Misslicher könnte seine Lage kaum sein. Nach dem Wahldebakel im September schloss SPD-Chef Schulz eine Neuauflage der großen Koalition kategorisch aus. Jetzt versucht er, seine zaudernde Partei vom Gegenteil zu überzeugen. Gelingt es ihm nicht, die Widerstände bis zum Sonderparteitag am Sonntag auszuräumen, sind seine Tage als Parteivorsitzender gezählt. Schulz kämpft nicht nur für das Bündnis mit der Kanzlerin, sondern auch um seine eigene Karriere.

Erstaunlich bleibt, dass Schulz und seine Mitstreiterin Andrea Nahles diesen Sturm nicht kommen sahen. An den Erwartungen einer demoralisierten SPD-Wählerschaft gemessen, kann ihr Verhandlungsergebnis nur enttäuschen. Rente, Bürgerversicherung, Flüchtlingsobergrenzen: Bei vielen Themen hat sich am Sondierungstisch die Betonfraktion der CSU durchgesetzt. Wenn die Sozialdemokratie ihrer Abwärtsspirale entkommen will, braucht sie mehr Biss – und eine Parteispitze, die Merkels Lager gewachsen ist.