Die CDU hat es im Augenblick nicht leicht. Alle Welt will von den Christdemokraten wissen, was da schief lief am Wahlsonntag. Wer ist schuld am Debakel? Warum findet die Partei keinen Draht zur Jugend? Wie war das nochmal mit Rezo und YouTube – und, ach ja, was ist jetzt eigentlich mit der Klimapolitik? Tausend Fragen, tausend Antworten, aber keine klare Linie.

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Manche in der Union laufen den Klimakritikern hinterher und versprechen Besserung. Andere sehen es wie Thomas Bareiß, der Hardliner von der Alb. Er empfiehlt den jungen Leuten, erst einmal eigenes Geld zu verdienen. Auch das kommt nicht gut an. Nur beim Koalitionspartner ist das Durcheinander noch größer.

Vieles ist anders seit dieser Wahl. Die SPD zerlegt sich, die CDU sieht alt aus.

Stattdessen sind die Grünen die neue Kraft in der Mitte. Alle Statistiken sagen: Je jünger die Wähler, desto grüner. Allein mit angeblichen oder tatsächlichen Versäumnissen im Umweltschutz lässt sich diese Verschiebung im Parteiengefüge nicht erklären.

Das Klima ist für Deutschlands Jugend zum Symbol einer Politik geworden, die ihre Rechnungen an die nächste Generation schickt und ansonsten von Zukunftsthemen nicht viel versteht. Deswegen schwänzen Schüler den Unterricht für die Klima-Demo, deswegen protestieren junge Leute gegen Upload-Filter und Eingriffe ins Internet. Ihnen allen gemeinsam ist die Sorge, dass die Politik von heute die Welt von morgen zerstört.

Das Netz ist nicht frei von Hysterie

Frei von Hysterie ist dieses Aufbegehren nicht. Dennoch bleibt bestürzend, wie unbeholfen die Regierungsparteien auf die Lebenszeichen der Jugend reagieren. CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer sucht die Schuld für die Lage ihrer Partei bei allen, nur nicht bei sich selbst.

Die SPD flüchtet sich in Selbstbeschäftigung und das übliche Stühlesägen. Sie merkt immer noch nicht, dass sie von Rentnern allein nicht leben kann. Rente mit 63, jetzt die Grundrente – das alles mag für die Jahrgänge Ü60 wichtig sein, doch bezahlen werden es deren Kinder. Für die Sozialdemokraten rächt es sich, dass sie seit Jahren auf Kosten von Jüngeren gezielt Politik für ältere Wählergruppen machen.

Leicht verspätet wird Deutschland von einer Entwicklung eingeholt, die in anderen Ländern die Parteienlandschaft Krume für Krume umgepflügt hat. Den Volksparteien läuft das Volk davon – mit allen Folgen. Über Jahrzehnte haben sich die althergebrachten Lager an der Macht abgelöst.

Mal regierten die Schwarzen, mal die Roten: Das war der Atemrhythmus der bundesdeutschen Demokratie, das sorgte für Stabilität und Berechenbarkeit. Dieses Fundament ist von Wahl zu Wahl weiter zerbröselt. Für die nächste Bundestagswahl braucht die SPD nicht ernsthaft einen Kanzlerkandidaten, die Grünen vielleicht aber sehr wohl.

Bei CDU und SPD passt nichts mehr zusammen

Noch ist der Weckruf nicht überall angekommen. Die neue CDU-Chefin will verlorene Wähler zurückgewinnen – aber von wem? Von den Grünen? Dorthin gingen die, denen Kramp-Karrenbauers neokonservativer Schwenk nicht passt. Oder von der AfD?

Dafür bräuchte es eine deutlichere Abkehr von Merkels Flüchtlingspolitik. Noch weniger passen die Dinge bei der SPD zusammen. Manchmal will sie grüner sein als die Grünen, dann wieder linker als die Linke. Welchen Schluss soll ein Erstwähler daraus ziehen? Viele machen ihr Kreuz deshalb lieber anderswo.

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Bisher profitierten die Volksparteien von ihrer Bindungsfähigkeit, vom Konzept, alle Bevölkerungsgruppen anzusprechen und deren Interessen zu bündeln, so unterschiedlich sie auch sein mögen. Es ist ein Politikverständnis von gestern: In den Augen von Jungwählern ist es uncool.

Heute sind Parteien erfolgreich, die sich auf überschaubare Zielgruppen fokussieren, die ihren Wählern klipp und klar sagen, was sie vorhaben – die Grünen mit der Umweltpolitik, aber auch mit ihrem offensiven Bekenntnis zu einem Europa der offenen Grenzen, die AfD mit dem Dauerthema Flüchtlinge. Kompromisse, wie sie unter den klassischen Volksparteien üblich waren, sind da nicht mehr möglich. Die Gräben werden tiefer.