Falls der türkische Präsident Erdogan geglaubt haben sollte, die Lage in seinem Land mit Hilfe des Ausnahmezustandes unter Kontrolle bringen zu können, dann hat er sich getäuscht. Obwohl die Sicherheitsbehörden freie Hand bei der Verfolgung von Verdächtigen haben, können Gewalttäter unbemerkt mit einer 300-Kilo-Autobombe ins Stadtzentrum von Istanbul fahren. Mehr denn je hätte die Türkei jetzt eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über Freiheitsrechte, Minderheiten und die Instrumente des Rechtsstaates nötig. Doch daran ist nicht zu denken. Die kommenden Monate versprechen keinerlei Verbesserung. Im Januar beginnt im Parlament die Debatte über die Umstellung auf das Präsidialsystem, im Frühjahr soll eine Volksabstimmung darüber stattfinden. Schon unter normalen Umständen würde ein solches Vorhaben ein Land politisch erschüttern. In der Türkei mit ihren ungelösten Konflikten könnte das Blutbad von Besiktas der Auftakt einer neuen Welle von Gewalt gewesen sein.