Als Manfred Götzl zu seinem Urteilsspruch ansetzt, vibriert seine Stimme leicht. Selbst Götzl, der mehr als fünf Jahre lang im Fokus der Öffentlichkeit stand, der gegen Beate Zschäpe und ihre Mitangeklagten verhandelte, souverän und kühl, selbst er spürt die Macht des Augenblicks und ist nervös. An der Schärfe seines Urteils freilich ändert das nichts. Es dauert eine gute Minute, bis er alle Taten aufgeführt hat, für die er Beate Zschäpe schuldig spricht. Zehnfacher Mord, besonders schwerer Raub, Mitglied einer terroristischen Vereinigung, schwere Brandstiftung, Mordversuch, alles mehrfach, alles in Tatmehrheit – der Staatsschutzsenat am Münchener Oberlandesgericht klammert nicht einen Vorwurf aus der Anklage aus. Gut 50 sind es am Ende. Mehr geht nicht.

Beate Zschäpe wirkt gefasst, vielleicht sogar darauf vorbereitet. Sie steht den Schuldspruch samt Strafmaß unbewegt durch, sitzt danach an ihrem Platz, die Finger ineinander verschränkt. Auch ihre fünf Anwälte reagieren kaum, zucken nicht, schütteln nicht den Kopf. Sie wissen, dass Götzl bekannt ist für seine harten Urteile und seine kompromisslose Linie. Beate Zschäpe ist ganz in Schwarz gekleidet – womöglich ein letztes öffentliches Statement vor der endlosen Haft. Lebenslang mit besonderer Schwere der Schuld hält das Gericht für tatangemessen. Nach 20 bis 25 Jahren kann Zschäpe um Begnadigung bitten. Weil die U-Haft angerechnet wird, wäre die heute 43-Jährige dann gute 60 Jahre alt.

Demonstranten halten bei einer Kundgebung vor dem Oberlandesgericht ein Schild mit der Aufschrift „Opfer wurden zu Tätern gemacht“. An diesem Tag wird vor dem Oberlandesgericht in München ein Urteil im NSU-Prozess um Zschäpe gesprochen werden. Die als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) bezeichnete Terrorgruppe hatte zwischen den Jahren 2000 und 2007 zehn Menschen in Deutschland ermordet.
Demonstranten halten bei einer Kundgebung vor dem Oberlandesgericht ein Schild mit der Aufschrift „Opfer wurden zu Tätern gemacht“. An diesem Tag wird vor dem Oberlandesgericht in München ein Urteil im NSU-Prozess um Zschäpe gesprochen werden. Die als Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) bezeichnete Terrorgruppe hatte zwischen den Jahren 2000 und 2007 zehn Menschen in Deutschland ermordet. | Bild: Tobias Hase, dpa

Hinter Zschäpe sitzen ihre Mitangeklagten. Auch André E. und Ralf Wohlleben kommen in Schwarz, ihre Ehefrauen ebenfalls. Ein merkwürdiges Familientreffen. Es ist ein letztes Mal, dass die beiden neben ihnen Platz nehmen, als Rechtsbeistand, wie es offiziell heißt. Ein Begriff, der selten so wenig gepasst hat. Immer wieder waren die Frauen während der 437 Verhandlungstage gekommen, hatten im Prozess mit ihren Männern getuschelt, Händchen gehalten, sie geküsst – während hinten im Saal die Angehörigen der NSU-Opfer saßen und vorne die Zeugen, Gutachter und Sachverständige sich durch die Gräueltaten der drei Terroristen kämpften, durch die grausamen Details bis hin zu den tiefen seelischen Wunden, die der Terror des NSU hinterlassen hat.

Auch die beiden Frauen tragen schwarz. Gut möglich, dass sie alle damit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gedenken wollen. Sie waren ihre Freunde. Ralf Wohlleben muss das mit zehn Jahren Haft büßen wegen Beihilfe zum Mord, E. mit zweieinhalb Jahren. E.s Haftbefehl wurde noch gestern aufgehoben. Wohlleben hat nach Überzeugung des Gerichts die Ceska 83 besorgt, die Waffe, mit der Böhnhardt und Mundlos neun Menschen ermordet haben.

Die Urteile, sagt Alexander Seifert, seien angemessen. Seifert vertritt Kerem Yasar, Sohn des NSU-Opfers Ismail Yasar. Kerem Yasar ist extra nach München gekommen; er wollte dabei sein, in die Gesichter der Angeklagten sehen in dem Moment, in dem das Gericht endlich auch jene Tat sühnt, die ihm am 9. Juni 2005 den Vater genommen hat. Am Ende fehlen ihm die Worte für seinen Schmerz. Und für den Zorn über die Neonazis oben im Publikum.

Linke Gruppen protestieren vor dem Oberlandesgericht München. Hier wurden die Urteile im NSU-Prozess gesprochen.
Linke Gruppen protestieren vor dem Oberlandesgericht München. Hier wurden die Urteile im NSU-Prozess gesprochen. | Bild: Sven Hoppe, dpa

Zitate von Hitler und Goebbels

André E. und Ralf Wohlleben haben sich nie von der Szene distanziert, im Gegenteil. E. hat seinen Anwalt erklären lassen, er sei „Nationalsozialist mit Haut und Haaren“. Wohlleben hat sich drei Szeneanwälte geholt, die ihr Plädoyer mit Zitaten von Adolf Hitler bis Joseph Goebbels gespickt hatten. Als das Gericht sein Urteil verkündet, steht ein gutes Dutzend Rechtsextremer auf der Zuschauertribüne und klatscht, weil E. mit zwei Jahren und sechs Monaten überraschend gut wegkommt. Doch die Richter sehen etliche der Vorwürfe aus der Anklage nicht belegt, insbesondere den, E. habe gewusst, dass Böhnhardt und Mundlos mordend durchs Land zogen, während er für ihre Touren die Wohnmobile gemietet hatte. Die Bundesanwaltschaft hatte zwölf Jahre für ihn gefordert wegen Beihilfe zum Mord, ebenso für Ralf Wohlleben als Beschaffer der Ceska 83.

