Die Reise nach Jerusalem ist ein Spiel, bei dem ein Stuhl zu wenig im Raum steht, weshalb ein Mitspieler leer ausgeht. Die Wirklichkeit, die eine hochrangige Delegation in der Stadt erlebte, sieht anders aus: Hohe christliche Vertreter wurden gebeten, ihre Brustkreuze abzunehmen. Sie folgten dem – sowohl der katholische Kardinal Reinhard Marx wie auch sein evangelischer Kollege Heinrich Bedford-Strohm, ebenso ihr stattliches Gefolge, so weit es Kreuze sichtbar trug. Die beiden sind die ranghöchsten Vertreter ihrer jeweiligen Kirche. Sie waren nicht als Privatleute unterwegs, sondern repräsentieren die deutsche Christenheit.

Sie waren mit großem Gefolge zu einer gemeinsamen ökumenischen Pilgerfahrt ins Heilige Land aufgebrochen. Man verstand sich prächtig. Vor dem Reformationstag (31. Oktober) sollten die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Kirchen unterstrichen werden. Außerdem lernt man sich kennen, beim Beten, Essen und im Hotel. Dieser Reiseplan ging gut, bis die ökumenische Delegation auf die beiden empfindlichsten Punkte der ohnehin empfindlichen Stadt traf: den Tempelberg, der von Muslimen betreut wird, und die jüdische Klagemauer. An beiden Orten nahmen die beiden Repräsentantn ihr Kreuze ab – am Tempelberg auf ausdrücklichen Wunsch des diensthabenden Scheichs, der die deutsche Gruppe führen sollte.

Damit wollten Kardinal Marx und EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm nur alles richtig machen. Was sie unterschätzten: Das Bild der kreuzlosen Religionsführer clickte sich durch Deutschland, durch gedruckte und digitale Medien. Der Mann im Lutherrock und der Mann mit der roten Schärpe wirken auf dem Bild bedrückt. Gewissermaßen Oben ohne. Sie sind ihrer markanten Würdezeichen beraubt. Frohe Wallfahrer schauen anders drein. Man spürt: Etwas stimmt nicht. Tage später mehrte sich die Kritik an der Unterwürfigkeit der beiden Spitzen und ihres Umfelds, das ebenfalls die Brustkreuze eilig wegpackte. Der Publizist Michael Wolffsohn schreibt: "Das von den beiden in Jesuasalem gelebte Christentum ist keine gute Grundlage für die Integration von Muslimen in Deutschland. Ihr Modell bedeutet nämlich: Wir geben uns selbst auf."

Drei Wochen später wollen beide den Schaden begrenzen. Richtig überzeugen kann es nicht, was sie dazu im Nachhinein über ihren Kniefall erklären. Der evangelische Würdenträger spricht von "Respekt", den man habe zeigen wollen. Und die katholische Bischofskonferenz deutet die Kreuzabnahme als "Geste der Zurückhaltung." Man habe "ein Signal an die Streitparteien im Nahen Osten ausgesandt", heißt es in der Erklärng höchst phantasievoll. Fragt sich nur: Wer hat hier wem ein Signal ausgesandt? Und hat der Empfänger das Signal verstanden?