Immer mehr Familien in Afrika bauen darauf, mindestens eins ihrer Kinder auf die gefährliche Reise nach Europa zu schicken. Die Schlepper, die die Hilfesuchenden durch die Sahara bis an die Mittelmeerküste schleusen, reiben sich die Hände. Denn in die eigentlich auf der Hand liegende Maßnahme investiert Europa nicht: die Bewachung der Zugangspunkte zur Sahara.

Stattdessen setzt die EU weiter auf zweifelhafte Allianzen wie mit Libyen. Im Land regieren Milizen, die Flüchtlingslager werden zu Gefängnissen mit Zwangsarbeit – wer gehen will, muss sich freikaufen. Europa mit seinem Wertekanon kann diese Zustände nicht ewig ignorieren. Doch die Spitzenpolitiker der EU reisen selten nach Libyen. Auch Bundeskanzlerin Merkels Afrikareise dieser Tage hat andere Länder im Fokus.

Die EU darf nicht die Augen vor den Konsequenzen verschließen 

Natürlich war es richtig, die libysche Küstenwache auszubilden, damit sie die Menschen davon abhält, die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer überhaupt anzutreten. Dennoch darf die EU nicht die Augen vor den Konsequenzen verschließen. Und sie kann nicht allein auf Grenzschutz bauen.

Und selbst dort bleiben die Mitgliedstaaten hinter ihren Zusagen zurück. Die Personalaufstockung der Europäischen Grenz- und Küstenwache Frontex – es geht um 1500 Beamte aus 28 Ländern – scheint eine kaum zu bewältigende Herausforderung zu sein. Die illegale Migration ist dadurch nicht zu stoppen, das zeigen die Zahlen dieses Sommers.

Trotzdem zerreiben sich Europas Regierungen an der alten Frage der Verantwortung, die sie in den 90er Jahren von sich schoben und stattdessen die vermeintlich einfache Lösung der Dublin-Verordnung wählten. Sie macht jenes Land für das Asylverfahren des Flüchtlings verantwortlich, über das dieser zuerst in die EU gelangte. De facto hat Dublin nie funktioniert.

Europa hat nichts gelernt 

Schon vor dem Krisensommer 2015 zogen Flüchtlinge vom Mittelmeer weiter nach Norden. Italiens neue populistische Regierung gibt einen Vorgeschmack darauf, was droht, wenn ein Land die alleinige Verantwortung von sich schiebt. Bis Ende dieses Jahres sollte eine Reform verabschiedet sein – eine halbherzige, die schon durch den Begriff "flexible Solidarität" zum Ausdruck kommt. Selbst diese Änderung scheint inzwischen unerreichbar. Europa hat nichts gelernt.

Dabei hatten die Staats- und Regierungschefs geschworen, mehr zu tun. Ein Afrika-Treuhandfonds wurde im November 2015 ins Leben gerufen. Die EU gibt 1,8 Milliarden Euro, die Mitgliedstaaten sollen noch einmal die gleiche Summe drauflegen.

Geschehen ist wenig – auch seitens der Bundesrepublik. Gerade einmal 157,5 Millionen Euro hat Berlin bislang zugesagt. Und das, obwohl die Überschüsse immer größer werden. Auch aus anderen Mitgliedstaaten kommt nur zurückhaltende Unterstützung.

Es müsste mehr Geld fließen 

Dabei dient das Geld dazu, das Problem an der Wurzel zu packen. Angesichts der riesigen Aufgaben müsste noch viel mehr fließen. Denn der Fonds soll die Krisen in der Sahel-Region und am Tschad-See, am Horn von Afrika und in Nordafrika anpacken, Stabilität in den Krisengebieten herstellen und die Ursachen von Vertreibung und irregulärer Migration angehen.

Ziel ist es, wirtschaftliche Möglichkeiten, Sicherheit und Entwicklung zu fördern. Der Ansatz ist richtig. Denn die Flüchtlingskrise von 2015 war nur ein Vorgeschmack auf das, was mit der schnell wachsenden Bevölkerung in Afrika und den zunehmenden Nahrungsmittelengpässen noch kommen wird. Merkel will mit ihrer Wirtschaftsdelegation ein Zeichen setzen und große Unternehmen dazu bringen, in Länder wie den Senegal zu investieren.

Jede Frau dort bekommt im Durchschnitt mehr als fünf Kinder. Jedes Jahr strömen 300 000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt – ohne Aussicht auf einen Job. Senegals Präsident Macky Sall nimmt Europa in die Verantwortung. Doch die EU kann nicht die Krisen dieser Welt lösen. Wohl aber kann sie einen wichtigen Beitrag leisten, Afrika endlich eine eigene Perspektive zu schaffen. Und zwar im eigenen Interesse.