Zwölf Monate hat Deutschland noch Zeit. Dann sollen eine Million Elektro-Autos auf den Straßen fahren. Angesichts von kaum 100 000 Stromern, die bis Ende 2017 in Flensburg gemeldet waren, könnte man das Millionenziel für Wunschdenken halten, von dem sich die Regierung nach Jahren des Hoffens verabschiedet hat. Das ist aber nicht der Fall.

Zumindest symbolisch will man am gesteckten Ziel festhalten, weil Schwarz-Rot einige Köder ausgelegt hat, um den Kauf von E-Autos anzukurbeln. Um es gleich zu sagen: Der Erfolg ist bisher gering. Da ist etwa die Kaufprämie von 4000 Euro, die bei den hohen Preisen für diese Fahrzeuge kaum ins Gewicht fällt; da ist der Zuschuss für Hybride, der so kompliziert geworden ist, dass nur Fachleute durchblicken. Und beim Einbau privater Ladesäulen ist weniger der Zuschuss von Belang als die Frage: Kommt so viel Ladestrom überhaupt durch die Leitung? Hier trifft Theorie auf Wirklichkeit. Kein Wunder, dass bis Ende Oktober 2018 nur 84 000 Autofahrer einen Umweltbonus beantragt haben.

Die großen Zahlen bleiben abstrakt. Blickt man auf einen Landkreis – etwa den Konstanzer – wird es klarer. Wollte man hier die Vorgabe der Bundesregierung verwirklichen, müssen im Kreis 3316 Stromer fahren. Stand Ende 2018 sind es 357, das sind 0,16 Prozent aller hier zugelassenen Fahrzeuge. Auch wenn man zur Erklärung anführen könnte, dass die Modelloffensive der (deutschen) Hersteller noch bevorsteht und Interessenten – bei hohen Preisen – wenig Auswahl haben, so ist doch zu sagen: Die Bürger scheinen den Versprechungen der Politik in Sachen E-Auto nicht zu trauen. Das ist richtig so.

Dennoch werden die Stromer von fast allen Parteien als Segen für den künftigen Individualverkehr verkauft. Man darf davon ausgehen, dass damit auch Schuldgefühle beim politischen Versagen im Diesel-Thema kompensiert werden. Das kann aber nicht heißen, sich die neue Welt der E-Autos schön zu malen. Denn diese Welt – so bizarr es klingt – bleibt nur so lange schön, wie eine geringe Zahl von Stromern unterwegs ist.

Warum? Strom muss in die Batterie fließen – und das kann er niemals so schnell wie Flüssigkraftstoff. Neue Stromtankstellen – etwa mit 350-Kilowatt-Standard – sind technisch zwar möglich. Aber ein flächendeckender Ausbau würde das deutsche Stromnetz kollabieren lassen. Allein 28 Wagen an einer Starkstrom-Tankstelle ziehen die gleiche Leistung wie ein gut besetzter ICE bei voller Beschleunigung. Wer also Millionen Fahrer in E-Autos setzen will, müsste einige Milliarden in eine Neu-Verkabelung Deutschlands stecken, die alle bezahlen müssten.

Angesichts der sowieso schon hohen Stromkosten ist das nicht zumutbar und auch aus einem anderen Grund fragwürdig. Denn wie viel Zukunft der massenhafte Individualverkehr im 21. Jahrhundert angesichts steigender Kosten und sinkender Ressourcen überhaupt hat, das ist wohl die Frage, die sich die Politik wirklich stellen muss, will sie sinnvolle Visionen setzen.

Das E-Auto ist diese Vision nicht. Trotz technischer Fortschritte bleiben die Reichweiten im Vergleich mit Verbrennern mager und das für die Batterien notwendige Lithium begrenzt. Schon kündigt sich ein weltweiter Wettlauf um dieses Metall an, der der Ausplünderung des Planeten weiter Vorschub leistet. Statt Öl ist es dann eben Lithium, um das gekämpft wird.

Von dieser Einbahnstraße ist nur abzubiegen, wenn Politik und Hersteller ihre Strom-Euphorie vergessen und zum gesunden Menschenverstand zurückkehren. Und der heißt: Ein Antrieb-Mix für die Autos der Zukunft. Zu dem gehört neben dem Stromer der leicht verfügbare Gas-Antrieb, sicher weiter auch der Diesel für die Nutzfahrzeuge und die Brennstoffzelle, die nur Wasserdampf als Emission hinterlässt. Die Zahl der Wasserstoff-Tanken ist zwar noch verschwindend klein. Aber Winfried Kretschmann hat mit seinem neuen Brennstoffzellen-Dienstwagen immerhin ein Zeichen gesetzt.