Es ist eine kleine Revolution: Die Unionsfraktion im Bundestag hat ihren Vorsitzenden Volker Kauder nach 13 Jahren im Amt gestürzt und Ralph Brinkhaus zum Nachfolger gewählt.

Brinkhaus gewann am Dienstag in Berlin mit 125 zu 112 Stimmen überraschend die Kampfabstimmung gegen den Vertrauten von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Zwei Abgeordnete enthielten sich. Dieses Signal der Unions-Abgeordneten dürfte auch der CDU-Vorsitzenden Merkel gegolten haben.

Wir haben mit Politikern aus unserer Region gesprochen und gefragt, wen sie gewählt haben und was sie vom neuen Fraktionschef erwarten.

Andreas Jung, 43, Bundestagsabgeordneter im Wahlkreis Konstanz und Vorsitzender der CDU-Landesgruppe.

Jung bekennt offen: „Ich habe Volker Kauder gewählt.“ Der bisherige Fraktionschef habe an maßgeblicher Stelle dazu beigetragen, dass „wir schwierige Entscheidungen treffen und wichtige Weichen stellen konnten“.

Zur Ankündigung des neuen Fraktionschefs Ralph Brinkhaus, die Fraktion selbstbewusst und in enger Partnerschaft mit der Kanzlerin zu führen, verspricht Jung: „Wir Baden-Württemberger werden ihn dabei konstruktiv unterstützen.“

Lothar Riebsamen, 61, Wahlkreis Bodensee.

„Noch keine abschließende Entscheidung getroffen“: Lothar Riebsamen, Bundestagsabgeordneter im Bodenseekreis und Delegierter des Kreisverbandes Sigmaringen.
„Noch keine abschließende Entscheidung getroffen“: Lothar Riebsamen, Bundestagsabgeordneter im Bodenseekreis und Delegierter des Kreisverbandes Sigmaringen. | Bild: CDU

Riebsamen bekennt ebenfalls, für Kauder gestimmt zu haben. „Ich erhoffe mir davon Kontinuität in schwierigen Zeiten für die Bundesregierung und die Partei vor zwei wichtigen Landtagswahlen“, sagt er zur Begründung. Von Brinkhaus erwartet der Abgeordnete aus dem Linzgau, dieser werde „neue Akzente setzen hinsichtlich einer ambitionierten Fraktionsarbeit.“

Axel Müller, 55, Wahlkreis Ravensburg.

Bild: CDU

Müller will seine Wahlentscheidung nicht preisgeben, da es eine geheime Abstimmung gewesen sei. Seine Wahlentscheidung habe er aber unter Berücksichtigung folgender Kriterien getroffen: „Erfahrung, Verlässlichkeit, Verhandlungsgeschick, persönliche Wertschätzung“.

Deshalb erwarte er von Brinkhaus, „dass er die Fraktion weiter zur konsequenten Sacharbeit bringt, die Umsetzung des Koalitionsvertrages konstruktiv begleitet und natürlich eine spürbare einigende Kraft.“

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Armin Schuster, 57, Wahlkreis Lörrach.

Bild: CDU-Kreisverband Konstanz

Schuster hat mit einem knappen Ergebnis für Kauder gerechnet, nicht aber mit einer Abwahl. „Als Baden-Württemberger empfindet man tiefes Bedauern für Volker Kauder, weil er 13 Jahre lang unermesslichen Einsatz für die Unionsfraktion zeigte – das verdient eigentlich einen würdigeren Übergang“, sagt Schuster.

Allerdings sei der Wille für den Beginn einer Wachablösung schon länger spürbar gewesen. Es könne jedoch nicht das Ziel der Fraktion sein, „die amtierende Kanzlerin und damit auch die CDU zu schwächen.“

Thorsten Frei, 45, Wahlkreis Schwarzwald-Baar.

Bild: CDU

Frei sieht das knappe, nahezu geteilte Ergebnis als „sinnbildlich für die Situation in unserem Land, von der auch die Union in vielfacher Hinsicht nicht unberührt geblieben ist.“

Er wünsche Brinkhaus „ein glückliches Händchen“, danke zugleich aber auch Kauder, der maßgeblich daran mitgewirkt habe, dass es Deutschland wirtschaftlich so gut gehe wie nie zuvor seit der Wiedervereinigung.

Felix Schreiner, 32, Wahlkreis Waldshut-Tiengen,

„Von der einstigen Textillandschaft am Hochrhein ist nicht mehr viel übrig geblieben.“ – Felix Schreiner, CDU-Bundestagsabgeordneter
„Von der einstigen Textillandschaft am Hochrhein ist nicht mehr viel übrig geblieben.“ – Felix Schreiner, CDU-Bundestagsabgeordneter | Bild: Felix Schreiner

Schreiner beruft sich auf das Wahlgeheimnis, dankt aber Volker Kauder „für die sehr gute Arbeit in den vergangenen 13 Jahren“. Der Fraktionschef habe auch für den Südwesten tolle Arbeit geleistet und zudem den Einfluss Baden-Württembergs in Berlin geltend gemacht.

Zur Wahl von Ralph Brinkhaus in geheimer Wahl sagt Schreiner: „Das ist Demokratie!“ Die Wahl sei aus seiner Sicht „Ausdruck des tiefen Wunschs innerhalb der Union nach Erneuerung und Aufbruch“. Bei diesen anstehenden Aufgaben unterstütze er deshalb Brinkhaus mit voller Kraft. Er sehe darin eine Chance zur Erneuerung der Partei.

Thomas Bareiß, 43, Wahlkreis Zollernalb-Sigmaringen

Bild: CDU

Bareiß beruft sich ebenfalls auf das Wahlgeheimnis, meint aber: „Mein Eindruck war, dass die Wahl sehr fair und respektvoll ablief.“ Für Kauder tue es ihm menschlich sehr leid. Dieser habe in den letzten 13 Jahren viel geleistet. Die Wahl hält Bareiß für ein „Zeichen für lebendige Demokratie und eine engagierte Fraktion“.

CDU und CSU müssten sich jetzt schnell an die Sacharbeit machen und Personaldiskussionen hinter sich lassen. Über den neuen Fraktionschef sagt Bareiß: „Ich kenne Ralph Brinkhaus gut und schätze ihn sehr.“