Der Attentäter von Christchurch hat versucht, den Anschlag auf zwei Moscheen mit 50 Todesopfern in seinem Hass-Manifest „The Great Replacement“ (Der große Austausch) zu rechtfertigen. Damit bezog sich Brenton Tarrant bereits im Titel auf eine rechtsextreme Verschwörungstheorie, der zufolge die Bevölkerung Europas durch Zuwanderer ersetzt werden solle. 

Krude Thesen ehemaliger Nazis

Die Ursprünge dieser Vorstellung liegen in Nazi-Kreisen nach dem Zweiten Weltkrieg. Anders als heute standen damals jedoch nicht die Muslime im Fokus, sondern die Juden. Nach 1945 entwickelten Rechtsextreme die Vorstellung, wonach Europa durch afrikanische Zuwanderer „kolonisiert“ werden solle. Als Drahtzieher hinter den vermeintlichen Plänen sahen sie eine angebliche jüdische Verschwörung, wie der Historiker Nicolas Lebourg in einem Beitrag für die französische Online-Zeitung „Médiapart“ erläutert.

„Ab 1946 behaupteten ehemalige Kämpfer der Waffen-SS, dass mittlerweile ganz Europa von “Negern' (amerikanischen Soldaten) und 'Mongolen' (russischen Soldaten) besetzt sei und dass der Kontinent durch eine 'neue Widerstandsbewegung' von der 'Besatzung' befreit werden müsse„, erklärt Lebourg. Auf internationaler Ebene verhalf ein Franzose der Theorie zu Bekanntheit: der ehemalige Trotzkist und Angehörige der Waffen-SS, René Binet. Auch er war der Ansicht, dass die Juden hinter dem geplanten “großen Austausch„ der europäischen Bevölkerung stünden.

Neue Rechte mit neuem Feindbild

Diese antisemitische Ausrichtung der Theorie änderte sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA, wie Lebourg weiter erklärt. Seither habe sich die Theorie zu einem “mobilisierenden Mythos für Rassismus und Islamfeindlichkeit„ entwickelt. Anstelle der Juden machen nach seinen Worten Rechtsextreme nun den “Multikulturalismus„ für die angebliche “Umvolkung„ verantwortlich. Dessen Ziel sei es demnach, die “weißen und christlichen„ Bevölkerungen Europas durch Muslime zu “ersetzen„.

Die "Eliten" sind Schuld...

Der Attentäter Tarrant bediente sich in seiner 74-seitigen Hass-Schrift dieser aktualisierten Vorstellung vom “großen Austausch„. So bezog er sich auf einen angeblichen “weißen Genozid„, eine Formulierung, die laut Lebourg seit 40 Jahren von rechtsextremen Gruppen im englischsprachigen Raum verwendet wird. Sie sei ein Synonym für den “großen Austausch„. Auch solche Vorstellungen sind im Kern Verschwörungstheorien, wie die Historikerin Valérie Igounet in einer Studie für die linsgerichtete Jean-Jaurès-Stiftung darlegt. Demnach halten die Anhänger der Theorie den “Austausch„ für “bewusst von den 'Vertretern der weltweiten Elite' organisiert„.

Rechter Vordenker 

Der französische Autor Renaud Camus griff diese Verschwörungstheorie in seinem 2001 erschienenen Buch “Le grand remplacement„ (Der große Austausch) auf. Darin heißt es: “Frankreich ist dabei, unter muslimische Herrschaft zu geraten.„ Dagegen rät Camus unter anderem, das französische Staatsangehörigkeitsrecht zu verschärfen, Familiennachzug zu verbieten und Sozialleistungen nur noch an Europäer auszuzahlen. Nach dem tödlichen Anschlag vom Freitag zeigte sich Camus kleinlaut. Er bezeichnete die Angriffe als “terroristisch, entsetzlich, kriminell, verheerend und sehr dumm„. (AFP)