„An-ne-gret, An-ne-gret“, rufen die Delegierten im Stakkato. Die Wahlsiegerin wirkt gerührt. Als Erstes dankt sie ihren beiden Mitbewerbern „für einen fairen Wahlkampf, den wir uns geliefert haben“. Immer wieder muss sie in den Saal winken. „Der Wettbewerb muss weitergehen“, sagt sie schließlich. Langsam weicht der Kloß aus ihrem Hals.

Annegret Kramp-Karrenbauer hat es geschafft: Als Nachfolgerin von Angela Merkel ist sie die neue Vorsitzende der CDU – und wohl auch die nächste Kanzlerkandidatin der Union. Ihren Mitbewerber Jens Spahn schlug die 56-jährige Saarländerin bei dem mit größter Spannung erwarteten Parteitag in Hamburg im ersten Wahlgang aus dem Feld, den Merkel-Widersacher Friedrich Merz im zweiten. 517 Delegierte stimmten in der Stichwahl für sie, 482 für den Konkurrenten aus dem Sauerland. Ein knappes Ergebnis, aber nicht so knapp, wie viele erwartet hatten.

Kramp-Karrenbauer entgegen der Vorhersagen stärker

Den Ausschlag gab offenkundig die Kondition im Endspurt, auf den letzten Metern der Zielgeraden. Seit Wochen lieferten sich die drei Kandidaten einen Marathonlauf quer durch die Republik. Beim Zieleinlauf unter der mächtigen Kuppel der Hamburger Messehalle war Kramp-Karrenbauer dann stärker und Merz einen Tick schwächer als vorhergesagt. Die Saarländerin trifft von Anfang an den richtigen Ton. „Keiner der drei Kandidaten wird der Untergang der CDU sein“, sagt Kramp-Karrenbauer. Sie weiß, dass sie alle unnötigen Schärfen und Verletzungen vermeiden muss, weil sie nach der Wahl das Lager der Unterlegenen braucht, um die Partei zusammenzuführen.

Dennoch wollen die 1001 Delegierten an der Alster klare Ansagen und ein unverwechselbares Profil. Kramp-Karrenbauer spricht als Erste und zückt die Frauenkarte: „Als Mutter von drei Kindern weiß ich, wie schwer es ist, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.“ Vor allem aber beschreibt sie ihren Kurs als Programm für den Neuanfang. Das böse Wort von der „Mini-Merkel“ weist sie scharf zurück. Und: Diese Bewerberin kann Wahlkampf. Kramp-Karrenbauer schildert ihre Erfolgsrezepte als Regierungschefin im Saarland. Genauso, so verspricht sie, soll es unter ihrer Führung 2019 bei der Europawahl und bei den Landtagswahlen im Osten laufen. Die Delegierten jubeln. Lange Gesichter am Wahlabend wollen sie nicht mehr sehen.

Merz schien unsicher zu sein

Merz hingegen kommt bei seinem Auftritt nicht richtig in Fahrt. Seine Zeit überzieht er gnadenlos, zu oft beugt er sich zum Mikrofon nieder und liest vom Manuskript ab. Nur in manchen Passagen schimmert durch, warum seine Rückkehr aus dem Exil die Partei elektrisierte: Der Sauerländer möchte die Abwanderung von Wählern zu den Grünen und zur AfD stoppen und die CDU wieder bei 40 Prozent sehen. Die Angst vor der Sozialdemokratisierung der Union durchzieht seine Rede wie ein roter Faden. „Ohne klare Positionen bekommen wir keine besseren Wahlergebnisse“, lautet ein Kernsatz seiner Rede. Deswegen müsse sich die CDU nicht nur die rechten Populisten, sondern ebenso SPD, Grüne und FDP vorknöpfen. Solche Sätze treffen die Seele der Partei: Der Beifall verrät es.

Dennoch reicht es nicht für den Sieg. Bis zur Verkündung des Ergebnisses bleibt das Rennen spannend wie ein Hollywood-Thriller. Klar ist nur, dass Jens Spahn trotz eines bemerkenswert starken Auftritts es nicht packen wird: Als Merz und Kramp-Karrenbauer sprechen, könnte man in der riesigen Messehalle eine Stecknadel fallen hören. Bei Spahn reißt das Gemurmel an den Tischreihen nie ganz ab. Etwa jeder dritte Delegierte sei unentschieden in die Hansestadt gekommen, schätzen CDU-Kenner. Auch der Landesverband Baden-Württemberg steht, anderslautenden Berichten zum Trotz, keineswegs einhellig hinter Merz. Bei einer Vorbesprechung am Vorabend hinter den verschlossenen Türen des Hamburger Hofbräukellers habe es kein klares Stimmungsbild gegeben, berichten Teilnehmer, obwohl Wolfgang Schäuble, der einflussreichste Kopf der Südwest-CDU für Merz getrommelt hatte. Der Versuchung, Delegierte einzeln zu bearbeiten, habe Schäuble jedoch widerstanden, verlautete aus dem Landesverband.

