Die Gesichter verraten, wie groß die Erleichterung sein muss. Angela Merkel ist als Kanzlerin wiedergewählt, die Minister sind vereidigt, die große Koalition kann starten. 171 Tage nach der Bundestagswahl ist die Hängepartie zu Ende, Deutschland hat wieder eine reguläre Regierung. Für Merkel ist es die vierte Amtszeit. Das haben vor ihr nur Konrad Adenauer und Helmut Kohl geschafft.

Dennoch zeigt die Wahl im Bundestag, auf welch schwankendem Grund sich die Kanzlerin fortan bewegt: Mindestens 35 Abgeordnete von Union und SPD verweigerten ihr die Stimme. Neun Stimmen weniger und die Mehrheit ist dahin. So groß, wie ihr Name andeutet, ist diese Koalition keineswegs. Das schwarz-rote Bündnis steht vom ersten Tag an unter Druck, weil es in den eigenen Reihen um den erforderlichen Rückhalt bangen muss. Die SPD-Fraktion hat es nicht einmal für nötig befunden, sich nach Merkels Wahl zu erheben. Klarer kann ein Koalitionspartner nicht zu verstehen geben, was er von der politischen Zweckehe hält.

 

 

Kann das dreieinhalb Jahre gutgehen? Selbst wenn diese Koalition wider alle Wahrscheinlichkeit durchhalten sollte, wird sie als Übergangslösung in die Geschichtsbücher eingehen. Sie steht nicht für einen Neuanfang, sondern für die Abwicklung einer Ära, die unweigerlich zu Ende geht. Das neue Kabinett schmückt sich zwar mit einigen neuen Gesichtern und bemüht sich, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Doch die 177 Seiten des Koalitionsvertrags sprechen eine andere Sprache.

Der Alltag wird die Kanzlerin und ihr Team deshalb rasch einholen. Mit einem Neuaufguss des Alten, da hat der Bundespräsident Recht, lässt sich kein neues Vertrauen gewinnen. Zudem hat die Weltpolitik in den vergangenen sechs Monaten nicht auf die deutsche Regierungsbildung gewartet: Der Streit der Briten mit Moskau gibt eine Ahnung davon, was auf Europa alles zukommen kann. Solange Merkel an der Macht ist, ruhen auf ihr die gewaltigen Erwartungen, die ihr Amt weit über Deutschland hinaus mit sich bringt. Zugleich steht sie vor der undankbaren Aufgabe, ihre eigene Nachfolge zu regeln. Jetzt hat sie es mit Ach und Krach noch einmal gepackt. Wenn sie bis zum Ende bleiben will, wird sie mehr Fortüne brauchen.