Als im September 2015 Flüchtlinge zu Hunderttausenden über die deutschen Grenzen strömten, war die Skepsis in Großbritannien besonders groß. Das Wort vom Hippie-Staat machte die Runde. Warum umarmt Deutschland jeden, der ins Land will, ohne nach den Folgen zu fragen? Sitzen in der Regierung in Berlin etwa lauter Blumenkinder? So fragten nicht nur die Konservativen auf der Insel.

Heute sind es die Briten, denen die Dinge entgleiten. Wenn Deutschland ein Hippie-Staat war, ist das Königreich heute ein Chaos-Staat. Das Drama um den Brexit nimmt kein Ende, die Regierung in London ist handlungsunfähig, das Land steuert auf einen Abgrund zu. Staunend sieht man, wie sich die älteste und bislang stabilste Demokratie Europas selbst zerlegt.

In Großbritannien zeigt sich, was Populismus anrichten kann.

Eingebrockt wurde das Chaos von Scharfmachern, die vorgaben, im Namen des Volkes zu sprechen. Die meisten von ihnen sind längst über alle Berge. Der Problemberg, den die hinterließen, ist noch da – sollen sich andere darum kümmern, zum Beispiel Frau May.

Die Premierministerin stimmte bei der Volksabstimmung 2016 gegen den Brexit. Jetzt beißt sie sich die Zähne aus, um im Interesse der Menschen wenigstens eine geordnete Trennung hinzubekommen.

Der Fall könnte also eine Warnung sein. Ist er aber nicht.

In vielen Ländern Europas und der Welt legen Wähler ihr Schicksal in die Hände der großen Vereinfacher. In Polen, Ungarn und Tschechien sind schon lange Populisten an der Macht, seit vergangenem Jahr auch in Italien. In den USA demonstriert Donald Trump jeden Tag aufs Neue, was man sich unter Haudrauf-Politik vorzustellen hat. Niemand sollte sich darauf verlassen, dass er 2020 abgewählt wird.

Auch Brasilien und die Philippinen werden von Geistesverwandten des US-Präsidenten regiert. Welches unselige Ende diese Entwicklung im schlimmsten Fall nehmen kann, verrät ein Blick nach Venezuela. Dort führen linke Vulgärpopulisten ein ganzes Land in den Untergang. Das Volk, auf das sie sich berufen und das sie lange mit sozialen Wohltaten umworben haben, wird nicht gefragt.

Und trotzdem werden die angeblichen Volksversteher weiterhin gewählt. Aber warum?

Populismus gibt es, seit es die Demokratie gibt: Der Begriff kommt von Populus, dem lateinischen Wort für Volk. Schon vor 2000 Jahren kannten ihn die Menschen als Strategie, die den Wählern nach dem Mund redet, um deren Gunst zu gewinnen. Ist die Macht erst einmal errungen, ändern die Sieger die Regeln, um sie nicht mehr abgeben zu müssen.

Wer widerspricht und auf seine demokratischen Rechte pocht, wird zum Staatsfeind erklärt. So machen es Putin in Russland und Erdogan in der Türkei, so machen es Orban in Ungarn und Kaszynski in Polen. Allein Donald Trump rennt mit seinen Allmachtsfantasien gegen Wände. Die amerikanische Verfassung mit ihrer strikten Gewaltenteilung erweist sich als stärker.

Populismus hat Erfolg, wo sich breite Massen im Stich gelassen fühlen.

In den USA beispielsweise, wo weiße Wählerschichten verarmen, weil sie den Herausforderungen von Globalisierung und Digitalisierung nicht gewachsen sind. Ohnmächtig schauen sie auf chinesische Billigprodukte in ihren Supermärkten, die amerikanische Jobs kosten, ebenso auf illegale Einwanderer, die die Löhne drücken.

Die da oben, so ihre Erfahrung, interessiert das nicht. Der Erfolg des Bilderbuch-Populisten Trump ist deshalb kein Zufall, sondern die logische Konsequenz einer Fehlentwicklung, die großen Wählergruppen das Gefühl gibt, sie seien den Karrieremachern, Vorangekommenen und Etablierten gleichgültig.

Der Aufstieg des Populismus erklärt sich somit vor allem aus dem Versagen der Eliten.

Die härtesten Brexit-Befürworter im britischen Unterhaus haben ihre Wahlkreise in den heruntergekommenen Städten des nordenglischen Kohlereviers. Dort sieht man die EU als Wurzel allen Übels. Eine Antwort hatte ihnen bisher niemand zu bieten, weder in London noch in Brüssel.

Selbst in Deutschland bestätigt sich dieses Muster – nachdem die AfD im Bundestag und in allen 16 Landtagen sitzt. Ihre Hochburgen hat die Partei keineswegs in abgelegenen ländlichen Gebieten, sondern dort, wo Wähler mit den Folgen von sozialem Abstieg, Zukunftsangst und ungeregelter Zuwanderung am sichtbarsten konfrontiert sind.

Populismus, das macht das Chaos der Briten deutlich, löst keine Probleme, sondern schafft neue. Wer ihm das Wasser abgraben will, muss jedoch lernen, offener über Themen zu reden, von denen Populisten profitieren. Von Franz Josef Strauß stammt das Wort, ein guter Politiker schaue dem Volk aufs Maul, rede ihm aber nicht nach dem Mund. Gut gesagt. Die Erkenntnis gilt heute mehr denn je.