Sie engagieren sich als 2. Vorsitzender bei der GBS Bodensee. Was treibt Sie an, wenn Sie auf die Straße gehen, um für ein Weltbild ohne Gott zu werben?

Ich bin vor zehn Jahren auf die GBS gestoßen. Bis dahin habe ich mich als säkular oder humanistisch denkender Mensch ziemlich isoliert gefühlt. Die Glaubensfernen machen zwar den größten Teil der Deutschen aus, sind aber nicht organsiert und weit verstreut. Kirchen dagegen sind bestens strukturiert. Durch die GBS wurden Atheisten für mich erstmals sichtbar.

Die GBS wendet sich gegen Gott und Religion. Aber wofür steht sie?

Die GBS steht für den evolutionären Humanismus. Das ist ein offenes Weltbild, das sich anpasst an die neusten Erkenntnisse. Es vergeht in der Wissenschaft kein Tag ohne neue Erkenntnisse. Da kann man nicht ernsthaft an einem Weltbild festhalten, dass sich nicht verändern darf. Deswegen ist der evolutionäre Humanismus für mich ein gutes Leitbild.

Wie begründen Sie diesen Ansatz?

Die Evolutionstheorie ist die wirkmächtigste naturwissenschaftliche Theorie überhaupt und zentrales Merkmal des evolutionären Humanismus. Man kann einfach nicht sagen, dass der Mensch die Krone der Schöpfung wäre. Wir sind ein zufälliges Produkt, das aufgetaucht ist und auch wieder verschwindet.

Welches Ziel wollen Sie mit ihrem Wirken erreichen?

Die Möglichkeit an ein alternatives Weltbild zu glauben. Die Kirchen sagen, ohne Gott würden dem Menschen etwas fehlen. Wir wollen klarmachen, dass der Mensch keinen Gott braucht. Man öffnet sich damit in jede andere Richtung, die begründbar ist.

Und welche konkreten Forderungen stellt die GBS?

Als Beispiel: Kirchliche Organisationen wie Caritas und Diakonie werden bloß zu zwei Prozent aus der Kirchensteuer finanziert – zu 98 Prozent dagegen von der Allgemeinheit. Weit über zehn Milliarden pro Jahr und Kirche allein aus dem Staatshaushalt. Die konfessionellen Krankenhäuser rechnen ihre Leistungen mit den Krankenkassen ab und werden nicht im Geringsten von den Kirchen finanziert. Für ihre Kindergärten zahlt die Kirche null bis 15 Prozent selbst, was relativ viel ist – das liegt aber nahe, will man sich doch seinen Nachwuchs erhalten.

Also ist die Politik, das zu ändern?

Die Versuchung ist groß, dass Politiker auf allen Ebenen Gesetze so drehen und Ausgaben so lenken, dass ihre Kirche bevorzugt wird. Es widerspricht jedoch dem Grundgesetz, das sagt, dass es keine Staatskirche gibt. Die Kirche nimmt auf allen Ebenen Einfluss. Auch auf die Gesetzgebung. Es muss strikt getrennt werden. Es kann nicht sein, dass wir mit unseren Steuern die Kirche finanzieren.

Was sagen Sie Menschen, die Ihnen versichern, dass Ihnen die Kirche und Glaube guttun?

Dann sollen sie weiter dort bleiben. Ich will das keinem abschwätzen. Das ist eine persönliche Entscheidung und die ist vollkommen akzeptiert. Wir argumentieren auch niemals gegen Menschen, sondern gegen den Sinn oder Unsinn, den sie in ihren Köpfen haben.

Angesichts der steigenden Kirchenaustritte. Ist Ihre Mühe überhaupt notwendig?

Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Kirchenmitglieder in 2022 unter 50 Prozent liegen wird. Wir Konfessionsfreien sind mit 38 Prozent heute schon die größte Gruppe. Katholiken machen aktuell noch 27 Prozent aus, die Protestanten noch 26 Prozent. Aber: Wie viele Mitglieder der Kirche sind noch gläubig? Ich halte die echten Gläubigen für eine verschwindende Minderheit.

Sind Ihre Gesprächspartner verwundert, wenn Sie ihre Informationen weitergeben?

Ja. Die Kirchenfinanzierung ist schon alleine deswegen unklar, weil es nicht die eine Kirche ist. Es sind tausende Organisationen, die damit zusammenhängen. Das zu entwirren ist buchstäblich eine Doktor-Arbeit. Carsten Frerk hat sich damit ausgiebig beschäftigt und Bücher darüber veröffentlicht, etwa das „Violettbuch Kirchenfinanzen“. Ein trockenes, aber hochinteressantes Zahlenwerk.

Umfasst ihre Kritik bloß die christlichen Kirchen?

Nein. In der Praxis haben wir es in Deutschland meist mit christlichen Kirchen zu tun. Wir haben aber auch Zulauf von ehemaligen Muslimen, die sich abwenden. Es gab vor einigen Jahren eine Kampagne, die bebildert wurde mit einer Frau, die ihr Kopftuch lüftet. Damals ging das durch alle Medien und viele Frauen etwa im Iran haben es nachgeahmt und öffentlich gemacht. Das ist zum Beispiel auf uns zurückzuführen. Auch der Zentralrat der Ex-Muslime ist von der GBS gegründet worden, der Begriff „Ex-Muslim“ – von Michael Schmidt-Salomon erfunden – wird heute weltweit verwendet.

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