Wohlleben muss zehn Jahre hinter Gitter. Doch weil er wie Zschäpe seit November 2011 in Untersuchungshaft sitzt, wird er in absehbarer Zeit wieder auf freiem Fuß sein. Auch Wohlleben halten die Rechtsextremen die Treue. In ihren Kreisen gilt der Ex-NPD-Funktionär als Märtyrer und Held. Die oben auf der Tribüne und die unten im Saal kennen sich. Sie winken sich zu, lächeln, lachen, ganz so, als ob es nicht um eine der grausamsten Mordserien in der Bundesrepublik ginge.

Manfred Götzl hat da längst seine alte Stimmlage wiedergefunden. Das Vibrato ist seinem mittelfränkischen Dialekt gewichen. Seite um Seite liest er die Urteilsbegründung ab, arbeitet sich durch die Chronologie des NSU, von seinen Anfängen in den 1990er-Jahren in den Jenaer Plattenbauten Winzerla, als sich Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe kennen und lieben gelernt haben. Bis zum Ende des NSU 2011 mit dem Selbstmord der beiden Männer.

Es ist auch die Geschichte dreier junger Menschen der Nachwendezeit in einem Umfeld, das sich zunehmend radikalisiert hat. Götzl allerdings vertieft das nicht, er streift es kaum; die Umstände sind für sein Urteil nicht erheblich. Für ihn ist entscheidend, dass die drei sich gekannt, dass sie eine Einheit gebildet haben. Der entscheidende Moment ist für das Gericht der 26. Januar 1998, als die Polizei eine Garage der drei durchsucht, rechtsextremes Propaganda-Material sicherstellt – und eine funktionsfähige Rohrbombe samt 1,4 Kilogramm TNT. Es ist der Moment, da die drei in den Untergrund abtauchen. Und bis zum 4. November 2011 dort bleiben werden.

Diese Fahndungsbilder aus dem Jahr 1998 zeigen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Das Trio bildete die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), die für eine Serie von zehn Morden, Banküberfälle und Sprengstoffanschläge verantwortlich gemacht wird.
Diese Fahndungsbilder aus dem Jahr 1998 zeigen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Das Trio bildete die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), die für eine Serie von zehn Morden, Banküberfälle und Sprengstoffanschläge verantwortlich gemacht wird. | Bild: Frank Doebert

Götzl hakt die Fälle ab. Er zählt jeden Verletzten auf, vor allem aber jeden Ermordeten, holt sie noch einmal aus der Anonymität der Akten, gibt ihnen Namen und Gesicht. Er beschreibt, wie sie starben. Er fügt stets hinzu, dass Böhnhardt und Mundlos ihre Opfer erschossen haben „in bewusstem und gewolltem Zusammenwirken mit Frau Zschäpe“. Er sagt, die drei hätten früh ihre Terrorpläne entwickelt. Ihnen sei wichtig gewesen, dass sie anonym bleiben, damit sie weiter morden können. Dass sie nicht jedes einzelne Verbrechen als rechtsextremen Mord erkennbar machten, sondern erst am Ende als eine Serie. Das, sei ihr Kalkül gewesen, werde „deutlich destabilisierender“ wirken auf ihr Ziel – auf Menschen mit ausländischen Wurzeln.

Terror also, durchtrieben und heimtückisch, weil die Opfer zwangsläufig arglos gewesen waren. Götzl und seine vier Kollegen sind sicher, dass die drei genau wussten, was sie taten. Sie glauben Zschäpe kein Wort, die erklärt hatte, sie habe stets erst hinterher von den Taten erfahren und sie immer verurteilt. Dass sie aber abhängig gewesen sei von Böhnhardt und Mundlos. Und sie glauben ihr nicht, dass sie sich nicht hatten stellen wollen aus Angst vor der Strafe, die sie für die Funde in der Jenaer Garage erwartet hätte.

Heimtückischer Terror

Es ist ein trockener, faktischer Vortrag, einer, wie er einem Gericht, einem Strafprozess angemessen ist. Den Schmerz der Angehörigen erfasst er nicht einmal ansatzweise. Ismail Yosgat, Vater des NSU-Opfers Halit, sitzt im Saal, hört die Worte des Richters. Dann reißt es ihn hoch. „Es gibt keinen Gott außer Gott!“, ruft er aufgewühlt und unter Tränen immer wieder in Richtung der Angeklagten. Die wirken überrascht, aber nicht betroffen. Götzl unterbricht ihn, sagt, er solle schweigen.

Teilnehmer einer Demonstration in München halten ein Schild mit den Bildern der Opfer des NSU in Händen.
Teilnehmer einer Demonstration in München halten ein Schild mit den Bildern der Opfer des NSU in Händen. | Bild: MATTHIAS BALK, dpa

Die Anwälte Zschäpes erklären noch während der Urteilsverkündung, dass sie in Revision gehen wollten; Nebenklagevertreter denken ebenfalls darüber nach – ihnen sind die Mitangeklagten zu gut weggekommen. Es sind die üblichen Schlussakkorde in einem normalen Strafprozess. Vorne redet Manfred Götzl ungerührt weiter. Dann schließt er die Verhandlung. Nach mehr als fünf Jahren.

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