Im Jahr 1722 setzte der Niederländer Jakob Roggeveen als erster Europäer seinen Fuß auf die Osterinsel. Er entdeckte ein völlig unwirtliches Land. Nur noch wenige Menschen lebten auf dem kleinen Eiland weit draußen im Pazifik, ausgehungert, verarmt, ohne jeden Lebensmut. Mächtige Götterstatuen an der Küste und riesige Zisternen im Landesinnern verrieten, dass die Insel bessere Zeiten gesehen haben musste. Wie wir heute wissen, lebten ihre Bewohner viele Jahrhunderte lang von der Honigpalme, die sich in dichten Wäldern über die gesamte Insel erstreckte und Leben und Wohlstand ermöglichte. Das hinderte die Insulaner nicht daran, sie gnadenlos abzuholzen. Irgendwann fiel der letzte Baum – und das Elend nahm seinen Lauf. Weil Eigennutz vor Gemeinwohl ging, zerstörte sich die Gesellschaft selbst.

Sind wir heute klüger? Je höher das Thermometer in diesem Rekordsommer steigt, desto lauter werden die Zweifel. Temperaturen wie im Backofen gab es auch früher. Aber so? In Deutschland zeichnen sich massive Ernteausfälle ab; der Bauernpräsident fordert, den Notstand auszurufen. In Schweden brennen die Wälder, Norwegen blickt auf den trockensten Sommer seit 1947 zurück. Selbst England, das zu dieser Jahreszeit ansonsten knöcheltief im Regen steht, verdorrt. Ähnliches melden Japan und die USA. Klimaexperten räumen ein, dass sie selten Vergleichbares gesehen haben.

Man muss kein grüner Öko-Fundi sein, um in diesen brütend heißen Tagen neu über den Klimawandel nachzudenken. Jahrelang hat er weder Regierungen noch Wählerschaft sonderlich interessiert. Jetzt rinnt den Deutschen der Schweiß von der Stirn und die Frage, ob das Problem eine Folge unserer Lebensweise ist, rückt mit neuer Wucht auf die Tagesordnung. Noch weiß niemand mit Sicherheit, ob es sich einfach nur um einen heißen Sommer handelt oder um eine langfristige, von der Industriegesellschaft verursachte globale Erwärmung: Die Wissenschaftler messen noch und diskutieren über ihre Folgerungen. Doch der Verdacht liegt nahe, dass dies nicht der letzte Sommer war, in dem Felder verbrennen, Flüsse austrocknen und Getränke knapp werden. Ein Vergleich der letzten 20 Jahre zeigt, dass fast überall auf der Welt die Durchschnittstemperaturen gestiegen sind. Zugleich häufen sich Wirbelstürme, Sturzfluten, Überschwemmungen. Die Erde hat Fieber und die Schübe kommen immer öfter.

Eine Politik, die ihre Verantwortung für die Zukunft ernst nimmt, müsste darauf reagieren. Sie tut es aber nicht. Die Kanzlerin musste kürzlich zerknirscht einräumen, dass die Bundesregierung ihre Klimaziele verfehlen wird. In Washington regiert ein Präsident, der die Erderwärmung für ein Märchen hält und aus dem Abkommen zum Klimaschutz ausgestiegen ist. Von Chinesen, Indern und anderen Schwellenländern kann man unter diesen Umständen kaum erwarten, dass sie die Sorge ums Weltklima über ihren eigenen Wirtschaftsaufschwung stellen.

In westlichen Demokratien führt die Klimapolitik immer noch ein Schattendasein, weil sie den Wählern keine unmittelbaren Vorteile versprechen kann. Viele Menschen erinnert sie mit ihren Schreckensszenarien an mittelalterliche Bußpredigten: Man glaubt daran oder lässt es eben bleiben. Wahlen lassen sich damit nicht gewinnen. Das macht es schwer, über den Tag hinaus zu denken und von der Bevölkerung Einschränkungen zu verlangen, die vielleicht einmal Kindern und Enkeln zugute kommen. Aus der Sicht der Bürger hat die Zukunftsvorsorge viele Gesichter, die Angst vor Hitzschlag und Sturzflut ist nur eines von vielen. Bis heute konnte sich Nordrhein-Westfalen nicht dazu durchringen, die letzten Braunkohlegruben zu schließen, weil die Landesregierung in Düsseldorf den Verlust von Arbeitsplätzen mehr fürchtet als den Ausstoß von Treibhausgasen. Wenn schon ein deutsches Bundesland solche Prioritäten setzt, sollte von den Weltklimakonferenzen niemand den großen Ruck erhoffen.

Eine Klimapolitik, die sich auf ökologische Aspekte verengt, ist daher zum Scheitern verurteilt. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass Gesellschaften aus vielerlei Gründen ihre Zukunft verspielen können. Manche sind unfähig, mit ihren Nachbarn in Frieden zu leben, andere verlieren ihre wirtschaftliche Existenzgrundlage oder verspielen den sozialen Frieden. Die Ureinwohner der Osterinsel sägten den Ast, auf dem sie saßen, buchstäblich ab. Ihr Untergang war die Folge einer selbst verschuldeten Öko-Katastrophe. Der Klimawandel fällt in diese Kategorie. Kein Land der Welt kann das Aufheizen des Planeten allein abwenden, aber jedes muss seinen Beitrag dazu leisten, die gemeinsamen Lebensgrundlagen zu erhalten. Was ökologisch unvernünftig ist, kann politisch und wirtschaftlich nicht vernünftig sein. Abwarten ist keine Option.