehr leben können. Und wenn Europa sie abweist, weil es ist, was es ist. Eine Alternative für die regulierte, faire Verteilung der Flüchtlinge auf die EU gibt es nicht. Es bliebe die Unterstützung einiger der überforderten ersten Aufnahmeländer bei der Integration von Millionen von Flüchtlingen. Die Rede ist hier von Integration, nicht von Notunterbringung – also von der Ermöglichung einer autonomen Existenz aus eigener Arbeit. Europa müsste auf sein überhöhtes, ideologisches Bild von sich selbst verzichten. Aber nicht, um jetzt offen zynisch zu werden. Sondern um die Leistungen, die es sich selbst nicht mehr abverlangen will, wenigstens anderswo effizient und nachhaltig zu unterstützen. Anders gesagt: Wir müssten den Rest unseres weltpolitischen Verantwortungsbewusstseins in großzügigere Länder investieren, als wir es sind. Für Jordanien, den Libanon, die Türkei drängt es sich längst auf.

Nur müsste diese Intervention einseitig sein, ohne Gegenleistung auf Kosten der Schutzsuchenden, ohne kranke Deals wie der mit dem Erdogan-Regime in der Türkei. Der junge Guardian-Journalist Patrick Kingsley kann einen mit seiner weitgespannten, imaginativen Reportage über die Flüchtlingskrise von 2015 auf diesen Gedanken bringen (Die neue Odyssee, 2016). „Mit jedem ihrer verzweifelten Pläne ignorierten die Politiker die Realität der Situation – nämlich dass die Menschen einfach kommen, ob wir es wollen oder nicht. Daher wollten sie auch nicht wahrhaben, dass es keine einfachen Möglichkeiten gibt, den Zustrom der Migranten zu unterbinden...“

Der Verfasser lebt und arbeitet als Historiker in Konstanz