Auch Schwiergersohn Thomas Strobl, Chef der baden-württembergischen Christdemokraten, schwieg eisern: Bei wem er sein Kreuz machte, blieb bis zuletzt sein Geheimnis. „Dass Baden-Württemberg geschlossen hinter Merz steht, ist ein Märchen“, sagt Fabio Crivellari, Delegierter aus Konstanz. Viele Parteimitglieder hätten die Sorge, ob es dem Politik-Rückkehrer gelingen könne, die gewaltigen Erwartungen, die seine Kandidatur auslöste, zu erfüllen – „oder ob es ihm nach der Wahl so ergeht wie Martin Schulz bei der SPD“.

Angela Merkel erwähnte nie ihre Favoritin

Angela Merkel hält sich nach Kräften heraus. Jeder in der CDU weiß, dass sie Kramp-Karrenbauer favorisiert. Sie hat die Saarländerin nach Berlin geholt und zur Generalsekretärin gemacht, mit ihr weiß sie sich auf einer Linie, ihr vertraut sie. Aber sie sagt es nicht, weder im Vorder- noch im Hintergrund. Eine gute halbe Stunde spricht die Kanzlerin in der Messehalle, eine Wahlempfehlung hören die Delegierten nicht. „Wir spüren alle, dass dies ein besonderer Parteitag ist“, sagt sie nur.

18 Jahre war Merkel CDU-Chefin. In dieser Zeit verschliss die SPD zehn Vorsitzende, wie Parteivize Volker Bouffier lästernd anmerkt. Die letzten drei Jahre waren für die Kanzlerin zweifellos die schwierigsten. Ein Weiter-so kann es nicht geben, das sagen viele im Saal. Trotzdem ist der Beifall für die Kanzlerin frenetisch und will kaum enden. Warum, so fragt ein Journalistenkollege aus England auf der Pressebank, muss sie denn gehen, wenn sie in ihrer Partei so beliebt ist? Gute Frage. Nach Kramp-Karrenbauers Wahl räumt sie sofort den Stuhl auf dem Podium und setzt sich zu den Kabinettskollegen im Hintergrund. „Es war mir eine Ehre“, sagt Merkel. Fast schon ein Abschiedswort.

Echo von Delegierten aus der Region

1001 Delegierte entschieden beim CDU-Parteitag in Hamburg über die Nachfolge von Angela Merkel als CDU-Chefin. 154 von ihnen kommen aus Baden-Württemberg – 60 Frauen und 94 Männer. Die Reaktionen von Delegierten aus unserer Region:

  • Andreas Schwab, Europaabgeordneter aus Villingen-Schwenningen und Vorsitzender des CDU-Bezirks Südbaden, stimmte für Kramp-Karrenbauer. Seine Hoffnung: „Mit ihr hat die CDU die besseren Chancen bei Wahlen.“
  • Andreas Jung, Bundestagsabgeordneter aus Konstanz und Vorsitzender der CDU-Landesgruppe im Bundestag, hat sich früh für Kramp-Karrenbauer ausgesprochen und freut sich über ihren Sieg. In Hamburg sitzt er als neuer Fraktionsvize erstmals nicht am Delegiertentisch, sondern oben auf dem Podium, wo die anderen CDU-Granden sitzen.
  • Thorsten Frei, Bundestagsabgeordneter aus dem Wahlkreis Schwarzwald-Baar, hat für Merz gestimmt. Seine Forderung: „Die Partei muss sich jetzt hinter dem neuen Kurs vereinen.“
  • Thomas Bareiß, Bundestagsabgeordneter im Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen, kämpfte ebenfalls für Merz. Er gibt offen zu: „Ich bin enttäuscht.“
  • Felix Schreiner, Bundestagsabgeordneter aus Waldshut, hat im ersten Wahlgang für Jens Spahn gestimmt, mit dem er „freundschaftlich verbunden“ sei. Und im zweiten Wahlgang? „Möchte ich nicht verraten“, sagt Schreiner und beruft sich auf das Wahlgeheimnis.
  • Armin Schuster, renommierter Innenpolitiker aus Lörrach, gilt als bekennender Merz-Fan. In Hamburg wählte er trotzdem Kramp-Karrenbauer. „Sie ist den Menschen näher und sie wird Wahlen gewinnen“, sagt er zur Begründung.