Der Kanzlerin ist diese Woche ein Fehler unterlaufen, der ihr selten passiert: Sie hat sich den Mund verbrannt. Unter dem Ansturm von Bedürftigen hat die Tafel in Essen entschieden, Neukunden ohne deutschen Pass auszuschließen. Angela Merkel hat das von Berlin aus kritisiert – ohne bei den Ehrenamtlichen vor Ort nachzufragen, warum sie eine derart angreifbare Entscheidung fällen. Jetzt muss sie sich die Beweggründe der Tafelleitung unter die Nase reiben lassen. Sie haben mit ihrer eigenen Politik zu tun.

Nicht nur bei der Kanzlerin ist die Heuchelei mit Händen zu greifen. Aus der Entscheidung der Tafel-Macher, so falsch und befremdlich sie auch sein mag, spricht nicht Rassismus, sondern Überforderung. Es gibt fast 1000 Tafeln in Deutschland. Sie alle haben mit steigernder Nachfrage zu kämpfen. Die Zahl der Rentner, die auf gespendetes Essen angewiesen sind, hat sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Seit zweieinhalb Jahren kommen die Flüchtlinge dazu und stellen sich mit in die Warteschlange. Am unteren Ende der Gesellschaft verschärfen sich die Verteilungskonflikte. Es ist ein Kampf Arm gegen Arm. Der Tafelladen in Essen wird damit allein gelassen.

Hier läuft etwas Grundlegendes falsch – das spürt jeder. Deshalb ist in Essen aus einem lokalen Vorfall ein Drama von nationaler Tragweite geworden. Jenseits der Sonnenseite unserer Städte wächst ein Unbehagen, auf das die etablierte Politik keine Antwort hat. Die Protestparteien mästen sich davon. Es kann nicht sein, dass die Ärmsten die Lasten der Zuwanderung zu tragen haben, sagt die Linke Sahra Wagenknecht. Wohl wahr – doch der Satz könnte auch von der rechten Konkurrenz stammen. Trotz ihres unsäglichen Erscheinungsbildes erhielt die AfD bei der Bundestagswahl 2017 ebenso viele Stimmen von SPD und Linkspartei wie von ehemaligen Unionswählern. Wer sich abgehängt fühlt, fragt nicht lange nach links und rechts, sondern danach, wer ihm zuhört. Mit dem erhobenen Zeigefinger lässt sich diese Entwicklung nicht bekämpfen, sondern nur mit einer anderen Politik.

Von der großen Koalition, deren Schicksal sich am Sonntag entscheidet, ist diese Korrektur nicht zu erwarten. Merkel steht für das Weiter-So. Ihre Kritik an der Tafelleitung macht deutlich, dass sie keine Antwort auf die Folgen ihrer eigenen Politik zu bieten hat. Die SPD erscheint noch entrückter. Zu Recht spricht ihr früherer Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von einer "Vielfaltseuphorie", die die Probleme der Menschen ausblendet: Hauptsache, die Gesinnung stimmt. Gerade die Stammwähler der Sozialdemokratie in den Arbeitervierteln unserer Städte nehmen ihrer Führung diese Realitätsblindheit übel. Deshalb wandern viele von ihnen ab – zur Not sogar zur AfD.

Eingesehen hat dies die SPD-Spitze bis heute nicht. Im Endspurt der Koalitionsverhandlungen verkämpften sich die Unterhändler der SPD nicht über die Sorgen der Mehrheitsgesellschaft, sondern um den Familiennachzug von wenigen tausend Flüchtlingen. Andere Fragen blieben unbeantwortet. Wie lässt sich verhindern, dass sich in deutschen Stadtvierteln angestammte Bewohner verdrängt fühlen? Was ist mit dem Sicherheitsgefühl der Bürger? Was tut der Bund, um die Integration von Zuwanderern voranzubringen? In unserem Bildungssystem bleiben junge Flüchtlinge vorwiegend unter sich. Wie sie dort Deutsch lernen und sich auf ein selbständiges Leben im neuen Umfeld vorbereiten sollen, bleibt ein Rätsel.

Deutschland braucht keine Politik, die Bedürftige nach ihrer Herkunft fragt und die Menschen gegeneinander ausspielt. Aber es braucht mehr Ehrlichkeit sich selbst und den Zuwanderern gegenüber. Wie jede alternde Gesellschaft ist die Bundesrepublik auf Zuzug angewiesen, auf Menschen, die etwas können, die mit anpacken und den Alten einmal die Rente zahlen. Doch dieses Ziel lässt sich nicht mit dem Instrumentenkasten der Asyl- und Flüchtlingspolitik erreichen. Nicht jeder, der hier ankommt, ist Arzt, Ingenieur oder Krankenschwester. Viele von ihnen können nicht einmal lesen und schreiben. Sie werden auf Jahre hinaus Unterstützung brauchen, bis sie auf eigenen Füßen stehen oder gar Steuern zahlen können. Zu lange hat die deutsche Politik die Dinge beschönigt und versucht, den Wählern etwas vorzumachen.

Inzwischen sehen alle klarer. Eine humane Gesellschaft muss Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, eine Zuflucht bieten. Aber diese Hilfe ist und bleibt eine Last, selbst wenn sie sich auf die wirklich Schutzsuchenden beschränkt. Aufgabe der Politik ist es, die Belastungen gerecht zu verteilen. Werden sie das? Nach dem Tafelstreit in Essen ist die Antwort klar: Nein. Der Zuzug von Habenichtsen trifft vor allem jene, die mit leeren Taschen durchs Leben gehen. In einem Sozialstaat kann dies nicht das letzte Wort sein.

dieter.loeffler@suedkurier.de