Als Jan im unheimlichen Wald dem furchterregenden Wolf begegnet, wird ihm schlecht vor Panik. Er schreit, so laut er kann, wirft seinen Rucksack auf das Tier und rennt davon.

Habeck schreibt Kinderbuch mit seiner Frau

Der Schüler Jan ist Held des Kinderbuchs „Ruf der Wölfe“, das Robert Habeck vor ein paar Wochen zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch veröffentlicht hat, so ganz nebenbei. Dass Habeck auch als Grünen-Chef nicht auf die Schriftstellerei verzichtet will, tut seiner Beliebtheit keinen Abbruch. Im Gegenteil.

Ein Erfolg, der schon fast unheimlich wirkt

Sein eigener Erfolg und der seiner Partei in fast allen Umfragen der vergangenen Wochen wirkt schon fast unheimlich. Vor allem für die politischen Mitbewerber, allen voran die SPD. Für Habeck und die Grünen erscheint der Weg zur Macht im Moment nur noch als Frage der Zeit.

Wenn die Große Koalition fällt, könnte es zu einem neuen Anlauf für ein Jamaika-Bündnis von Union, FDP und Grünen kommen. Bei Neuwahlen könnte es sogar für Schwarz-Grün reichen. Selbst ein Bundeskanzler namens Habeck scheint nicht mehr ausgeschlossen. Und der Höhenflug, da sind sich die Beobachter einig, geht zu einem Großteil auf das Konto von Robert Habeck.

Auch Habecks Aussage über Enteignungen schadet ihm nicht

Nicht einmal seine Aussage, dass er Enteignungen zur Bekämpfung der Wohnungsnot unter Umständen in Betracht zieht, hat Robert Habeck offenbar geschadet. So kann sich jeder fünfte Deutsche nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa Habeck als Bundeskanzler vorstellen.

Allzu viel fehlt da gar nicht mehr zum Wert von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer, die 28 Prozent der Befragten für kanzlerfähig halten, und Vizekanzler Olaf Scholz von der SPD (24 Prozent). Käme es zu einer Kanzlerdirektwahl, läge Habeck gleichauf mit Scholz bei 25 Prozent Zustimmung, Kramp-Karrenbauer hätte auf beide nur magere drei Prozentpunkte Vorsprung.

Forsa-Chef Manfred Güllner sagt, ein Grüner als Bundeskanzler sei nicht mehr unvorstellbar.
Forsa-Chef Manfred Güllner sagt, ein Grüner als Bundeskanzler sei nicht mehr unvorstellbar. | Bild: Michael Kappeler/dpa

Weil auch die Grünen als Partei derzeit in der Wählergunst glänzend dastehen und regelmäßig auf Platz zwei hinter der Union landen, ist für Forsa-Chef Manfred Güllner „ein Grüner im mächtigsten Amt der Republik nicht mehr unvorstellbar“. Halte der Höhenflug an, dürften die Grünen gezwungen sein, einen Kanzlerkandidaten aufzustellen. Dass dieser grüne Kanzlerkandidat Robert Habeck heißen würde, daran gibt es im Moment keinen Zweifel.

Seit 15 Monaten im Amt

Der 49-Jährige hat in nur 15 Monaten im Amt die Machtverhältnisse in seiner Partei völlig umgekrempelt. Jahrelang spielte die Musik fast ausschließlich in der Bundestagsfraktion, die Parteizentrale galt vielen hauptsächlich als der Ort, an dem die Plakatständer bis zur nächsten Wahl aufbewahrt werden. Unter Habeck und seiner Co-Parteivorsitzenden Annalena Baerbock hat sich das geändert.

Heute herrscht eine klare Arbeitsteilung. Die Fraktion, die kleinste im Bundestag, ist für das politische Tagesgeschäft zuständig, öffentlich wahrnehmbar ist vor allem Fraktionschef Anton Hofreiter, während es um die zweite Fraktionsspitze, Katrin Göring-Eckardt, stiller geworden ist.

Habeck ist zuständig für Zusammenleben der Gesellschaft

Um die Zukunftsfragen, um die Weiterentwicklung des Parteiprogramms, die strategische Ausrichtung der Partei und die Gewinnung neuer Wählerschichten kümmern sich dagegen Annalena Baerbock und Robert Habeck. Und Habeck, der Doktor der Philosophie, zuständig für das Zusammenleben der Gesellschaft.

Es ist wie in Habecks Kinderbuch, in dem es nicht nur um die aktuelle Frage des Zusammenlebens zwischen Mensch und Wolf geht. Sondern auch um Klimawandel als Fluchtursache, die Auswüchse der Massentierhaltung, Ängste in der Gesellschaft und „Fake News“ in den Medien. Habeck, Apothekersohn aus Lübeck, Schriftsteller und politischer Quereinsteiger, hat keine Berührungsängste.

Die Haushaltspolitikerin Ekin Deligöz, die seit mehr als 20 Jahren für die Grünen im Bundestag sitzt, sagt: „Robert Habeck hat in unserer Partei viele Denkblockaden aufgebrochen.“ Die Grünen würden deshalb nicht mehr als Verbotspartei wahrgenommen. Habeck verstehe es, Debatten anzustoßen, sagt Deligöz. Selbst seine Aussagen in der Enteignungsdiskussion hätten letztlich nicht geschadet, sondern den anderen Parteien die Brisanz des Themas Wohnungsnot verdeutlicht.

Habeck, das sagen viele bei den Grünen, spricht die Menschen an. In seiner Zeit als schleswig-holsteinischer Landwirtschaftsminister von 2012 bis 2018 hat er das Vertrauen von kantigen Küstenfischern und Landwirten gewonnen, die dem Grünen zunächst mit größter Skepsis gegenüberstanden. Habeck hat den Leuten erst einmal zugehört, manchmal bei dem einen oder anderen Glas Rum. Nicht nur den Respekt vieler Menschen im rauen Norden hat Habeck gewonnen, auch den der politischen Konkurrenz.

Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz: "Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der gerade fliegt."

Kubicki schätzt seinen Pragmatismus

Wolfgang Kubicki etwa, der FDP-Vize, sagt: „Ich kenne Robert Habeck aus unserer gemeinsamen schleswig-holsteinischen Zeit gut und lange und schätze seinen Pragmatismus.“ Dass Habeck „trotzdem Enteignungen das Wort redet“, deutet für Kubicki darauf hin, dass er mit den grünen Umfragehöhenflügen langsam Schwierigkeiten bekomme, Fundis und Realos in seiner Partei zusammenzuhalten.

Doch Ekin Deligöz sagt, der alte Konflikt zwischen Realos und Fundis sei zwar noch da, aber nicht mehr so dominant. Habeck habe bei den Grünen die Fenster geöffnet. Für eine Kanzlerdiskussion, sagt Deligöz, sei es aber viel zu früh. Dafür bemüht sie einen Satz von Winfried Kretschmann, dem grünen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs: „Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der gerade fliegt.“