Als vor einigen Tagen eine Luftmine des Zweiten Weltkriegs entschärft wurde, war das aufregend. 70 000 Menschen wurden in einem Frankfurter Stadtteil evakuiert, einige gegen ihren Willen. Nach der Bergung des Zünders konnten sie in die Häuser zurück in der Gewissheit, dass der Krieg im Viertel zu Ende ist. Im Falle eines anderen Sprengsatzes lässt sich das Dynamit nicht so schnell abräumen: Polen fordert ernsthaft gigantische Reparationen für die Verwüstung des Landes während des Weltkriegs.

Nach Berechnungen des polnischen Parlaments erreichen die Ansprüche 840 Milliarden Euro (es liegen auch höhere "Gebote" vor, die eine Billion übersteigen). Das ist eine gewaltige Summe, wie das Aufmalen der Zahl auf ein Stück Papier deutlich macht. Zum Vergleich: Der Bund gibt im Haushaltsjahr 2017 ganze 329 Milliarden Euro aus. Die Entschädigung der Zwangsarbeiter in den Jahren 2001/2001 belief sich auf ein Volumen von zehn Milliarden Euro. Die polnische Regierung lässt dabei offen, wie sie zu ihrer neuen Forderung kommt. Es liegen keine Tabellen zur Berechnung von zerstörten Gebäuden und kaputten Brücken vor. Von den sechs Millionen Menschen zu schweigen, die 1939 bis 1945 ums Leben kamen.

Der Kassensturz von Warschau erinnert an gleichlautende Wünsche aus Griechenland, das Reparationen für die Zeit der deutschen Besatzung anmahnt. Athen hatte einen ähnlich ungünstigen Zeitpunkt ausgewählt: Als der deutsche Finanzminister in der Öffentlichkeit das Aufspannen von Rettungsschirmen für Griechenland verteidigte, präsentierte das Land noch Rechnungen von 1945. Sie werden offenbleiben.

Völkerrechtlich wird die Regierung in Warschau mit ihrem Plan kaum Chancen haben. Die polnische Regierung verzichtete 1953 im Londoner Abkommen auf die Rückzahlung von Schulden. Auch wenn es eine kommunistische Regierung war, die unter dem Moskauer Daumen stand, repräsentierte sie doch die gültige Vertretung des Landes. Die Regierungspartei PiS stellt genau dies in Abrede. Es ist ein plumper Versuch, einen unbequemen Vertrag über den Haufen zu werfen und Profit aus dem verheerenden Krieg zu ziehen. Regierungen stehen stets in einer historischen Verpflichtung. Das gilt für Polen wie für jeden anderen Staat. Die Bundesrepublik trat die Rechtsnachfolge des Dritten Reiches an, so unbequem das war. Wenn man der Warschauer Logik folgen würde, dann könnte Berlin seinerseits die Verantwortung für die Folgen des NS-Regimes abwälzen mit der Aktennotiz: nicht zuständig. Was die Bundesrepublik nicht tut.

Das größte Nehmerland

Die Sprecher der Bundesregierung weisen den unmoralischen Antrag mit kurzen Worten zurück. Das Billionending ist nur ein Element der Abkehr, die das große Nachbarland vollzieht: Es bewegt sich weg von Europa und dessen Werten. Die EU-Begeisterung in Polen ist erlahmt. Die nationalkonservative Politik von Jaroslaw Kaczynski und seiner Partei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS) treibt das eigene Land in einen verstaubten Nationalismus, in den Flüchtlinge nicht hineinpassen. Europäisch gestimmt ist Polen vor allem in finanzieller Hinsicht: Beim Eintreiben von EU-Hilfen zögert es nicht. Es ist das größte Nehmerland in der Gemeinschaft. Und Deutschland der größte Geber.

Letzten Endes geht es nicht um diese phantastische Summe. Wer rechnet, weiß genau, dass Deutschland diesen Betrag weder zahlen kann noch zahlen will. Die Rechnung, 72 Jahre nach Kriegsende präsentiert, ist Ausdruck tiefer Unzufriedenheit. "Polen wäre ein Land mit 80 Millionen Einwohnern und einer starken Wirtschaft, hätte es den Krieg nicht gegeben," seufzte ein PiS-Abgeordneter dieser Tage. Diese Spekulation enthüllt das Motiv des polnischen Zorns: Eine verspätete und über die Jahrhunderte gegängelte Nation trauert den verpassten Chancen nach. Und der unglücklichen Geografie zwischen Deutschen und Russen, die das Land in die Zange nahmen. ulrich.fricker@suedkurier.de